Sendedatum: 23.10.2018 21:15 Uhr

Wie der Norden den Nahverkehr vernachlässigt

von Nils Naber
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Kindermann, Pendler und Fahrgastbeirat im Landkreis Harburg, fordert einen deutlichen Kapazitätsausbau des öffentlichen Nahverkehrs.

Wenn Stefan Kindermann sich morgens fertig macht, um zur Arbeit zu fahren, dann wirft er immer noch einen Blick auf sein Handy. Die bange Frage: Kommt der Zug pünktlich? Der Banker aus Jesteburg fährt jeden Tag mit der Bahn von Buchholz in der Nordheide bis nach Hamburg-Alsterdorf. Was er sich wünscht, sind bessere und verlässlichere Verbindungen. Kindermann, der als Fahrgastbeirat im Landkreis Harburg auch die Nöte vieler anderer Pendler kennt, fragt sich allerdings, wie es mit dem öffentlichen Personennahverkehr (ÖPNV) im Raum Hamburg überhaupt weitergeht. Denn schon heute platzen manche Züge aus allen Nähten.

Bahnreisende am Hamburger Hauptbahnhof © picture-alliance/dpa Foto: Bodo Marks

Wie der Norden den Nahverkehr vernachlässigt

Panorama 3 -

Volle und verspätete Züge: Wer im Norden mit dem öffentlichen Nahverkehr unterwegs ist, hat es nicht leicht. Doch ein Ausbau des Netzes sei politisch nicht gewollt, meinen Verkehrsexperten.

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Steigende Pendlerzahlen in Hamburg

Zwischen 2007 und 2017 hat statistisch die Zahl der Einpendler nach Hamburg um 54.000 Personen und die Zahl der Auspendler um 38.000 Menschen zugenommen. Der Zuzug in den Ballungsraum ist ungebrochen. Bereits im Jahr 2010 hat die Deutsche Bahn den Hamburger Hauptbahnhof als "voraussichtlich in naher Zukunft überlastet" eingestuft.

Seitdem hat sich die Situation nicht entspannt, das Gegenteil ist der Fall. Alleine der Hamburger Verkehrsverbund (HVV) beförderte im Jahr 2017 26 Prozent mehr Fahrgäste als im Jahr 2007. "Wir brauchen einen deutlichen Kapazitätsausbau sowohl bei den Stationen, als auch bei den Fahrzeugen", also bei den eingesetzten Zügen und Bussen, meint Kindermann. Er vermisst den "großen Wurf" beim Nahverkehr. In dem müsse es auch mal um neue Linien gehen. Auch über eine Straßenbahn in der Hansestadt sollte man nachdenken, findet Kindermann.

Sukzessiver Ausbau des Hamburger Nahverkehrs

Ähnlich sieht das der Verkehrsexperte Stefan Weigele. Er verweist darauf, dass nur 31 Prozent der Bevölkerung in der Hansestadt vom schienengebundenen Nahverkehr erschlossen ist. Dieser Anteil ist "nur etwa halb so groß wie in Berlin und München. Das ist das Kernproblem", sagt Weigele.

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Behördensprecherin Susanne Meinecke möchte den Hamburger Nahverkehr ausbauen, ohne den Autoverkehr zurückzudrängen.

Bei der für den Verkehr in Hamburg zuständigen Wirtschaftsbehörde sieht man sich allerdings auf einem guten Weg: "Der Nahverkehr wird sukzessive ausgebaut. Der ÖPNV ist sicherlich belastet in Stoßzeiten. Aber trotzdem denke ich, dass da noch Kapazitäten zu erschließen sind", meint Behördensprecherin Susanne Meinecke. Eine Straßenbahn werde es in Hamburg nicht geben, dafür Ergänzungen im bestehenden Netz und eine U-Bahnlinie 5. Die dürfte allerdings erst in einigen Jahrzehnten fertig sein.

Nur 10 Prozent der Kieler nutzen ÖPNV

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Ulf Kämpfer, Oberbürgermeister von Kiel, sieht eklatante Fehler in früheren verkehrspolitischen Entscheidungen.

In Kiel ist das Thema Straßenbahn ein "Evergreen". Immer wieder hat die Lokalpolitik über die Wiedereinführung dieses Verkehrsmittels diskutiert, nachdem die Stadt 1985 die letzte Straßenbahnlinie stillgelegt hatte. Oberbürgermeister Ulf Kämpfer (SPD) spricht rückblickend von einem "historischen Fehler", der nun korrigiert werden müsse. Er will nun das Thema Straßenbahn oder Stadtbahn nochmal anstoßen.

