Stand: 14.11.2018 14:19 Uhr

Bekommen wir, was wir verdienen?

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Gefühlte Gerechtigkeit: Geht es meinem Nachbarn etwa besser als mir?

"Bekommen andere mehr als ich, obwohl mir eigentlich mehr zustünde?" Wer so denkt, wird von seinem Umfeld oft als Neider abgestempelt. Dabei liefert die Antwort auf die Frage, ob man den gerechten Anteil erhält, Sozialwissenschaftlern wichtige Hinweise darauf, wie sich die Bürger fühlen.

Denn die Frage kitzelt aus Menschen eine Antwort auf ihr Empfinden von "gefühlter Ungerechtigkeit" heraus, also das latente Gefühl, in der Gesellschaft schlechter dazustehen als das Umfeld.

Eine Plastik-Frauenfigur sitzt auf einem kleinen Euro-Münzen-Stapel, eine Männerfigur auf einem größeren. © picture-alliance/dpa Foto: Lehtikuva Tuomas Marttila

Wie gespalten ist unsere Gesellschaft?

NDR Info - Redezeit -

Überzogene Managergehälter, Sozialneid, Hass im Netz - immer mehr Menschen fühlen sich ungerecht behandelt. Wie gespalten ist unsere Gesellschaft?

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Es handelt sich um ein irrationales Gefühl, das zu auffälligen Verwerfungen führt: "Während die Parlamentarier die wirtschaftlichen Verhältnisse in Deutschland überwiegend als gerecht ansehen, werden diese von der Bevölkerung überwiegend als ungerecht betrachtet", beschreibt Wolfgang Glatzer, emeritierter Professor für Sozialwissenschaften der Uni Frankfurt, eine dieser Diskrepanzen zwischen der Realität und der gefühlten Wahrnehmung der Wirklichkeit.

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Aufsatz: Gefühlte (Un)gerechtigkeit

Unter diesem Link können interessierte Leser den Aufsatz von Wolfgang Glatzer anfordern. (in englischer Sprache) extern

Leibniz-Institut ermittelt emotionales Gerechtigkeitsbarometer

Mit der Realität muss die "gefühlte Gerechtigkeit" also nicht viel zu tun haben. Und dennoch: Misst man diese persönliche Gerechtigkeitsnote der Deutschen, zeigen sich im Verlauf der Jahre Reaktionen der Bevölkerung auf wichtige politische Ereignisse.

Seit über 30 Jahren fragen Wissenschaftler des Leibniz-Instituts für Sozialwissenschaften in der "Allgemeinen Bevölkerungsumfrage der Sozialwissenschaften" (ALLBUS), ob die Deutschen "ihren gerechten Anteil" erhalten. Vergleichen sollen sich die Befragten mit ihrem Umfeld. "Von einer gefühlten Ungerechtigkeit wird gesprochen, wenn jemand 'etwas weniger' oder 'sehr viel weniger' angibt", schreibt Sozialwissenschaftler Wolfgang Glatzer.

Das gefühlte Gerechtigkeitsempfinden der Bevölkerung schwingt meist bei großen politischen Umbrüchen um. Genau dann, wenn sich die Lebenswelten der Menschen verändern. In den vergangenen 30 Jahren findet sich dieser Trend vor allem in den Wendejahren und nach Beginn der Wirtschaftskirse 2007.

Wie ist das gefühlte Gerechtigkeitskeitsempfinden im Land?

Einen großen Unterschied macht ebenfalls aus, ob der Befragte in den alten oder neuen Bundesländern lebt.

Im Folgejahr der Wirtschaftskrise 2007 knackte die gefühlte Ungerechtigkeit im Westen erstmals die Rekordmarke von 40 Prozent. Jeder Dritte emfpand also in diesem Jahr, dass ihm eigentlich mehr zustünde, als er bekommt. Im Osten liegt der Anteil jener, die meinen, nicht ihr verdientes Stück des Kuchens zu bekommen seit der Wende deutlich höher. Der Wert nähert sich aber zunehmend dem im Westen an.

Nicht nur die Herkunft, definiert den Grad des Gefühls der eigenen Benachteiligung. "Je tiefer die Lebenslage, desto höher ist der Anteil der gefühlten Ungerechtigkeit und desto geringer ist die Lebenszufriedenheit", hält Sozialwissenschaftler Glatzer fest.

Die Daten zeigen: Die gefühlte Ungerechtigkeit ist besonders stark, wenn der Befragte nicht arbeitet. Interessant dabei: Zumindest im Jahr 2016 waren Ganztagsarbeitende nicht diejenigen, die sich am wenigsten ungerecht behandelt fühlten, sondern Menschen in Teilzeitpositionen.

Laut Sozialwissenschaftler Glatzer würden insbesondere die wirtschaftlichen Verhältnisse von vielen Menschen als ungerecht betrachtet: "Dennoch wird kaum ein Protest oder Widerstrand gegen die Ungerechtigkeit der Wohlstandsverteilung zum Ausdruck gebracht", bemerkt der Professor. Es sei darüber hinaus erstaunlich, "dass die massive Gerechtigkeitskritik in der Vergangenheit keine größeren gesellschaftlichen Folgen gehabt hat".

Betrachtet man die Daten, zeigt sich: Gerade Menschen in Entscheiderpositionen, die gesellschaftliche Veränderungen anstoßen könnten, fühlen sich mittlerweile deutlich weniger ungerecht behandelt als noch vor 20 Jahren.

An dieser Stelle treffen Realtität und gefühlte Gerechtigkeit dann doch noch einmal aufeinander: Menschen im Berufsleben spüren im Schnitt dann doch, dass der Wirtschaftsmotor in Deutschland seit Jahren brummt. Sie realisieren: Im Vergleich zu anderen stehe ich gar nicht so schlecht dar.

ALLBUS

ALLBUS steht für "Allgemeine Bevölkerungsumfrage der Sozialwissenschaften". Neben dem SOEP, dem "Sozio-oekonomischen Panel", gehört ALLBUS zu den großen regelmäßigen Befragungen der deutschen Sozialwissenschaften. Sie wird seit 1980 alle zwei Jahre erhoben und befragt jedes Mal etwa 3.000 Deutsche nach ihrer Meinung zu Fragen des Zeitgeschehens, aber auch zu persönlichen Themen aus ihrem Umfeld.

Dieses Thema im Programm:

NDR Info | Redezeit | 14.11.2018 | 20:30 Uhr