Stand: 11.11.2019 14:00 Uhr

Inklusion und Digitalisierung fordern Lehrer und Schüler

14 Jahre ist es her, dass Pascal Hillgruber zuletzt an einer Schule war. Für zwei Tage besucht er jetzt die Klaus-Groth-Gemeinschaftsschule.

Zurück zur Schule ging es für unseren Moderator Pascal Hillgruber im Rahmen der ARD-Themenwoche "Zukunft Bildung". Für zwei Tage besuchte er die Klaus-Groth-Gemeinschaftsschule mit Grundschule in Kiel. Dass ihm Schule nicht unbekannt ist, zeigt ein Blick in seinen Lebenslauf. Pascal studierte Deutsch und Englisch auf Lehramt, entschied sich aber nach dem Staatsexamen und ersten Praxisphasen für eine Karriere beim Radio. Doch wie hat sich Schule seit seinen letzten Erfahrungen verändert? Und was muss Schule heutzutage alles leisten? Pascal Hillgruber machte einen ganz persönlichen Check.

Tag 1: Herausforderungen einer "Perspektivschule" in Kiel

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Voller Stundenplan - auch für Pascal bedeutet das viel Unterricht.

7.30 Uhr - Es ist genau 14 Jahre her, dass ich das letzte Mal um diese Uhrzeit vor einer Schule stand, nach dem Examen an einer Gesamtschule in Hessen. Es kribbelt wieder, weil es spannend wird. Spannend zu sehen, was Schule mittlerweile leisten muss und soll. Integration, Inklusion, Digitalisierung. Ist das zu schaffen? Die Schulglocke läutet.

Schulleiter Christian Bornhalm empfängt mich. Engagiert erzählt der 38-Jährige, dass er viel vor hat mit dieser "Brennpunktschule". "Ein Ruf, den man schnell weg hat", sagt er. Etwa ein Drittel DaZ-Schüler (Deutsch als Zweitsprache), viele mit Migrationshintergrund, Berichte über Mobbing, Körperverletzungen und nicht geschaffte Abschlüsse. Mittlerweile spricht man allerdings nicht mehr von "Brennpunktschulen", sondern von "Perspektivschulen". Und genau das ist es, was Christian Bornhalm und sein junges Kollegium dieser Schule geben wollen: eine Perspektive.

Eine Klasse, drei Lehrkräfte

Zunächst begleite ich die Übergangsklasse - hierbei wurden Klasse 1 und Klasse 2 zusammengelegt - von Klassenlehrerin Johanna Stolle. Auffällig: Auf 19 Kinder kommen in dieser Deutschstunde drei Lehrkräfte. Frau Stolle wird unterstützt von einer Förderschulkraft und einer Schulassistentin. Luxus. "Das geht natürlich nicht immer", sagt sie, "aber so oft wie möglich. Und nur so können wir auch mit den Kindern in Ruhe arbeiten." Tatsächlich: Die Lütten arbeiten konzentriert. Von Sprachbarrieren ist hier auch nichts zu spüren. Der Buchstabe "F" wird geübt - oder wie die kleine Elli nach einem tiefen Atemzug zum Besten gibt: "Das ffff!". Die Stunde geht gesittet zu Ende, Schulleiter Bornhalm schmunzelt: "Noch sind die Kinder müde, wir können ja um 12 Uhr noch mal hier rein gucken."

Bis dahin muss ich gar nicht warten. Zweite Stunde Mathe bei Frau Hamann und "nur" einer weiteren Lehrkraft. Es ist schon unruhiger. Das liegt aber nicht an Frau Hamann. Eine Lehrkraft weniger und die Kinder testen sofort die Grenzen aus. Die Kinder laufen herum, spielen sich gegenseitig Streiche. Allerdings im Rahmen, wie ich finde. Es ist trotzdem eine strukturierte Stunde.

Dritte Stunde: Ein Lehrer und ein Streit

Mehr Mühe hat dann der Kunstlehrer Herr Ernst, 27. Dritte Stunde. Man spürt, dass die Aufmerksamkeit nachlässt. Es ist das erste Mal heute, dass ich einen Streit zwischen zwei Schülern erlebe. Es fließen Tränen, es wird laut - und es wird deutlich: Ein Lehrer allein kann keinen Konflikt lösen und gleichzeitig 17 andere Kinder unterrichten. Doch finde ich auch hier, dass Herr Ernst sich gut schlägt. "Kunst ist halt ein freies Fach", grinst er, "da ist dann auch mal Chaos." Dann ist es schon 12 Uhr - Schulschluss für diese Klasse.

Tag 2: Inklusion und Digitalisierung - eine "Herkules-Aufgabe"

Ich besuche zwei fünfte Klassen: eine mit "Medienprofil", die andere eine Inklusionsklasse mit "förderbedürftigen" Kindern. Die 5A von Herrn Kohler, auch ein junger Lehrer, arbeitet mit Beamer und Tablets. "Die Digitalisierung kommt langsam an die Schulen, wir bräuchten eigentlich viel mehr Equipment und Fortbildungen", sagt er. "Trotzdem sind digitale Medien kein Garant für guten Unterricht. Es ist eine Option." Die Schüler finden es gut: "Wenn ich bei Google etwas suche, finde ich es viel schneller, als wenn ich erst in einem Buch blättern muss", sagt zum Beispiel Rami. Auch hier gibt es allerdings ein großes Leistungs- und Motivationsgefälle: Ist die eine schon mit den Aufgaben fertig, hat der andere noch keinen Satz getippt. "Eine Herkules-Aufgabe", findet auch Herr Kohler, "in den meisten Fällen aber kriegen wir das ganz gut hin."

Nicht immer kann das Tagesziel erreicht werden

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Auch Schülerin Fiona findet, dass es manchmal zu laut in der Klasse ist.

Ähnlich sieht das Frau Brügmann, die Lehrerin der Inklusionsklasse 5B, bei der ich zwei weitere Schulstunden verbringe. "Es gibt aber auch Tage, an denen man sich einfach zugestehen muss, dass es nicht geklappt hat mit dem Tagesziel." Ohne Frage braucht sie ein dickes Fell für diesen 19 Kinder zählenden Sack Flöhe. Eine sympathische und auch reflektierte Klasse, wie mir deutlich wird, als die 13-jährige Fiona zu mir sagt: "Wir müssten viel öfter ruhig sein." Denn auch hier wird rumgelaufen oder es fliegt mal ein Heft durch die Gegend.

Fazit: Integration und Inklusion sind große Herausforderungen im Schulalltag

Die größten Probleme stellen Integration und Inklusion dar: zu wenig Personal für individuelle Anforderungen seitens der Schüler und große Sprachbarrieren vor allem bei den älteren Kindern und Jugendlichen - teilweise mit ganz unterschiedlichen kulturellen Hintergründen. In solchen Klassen ist häufig an "normalen" Unterricht kaum zu denken. Die Digitalisierung steckt zwar noch in den Kinderschuhen, kann aber schon helfen, zum Beispiel Sprachbarrieren abzubauen. Außerdem war es schön zu sehen, dass es auch junge und engagierte Lehrer wie an der Klaus-Groth-Schule gibt, die sich von den Problemen nicht demotivieren lassen und trotzdem guten Unterricht auf die Beine stellen. Hut ab!

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Dieses Thema im Programm:

NDR 1 Welle Nord | Der Nachmittag | 11.11.2019 | 16:40 Uhr