Ein erster Versuch mit Strecken bis weit in das Umland war vor einigen Jahren gescheitert. Denn Verkehrspolitik ist aus Sicht des OBs immer "ideologisch vermintes Gelände", das es zu überwinden gelte. In Kiel scheint dieser Aufbruch auch dringend notwendig. Nur 10 Prozent der Kieler legen ihre Wege mit dem ÖPNV zurück. Ein großer Zuwachs bei den Nahverkehrsnutzern über die letzten Jahre ist nicht festzustellen.

Zuwachs an neuzugelassenen PKW

In Kiel wie überall im Norden ist das Auto weiterhin das beliebteste Verkehrsmittel. Daher werden hier wie in nahezu allen größeren Städten im Norden immer mehr Autos neu zugelassen. In Niedersachsen wird laut statistischem Landesamt heute sogar das Auto bei Pendlern "immer häufiger genutzt". Demnach fuhren 70 Prozent der Erwerbstätigen im Jahr 2016 mit dem Auto zur Arbeit. In den Ballungsräumen und Großstädten sind die Zahlen nicht ganz so deutlich.

Dennoch maximal ein Fünftel der Wege werden in den großen norddeutschen Städten mit dem öffentlichen Nahverkehr zurückgelegt. Eine große Veränderung dürfte sich dabei rund um Hamburg kurzfristig nicht einstellen, meint Stefan Weigele. Eher das Gegenteil, es drohe ein Verschärfung der Verkehrsprobleme. "Laufend kommen neue Wohn- und Gewerbegebiet im Speckgürtel von Hamburg dazu, die nur mit dem PKW vernünftig zu erreichen sind."

Zürich: Vorbild in der Verkehrspolitik

Für Verkehrswissenschaftler Heiner Monheim ist die Sache klar. Zu oft wurde bei der Verkehrspolitik zuerst an das Auto gedacht. "Es ist unbegreiflich, weil es immer noch die Hoffnung gibt, bauen wir eine neue Autobahn, haben wir weniger Stau. Seit gut 50 Jahren investieren wir den Staus hinterher, aber die Staus werden immer länger." Monheim fordert für die Städte eine radikale Abkehr vom Auto und massive Investitionen in den ÖPNV.

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Monheim, Verkehrswissenschaftler, ist der Auffassung, dass der konsequente Abschied vom Auto in Deutschland nicht gewollt sei.

Vorbild ist für ihn dabei eine Stadt wie Zürich. Dort werden heute 41 Prozent aller Wege mit dem öffentlichen Personennahverkehr zurückgelegt und damit fast doppelt so viele, wie in der Weltstadt Hamburg. Diese Entwicklung wurde Anfang der 1980er Jahre maßgeblich durch den Züricher Stadtrat (Baubürgermeister) Rudolf Aeschbacher vorangetrieben.

Seine Strategie bestand einerseits darin, den Straßenbahn- und Busverkehr verlässlicher zu machen und ihn kontinuierlich auszubauen. Andererseits war für ihn klar: "Ich muss das Auto einschränken, behindern, zurückdämmen, wenn ich das nicht tue, ist alle Investition in den öffentlichen Nahverkehr umsonst. Denn die Autofahrer steigen nicht um." Aeschbacher ging sogar soweit, gegen enorme Widerstände dem PKW-Verkehr Fahrspuren wegzunehmen. Heute stimmen die Züricher regelmäßig in Volksabstimmungen für einen Ausbau des öffentlichen Verkehrs.

Abschied vom Auto in Hamburg nicht gewollt?

In Hamburg wäre diese Politik undenkbar. "Wir wollen den Autoverkehr nicht zurückdrängen", sagt Behördensprecherin Meinecke. Wer Auto fahren wolle, solle Auto fahren. "Wir wollen Menschen aber ein gutes Angebot in Sachen ÖPNV machen, damit sie umsteigen."

Für Weigele ist genau das das Problem. "Hamburg scheut sich davor, den Flächenkonflikt in der Stadt anzugehen, weil man negative Effekte für den Autoverkehr befürchtet." Ohne diesen Konflikt "zu lösen oder anzugehen" werde ein Ausbau des ÖPNV "nicht funktionieren." Monheim schließt aus diesen und anderen Erfahrungen: "Der Abschied vom Auto wird mental nicht gewollt."

Ein sogenannter Dithmarschenbus fährt aus einer Straße in Heide, im Hintergrund ein Taxi. © dpa Picture Alliance Foto: Wolfgang Runge

ÖPNV - zeitraubend und teuer

NDR 1 Welle Nord - Zur Sache -

Was müsste sich bei Bus und Bahn ändern, damit mehr Pendler den ÖPNV nutzen? Das diskutiert Tobias Überall mit Bernhard Wewers (Nah.SH) und Stefan Barkleit vom Fahrgastverband "Pro Bahn".

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Dieses Thema im Programm:

Panorama 3 | 23.10.2018 | 21:15 Uhr

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