Stand: 01.12.2016 16:39 Uhr

Wie informieren sich Syrer über die Heimat?

von Ahmad Alrifaee
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Ahmad Alrifaee, Journalist aus Syrien. Seit zwei Jahren lebt er in Deutschland, zurzeit ist er Praktikant in der ZAPP-Redaktion.

In Deutschland sehen die Medien anders aus als in Syrien. Was man von den Medien erwartet, ist auch anders. Ich bin ein syrischer Journalist, der gerade in der ZAPP-Redaktion ein Praktikum macht. Dabei fallen mir einige Unterschiede auf. In Deutschland lese ich mitunter die "Bild" - ja, wirklich, denn die Syrienberichterstattung finde ich persönlich gut. Auch wenn ich weiß, dass die "Bild" ein Boulevard-Blatt ist. Aber sie beziehen in ihrer Berichterstattung immer Stellung und benennen die Täter, andere Medien berichten über meine Heimat hingegen extrem vorsichtig.

Syrische Medien funktionieren ganz anders

Die syrische Gesellschaft hat sich im Laufe der letzten Jahre mehrmals gespalten: in Assad-Anhänger, Oppositionelle, Radikale und natürlich noch alle die, die sich in der Grauzone befinden und keine politische Haltung haben - oder gleich mehrere. Um das zu verstehen, muss man ein bisschen ausholen und sich die Entstehung der Gruppen anschauen.

Die Assad-Anhänger

Hafez al-Assad, der Vater des jetzigen Präsidenten, kam durch einen Militärputsch 1970 an die Macht. Seitdem darf kein Medium in Syrien über den Lebensalltag oder die Politik frei und unabhängig von der Regimehaltung berichten. Die Assad-Anhänger verfolgen hauptsächlich die offiziellen Medien des Regimes und zusätzlich private, staatstreue Medien. Außerdem nutzen manche Assad-Anhänger die neuen Medien, aber dazu später mehr.

Die Oppositionellen

Da jeder Oppositionelle weiß, dass die alten, klassischen Medien Propaganda für das Regime verbreiten, misstrauen sie den staatstreuen Medien. Deshalb haben einige Demonstranten, die keinerlei journalistische Erfahrung hatten, und Medienschaffende am Anfang der syrischen Revolution 2011 begonnen, nach alternativen Lösungen zu suchen. Sie haben etwa "Koordinationsgruppen" geschaffen: Aktivisten haben über Demonstrationen und Veränderungen in allen Landesteilen berichtet und diese Texte, Videos und Fotos ins Netz gestellt.

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Seit 2011 haben sich mehr als 400 Medien (Zeitungen, Magazine und Radios) in Syrien neu gegründet.

Zu Beginn war die Berichterstattung eher unprofessionell und hat sich auf das Dokumentieren beschränkt. Im Laufe der Zeit haben die Gruppen sich stark weiterentwickelt. "Anfangs haben sich die neuen Koordinationsgruppen bzw. Medienschaffenden aufs Internet und einige neue Zeitungen in Syrien beschränkt, also in den ersten zwei Jahren von der Revolution gegen das Regime. Anschließend sind neue syrische Medienunternehmen in den Nachbarländern vor allem in der Türkei gegründet worden", erklärt der syrische Journalist Obada Koujan, der für die syrische Zeitung "Enab Baladi" arbeitet, die erst 2011 gegründet wurde. Auch er sitzt heute in der Türkei.

Die Opposition in Syrien ist mittlerweile allerdings sehr uneinheitlich. Es gibt linke, rechte und gemäßigte Lager – und für jedes Lager gibt es auch eigene Medien. Viele sind politisch orientiert oder mit bestimmten politischen oder bewaffneten Gruppen verbunden. Manche berichten allerdings auch neutral und unabhängig. "Die arabischen und westlichen Medien, die über Syrien berichten, berufen sich auf diese Medienunternehmen, besonders nachdem es ab 2011 endgültig klar geworden ist, dass die offiziellen Medien nur Propaganda für das Assad-Regime machen", sagt Obada Koujan.

Die unterschiedlichen Gruppen von Oppositionellen verfolgen alle möglichen nationalen und internationalen Medien, um sich über das Geschehen in Syrien zu informieren. Die Themen und Fakten sind fast immer die gleichen, aber jedes Medium ordnet sie anders ein.

Diejenigen, die sich in der Grauzone befinden

Eigentlich können sich diejenigen, die sich in der Grauzone befinden, also zwischen Regime und Opposition, am schwierigsten informieren, weil sie nur wenigen Medienunternehmen vertrauen. Hauptsächlich nutzen sie internationale Medien wie etwa BBC arabic oder France 24. Oder neue syrische Medienunternehmen, die versuchen, neutral über das Geschehen zu berichten.

Die Radikalen

Die Radikalen wie der IS glauben niemanden auf der Welt - außer sich selbst. Deswegen haben sie sich eigene Kanäle vor allem im Netz geschaffen. Sie haben eigene Medienunternehmen gegründet, damit sich andere Radikale und IS-Fans informieren können. Diese radikalen Medienunternehmen werden oft zur Quelle für internationale Journalisten, wenn sich beispielsweise Machthaber darin äußern oder Propaganda-Videos Gräueltaten dokumentieren.

Eine zersplitterte Medienlandschaft für ein zersplittertes Land

Insgesamt kann man sagen, dass viele Syrer von den Medien Informationen und Nachrichten erwarten, die ihren Vorlieben entsprechen. Darin sind sich alle Religionsgruppen und Ethnien ähnlich. "Leider ist Syrien gerade ganz klar ideologisch gespalten. Die nicht neutrale Berichterstattung von vielen Medienunternehmen hat das verstärkt. Trotzdem gibt es immer noch Teile der syrischen Bevölkerung, die an die Freiheit der Medien glauben und neutrale Berichterstattung etwa über Assad, radikale, revolutionäre oder andere Interessensgruppen", sagte Obada Koujan.

Die syrische Medienlandschaft sagt viel über die syrische Gesellschaft aus: Seit der Revolution ist das Land gespalten – und je länger der Krieg andauert, desto tiefer werden die Gräben. 

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Dieses Thema im Programm:

ZAPP | 30.11.2016 | 23:20 Uhr