Roy Nathanson

Roy Nathanson  Foto: Ralf Dombrowki
Roy Nathanson spielte im April 2015 gleich je zwei Sets an zwei Abenden im Rolf-Liebermann-Studio: zuerst mit seiner Band Sotto Voce, dann mit seinen New Yorker Studenten, der Band Papanosh.
Roy Nathanson im Interview

Als Kind spielte Roy Nathanson Klarinette und mochte Klassik. Erst auf dem College entdeckte er den Jazz und gehörte bald zu den Aktivposten der New Yorker DownTown-Szene. Mit John Lurie gründete er die "Lounge Lizzards", mit Curtis Fowlkes die "Jazz Passengers" – und seit zehn Jahren heißt seine Band "Sotto Voce". Umso eindringlicher wirkt ihr Mix aus Avantgarde und Pop-Hits, Gedichten und Jazzstandards, der den "All Music Guide" fragen ließ: "Wo kommt Musik wie diese eigentlich her?"

Roy, wie sind Sie zum Jazz gekommen?

Roy Nathanson: Die erste Platte, die mich dazu brachte, mein Leben dieser verrückten Musik zu widmen, war "My Favorite Things" von Coltrane. Natürlich wollte ich Sopransax spielen, aber niemand glaubte in den 70er Jahren, dass man nur mit Sopran durchkommen könnte. Man riet mir zum Alt-Saxofon und ich hörte Cannonball und Ornette. Eine Platte von Sonny Criss überzeugte mich schließlich, dass das Altsaxofon das richtige Instrument wäre. Dann hörte ich "Out To Lunch" und  fand heraus, dass Eric Dolphy von Sony Criss beeinflusst war – da war für mich alles klar.

Was mögen Sie am meisten daran, Musiker zu sein?

Nathanson: Ich mag den Moment, wenn ich zum Saxofon greife und sich die Noten wie lebendige Dinge anfühlen; wenn ich Intervalle spiele und einfach die Abstände zwischen den Noten auskoste. Manchmal scheint es sogar, als ob der Klang neu erfunden würde.

Genießen Sie nur das Spielen? Ist Musik nicht auch ein Medium, um Zuhörer für eine Botschaft zu finden?

Nathanson: Vielleicht ist das so. Ich versuche, Geschichten wirklich dreidimensional erzählen. Mit Klängen, Worten und der Wirkung meiner Stimme. Und ich finde Metaphern, um von dem zu erzählen, was ich im Leben beobachtet habe und was mir wichtig ist: persönlich, politisch, im Moment – einfach alles.

In ihrer Band kombinieren Sie schon seit zehn Jahren Musik und Text immer wieder neu miteinander.

Nathanson: Ja, und in der letzten Zeit merkte ich, wie schön gesungene Texte wirken. Jetzt kommt nur noch an besonderen Stellen das gesprochene Wort vor. Wir spielen mit "Sotto Voce" richtige Songs, aber die haben sich alle zu sehr eigenartigen Formen entwickelt. Ein Stück etwa heißt "No Storytelling". Manchmal verschlägt es einem ja buchstäblich die Worte. Dann ist es gut, wenn zumindest noch irgendwie Töne da sind. 

Warum nannte man Ihre Arbeit mit den Lounge Lizzards eigentlich "fake jazz"? 

Nathanson: Das war von Anfang der falsche Begriff – er beschreibt nicht, was diese Band war: nämlich eine Fusion von Stilen. Aber eben nicht das, was man so landläufig "Fusion" nennt. Die "Lizzards" fusionierten die Performance-Erfahrungen der Downtown-Kunst-Szene (die auch Humor kannte) mit der Empfindsamkeit des Punk (der ja eine Reaktion auf die Über-Produziertheit des damaligen Pop war), amtlichen Avantgarde-Jazz-Ideen (John Lurie spielte mit Sirone und solchen Leuten) und den Hintergründen von Leuten wie eben Curtis Fowlkes, Marc Ribot und mir: Wir waren in ganz verschiedenen Jazz und Weltmusik-Zusammenhängen unterwegs. Es war eine Fusion, kein bisschen Fake!

Das Interview führte Tobias Richtsteig.

Orchester und Chor