Ein an Erinnerungen reiches Orchesterleben

Hiroto Yashima hat über 30 Jahre als Geiger in der NDR Radiophilharmonie gespielt.

Der Geiger Hiroto Yashima war seit 1987 Mitglied der NDR Radiophilharmonie. Nach dem Gastspiel des Orchesters bei den "Konzerten für Hamburg" in der Elbphilharmonie verabschiedete er sich in den Ruhestand.

Mit drei Jahren hatte er angefangen, Geige zu spielen, und sein Instrument zum Beruf zu machen, war der Traum Hiroto Yashimas. Doch der Japaner musste Umwege gehen: Sein Vater war strikt dagegen, dass er Musik studiert. Während er also ein Maschinenbau-Studium absolvierte, tourte er nebenbei mit der Band des Popsängers Muneyuki Sato und verdiente Geld für eine neue Geige - denn mit Musik Geld zu verdienen, akzeptierte sein Vater. Und als in seiner Heimatstadt Sendai das Miyagi Philharmonic Orchestra gegründet wurde, stieg er sofort ein, war zwei Jahre lang Konzertmeister und spielte viel als Solist.

Kulturschock in Salzburg

Schließlich bewarb er sich bei Sándor Végh am Salzburger Mozarteum zum Studium. Dort sammelte er neben dem Studium wichtige Erfahrungen mit der Salzburger Camerata Academica. "Deutsch habe ich erst vor Ort gelernt, ich war sehr fleißig. Obwohl ich alle Nebenfächer noch machen musste, habe ich sogar das kleine Diplom in nur zwei Jahren geschafft", erinnert sich Hiroto Yashima. Durch die Camerata kam er sofort in Berührung mit einer Riege großer Solisten wie Heinz Holliger, Aurèle Nicolet oder András Schiff, mit dem das Kammerorchester alle Klavierkonzerte Mozarts eingespielt hat. "Das war wie ein Kulturschock für mich - zum ersten Mal in Europa und gleich solche Begegnungen!" staunt der Geiger noch heute.

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Beim NDR Musikfest war Hiroto Yashima wie viele seiner Orchesterkollegen mit einem eigenen Programm aktiv, hier mit Ekaterina Popova am Klavier.
Von Heilbronn nach Hannover

Mit großen Namen ging es weiter: Nach zwei Jahren bekam er eine Stelle beim Württembergischen Kammerorchester Heilbronn und war parallel zum Abschluss seines großen Diploms viel auf Konzertreise mit Künstlern wie Mstislaw Rostropowitsch, Anne-Sophie Mutter, Alfred Brendel oder Rudolf Buchbinder. Während einer Tournee gewann der Geiger das Probespiel bei der NDR Radiophilharmonie in Hannover. Von Anfang an hat ihm das gemischte Programm von klassisch bis Pop sehr gefallen. Mit groß besetzter sinfonischer Musik hatte er bis dahin noch wenig Erfahrung und musste zunächst viel Repertoire lernen. In den ersten Jahren hat er gelegentlich auch als "Probensolist" die Solistenpartien in der Probe gespielt. "I was very young, wie Eji Oue immer sagte", lacht er, "heutzutage wäre so etwas eher peinlich". Mit Begeisterung hat er mitverfolgt, wie sich das Orchester über die Jahre verändert hat: "Es ist sehr viel besser geworden, es sind so viele tolle junge Leute dazu gekommen", schwärmt Hiroto Yashima. Dass sein Abschied vom Orchester ausgerechnet in die Zeit Andrew Manzes als Chefdirigent fällt, macht ihn sehr glücklich, weil die Zusammenarbeit für ihn eine ganz besondere Erfahrung war.

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Hinter der Bühne im Kuppelsaal: Hiroto Yashima beim Einspielen vor einem Konzert der NDR Radiophilharmonie.
Rückblick auf eine vielseitige Orchesterzeit

An positiven Erinnerungen mangelt es ihm nicht. Viele schöne Konzerterlebnisse verbindet Hiroto Yashima auch mit Eiji Oue: "Er hat so viel Spielfreude ausgestrahlt. In einer Saison hat er den Komponisten Takemitsu zum Thema gemacht, das war eine tolle Erfahrung." In seiner Leidenschaft für Pop und Jazz hat er vor allem die Konzerte mit Chet Baker, Al Jarreau und Makoto Ozone in bester Erinnerung. Unvergesslich ist für ihn der Auftritt mit Edita Gruberova und "Lucia di Lammermoor" in Lübeck: "Ich weiß noch, wie in der ersten Reihe der Mann der Ministerpräsidentin vor Begeisterung geweint hat." Etwas Besonderes war für den Geiger auch das Wiedersehen mit András Schiff auf der Chinatournee 2016. Noch mehr mit persönlichen Erinnerungen verbunden waren die Gastspiele in Salzburg 2015 und 2019, denn Hiroto Yashima war zum ersten Mal seit seinem Studium wieder in der Mozartstadt: "Ich bin überall herumgelaufen und war ganz sentimental, fast 30 Jahre war ich nicht mehr dort." Von den interessanten Konzertreisen nach Brasilien, Japan, Spanien, Pisa, Paris, London oder auch mit dem Ballett der Dresdner Semperoper nach Abu Dhabi kann der Geiger sowieso noch lange schwärmen.

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Sein letztes Konzert mit der NDR Radiophilharmonie spielte Hiroto Yashima in der Hamburger Elbphilharmonie.
Engagement für Waisenkinder

Außerdem ist Hiroto Yashima weiterhin als Solist viel unterwegs: In Japan, Sri Lanka, Mongolei und China spielt er oft Benefizkonzerte für Waisenkinder, organisiert von einer japanischen Stiftung für asiatische Kinder. "Das ist für mich sehr wichtig: Viele Menschen können aus unterschiedlichen Gründen keine Konzerte besuchen, dann gehen wir einfach zu ihnen und spielen dort", erklärt der Geiger. "Kinder sind überall süß, beispielsweise habe ich in der Mongolei Zigeunerweisen gespielt und sie haben so begeistert reagiert, das war so süß!"

Musikalische Familie

In Salzburg hatte Hiroto Yashima seine Frau Miwako, ebenfalls Musikerin, kennengelernt. "Unsere Kinder sind gewissermaßen mit der NDR Radiophilharmonie aufgewachsen: Sie waren oft bei Proben und Konzerten dabei und saßen ganz vorne", erzählt der Geiger und ist voller Stolz über ihre Erfolge. Seine Tochter Erina ist mittlerweile eine gefragte Dirigentin, nach drei Jahren Assistenz bei Riccardo Muti in Chicago hat sie gerade die Stelle des Assistant Conductor in Philadelphia gewonnen. Der Sohn Tamon ist erfolgreicher Komponist, hatte schon mit sieben Jahren einen Wettbewerb gewonnen, studiert derzeit in Essen und schreibt viele Auftragswerke. Gern erinnert sich der Geiger noch daran, wie er gemeinsam mit seinen Kindern auch einmal eine Kammermusik-Matinee der NDR Radiophilharmonie gestaltet hat. "Wer weiß, ob meine Kinder ohne mein Orchesterleben überhaupt Musiker geworden wären!"