Stand: 24.08.2018 11:45 Uhr

Im Osten verdienen Frauen mehr als Männer

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Frauen verdienen häufig weniger als Männer, die Gründe dafür sind vielfältig.

Dass Frauen in Deutschland weniger verdienen als Männer, gilt vielerorts als gesetzt. Hört man von diesem Gender Pay Gap, dem Lohnabstand zwischen den Geschlechtern, ist der erste Gedanke meist dieser: Frauen verdienen bei gleicher Leistung weniger als Männer, sie werden strukturell benachteiligt, das System ist schuld. Und tatsächlich gibt es diese Ungleichheit: Für das Jahr 2016 wies das Statistische Bundesamt (Destatis) für Frauen einen durchschnittlichen Bruttostundenverdienst von 16,26 Euro aus. Männer verdienten hingegen im Schnitt 20,71 Euro, und damit rund ein Fünftel mehr.

Für einen Teil der Lohndifferenz fehlt jede Erklärung

Es gibt Gründe, die diese Ungleichheit zum Teil erklären. Frauen tendieren zu Berufen, die weniger Gehalt einbringen, oder werden nach wie vor seltener in Führungspositionen befördert. Auch dass Frauen öfter in Teilzeit arbeiten, spielt eine Rolle. Berücksichtigt man all diese Faktoren - vergleicht etwa die Gehälter von Frauen und Männern, deren Arbeits- und Lebensumstände ähneln -, spricht man vom "bereinigten" Gender Pay Gap. Er erklärt einen großen Teil des ungleichen Verdienstes von Frauen und Männern. Doch für einen Teil der Lohnlücke fehlt jede Erklärung.

Alle vier Jahre berechnet Destatis diese bereinigte Lohndifferenz. Sie lag im Jahr 2014 bei sechs Prozent, hielt sich auch in Vorjahren relativ konstant im niedrigen einstelligen Prozentbereich. Legt man beispielsweise den Stundensatz von Männern aus dem Jahr 2016 von 20,71 Euro zu Grunde, bedeutet ein bereinigter Gender Pay Gap von sechs Prozent konkret, dass Männer pro Stunde 1,24 Euro mehr verdienen. Einfach weil sie Männer sind.

Lohnlücke unterscheidet sich von Region zu Region

Diese Benachteiligung von Frauen ist schlichtweg ungerecht, keine Frage. Es lohnt allerdings, vom bereinigten Gender Pay Gap einmal Abstand zu nehmen. Denn bricht man den Lohnabstand ohne Bereinigung auf Deutschlands Regionen herunter, werden bisher kaum beachtete Verwerfungen beim Thema Lohngerechtigkeit deutlich. Das ist das Ergebnis einer Analyse des Instituts für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB), einer Forschungseinrichtung der Bundesagentur für Arbeit.

Die Wissenschaftler berechneten die prozentuale Differenz zwischen dem Medianeinkommen von Männern und Frauen zum Stichtag 31.12.2016. Für Norddeutschland zeigt sich darin auf den ersten Blick, dass Frauen in den östlichen Landkreisen Mecklenburg-Vorpommerns mehr verdienen als Männer. Die Erklärung: Männer in Ostdeutschland finden vor allem dann dauerhaft Arbeit, wenn die Privatwirtschaft brummt. Frauen arbeiten hingegen stärker im öffentlichen Dienst.

Medianeinkommen

Das Medianeinkommen ist der Einkommenswert, der die Menge aller Einkommen in genau zwei Hälften teilt: eine Hälfte, die über dem Medianeinkommen liegt, eine Hälfte, die darunter liegt. Die Organisation für Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa (OSZE) nutzt es, um Geringverdiener zu definieren: Menschen, die weniger als zwei Drittel des Medianeinkommens erhalten, in Deutschland weniger als 2.088 Euro. (Quelle: Statistisches Bundesamt)

Ein wichtiger Faktor für unterschiedliche Verdienstmöglichkeiten scheint die regionale Wirtschaftsstruktur zu sein. Beispiel Norddeutschland: In Niedersachsen gibt es Regionen, die von hoch spezialisierten, von Männern dominierten Branchen geprägt sind: Autozulieferer, Werften, Luft- und Raumfahrtindustrie, Windenergie oder Landwirtschaft. In Mecklenburg-Vorpommern sieht das anders aus, besonders seitdem der Schiffbau nicht mehr so gut läuft wie früher.

Muster wiederholt sich in vielen ostdeutschen Kreisen

Auch in Brandenburg gibt es Regionen, in denen das Medianeinkommen von Frauen höher liegt. Das Beispiel Cottbus zeigt, woran das liegen kann. In Cottbus verdienten Männer 17 Prozent weniger als Frauen. Laut der IAB-Forscher fehlt es in Cottbus an einer ausgeprägten Industrie, auch gibt es keine hervorstechenden Großbetriebe in der Region. Zwölf Prozent der Bewohner, meist Frauen, arbeiten im öffentlichen Dienst.

Dass Frauen mehr verdienen als Männer, ist dabei in vielen Kreisen Ostdeutschlands der Fall: "Insgesamt liegt das Entgelt der Frauen in 29 ostdeutschen Kreisen über demjenigen der Männer", schreiben die Wissenschaftler. Betrachtet man die Lohndifferenz deutschlandweit, tritt die ehemalige innerdeutsche Grenze auch Ende 2016 noch immer deutlich in den Daten hervor.

In den alten Bundesländern sieht es hingegen ganz anders aus. In keinem der 325 westdeutschen Kreise liegt das Medianeinkommen von Frauen höher als das von Männern. Der Rhein-Pfalz-Kreis in Rheinland-Pfalz erzielt mit 6,2 Prozent den geringsten Lohnunterschied in Westdeutschland. Der größte Gender Pay Gap findet sich in Dingolfing-Landau. Dort liegt das Mediangehalt von Männern um 38,4 Prozent höher als das von Frauen. Fast jeder zweite Einwohner in diesem Kreis arbeitet in der Automobilbranche, dort arbeiten vor allem Männer. Im öffentlichen Sektor gibt es hingegen wenige Jobs. Doch selbst wenn Frauen mehr verdienen als Männer, bedeutet das nicht, dass sie auch viel verdienen.

So zeigen die Daten, dass Frauen im Osten deutlich weniger verdienen als im Westen. In Hamburg haben sie etwa ein Drittel mehr zur Verfügung als Frauen in Thüringen. Nimmt man die durchschnittlichen Einkommen von Männern pro Bundesland hinzu, zeigen sich weitere lokale Verwerfungen: Im deutschlandweiten Vergleich liegen die Gehälter in Ostdeutschland deutlich niedriger als in den alten Bundesländern, dafür sind die Gehälter im Schnitt ausgeglichener verteilt als im Westen.

 

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