Donald J. Trump und Joe Biden vor US-Flagge (Fotomontage). Die Präsidentschaftswahl in den Vereinigten Staaten 2020 ist für den 3. November 2020 vorgesehen. Es ist die 59. Wahl zum Präsidenten der Vereinigten Staaten. © picture alliance/Geisler-Fotopress

US-Wahl 2020: Eine Wahlnacht wie noch nie zuvor

Stand: 20.10.2020 20:26 Uhr

Journalisten zwischen Pandemie, Falschinformationen und politischem Chaos: Die US-Wahl am 3. November 2020 stellt Medien in den USA vor völlig neue Herausforderungen.

von Sinje Stadtlich, New York

Wie wäre es eigentlich, so sinnierte Medien-Kolumnist Ben Smith von der "New York Times" vor einigen Wochen, wenn amerikanische Familien noch an Thanksgiving beim Truthahnessen darüber diskutierten, wer der nächste Präsident der Vereinigten Staaten wird - Donald Trump oder Joe Biden? Thanksgiving ist am 26. November, und damit 23 Tage nach der Wahl am 3. November 2020. Das Szenario, das Smith beschreibt, ist nicht völlig aus der Luft gegriffen: Wegen der Corona-Pandemie, die weite Teile der USA weiterhin fest im Griff hat, werden aller Voraussicht nach viel mehr Wählerinnen und Wähler per Briefwahl abstimmen als in der Vergangenheit. All diese Stimmen auszuzählen, das kann dauern - zumal in Bundesstaaten, die wenig Erfahrung damit haben. Je nachdem, wie knapp das Rennen ist, könnte es tatsächlich dauern, bis ein Sieger endgültig feststeht.

Journalisten tragen große Verantwortung

Und das ist eine echte Herausforderung für die Medien, vor allem für viele Fernsehsender. Traditionell senden sie am Wahlabend ihre großen "Election Night"-Shows - mit ständigen Updates darüber, welche Bundesstaaten mittlerweile die Stimmen ausgezählt haben und wer im Gesamtrennen vorne liegt. Walter Shapiro, der als Politikjournalist für das Magazin "The New Republic" mittlerweile seine elfte Präsidentschaftswahl verfolgt, sagt: "Es wird in diesem Jahr ganz entscheidend sein, wie die Fernsehsender sich am Wahlabend verhalten. Denn eigentlich sind die drei Wörter, die man im amerikanischen Fernsehen nie sagen darf, die Wörter: 'Ich weiß nicht.' Das wäre zwar intellektuell redlich, aber fürchterliches Fernsehen. In diesem Jahr werden die Sender sich allerdings zu ihrer Unsicherheit bekennen müssen, wenn viele Stimmen noch nicht gezählt sind."

VIDEO: Parks: "Sicherstellen, dass die Zuschauer alle Informationen bekommen" (12 Min)

Experten wie der Politikwissenschaftler Brendan Nyhan vom Dartmouth College in New Hampshire verweisen darauf, dass Journalisten eine große Verantwortung trügen: Sie müssten dem Publikum erklären, dass und warum es Verzögerungen beim Auszählen geben könnte. Sie müssten den Falschinformationen über das Wahlprozedere entschieden entgegentreten und in Kauf nehmen, dass die Berichterstattung vielleicht nicht so spannend werde - dafür aber der Wahrheit diene.

"early voting" - endgültiges Ergebnis könnte erst spät vorliegen

MaryAlice Parks ist stellvertretende Politik-Chefin beim Sender "ABC News" und sagt, wohl die meisten Medienhäuser würden sich im Moment auf einen Wahlabend vorbereiten, wie es ihn noch nie gegeben habe: "Wir müssen hier alle mal einen Moment durchatmen und uns klarmachen, dass wir einfach nicht wissen, wie es an dem Abend ablaufen wird. Und darauf müssen wir auch unser Publikum vorbereiten."

Einige konkrete Schritte habe "ABC News" schon gemacht, so Parks. So würde der Sender seit einiger Zeit in seiner Berichterstattung nicht mehr wie sonst vom "Wahlabend" sprechen, sondern von den "Wahlwochen" - auch weil es in verschiedenen Bundesstaaten zusätzlich zur Briefwahl das "early voting" gibt, die Möglichkeit, seine Stimme schon Wochen vor dem offiziellen Wahltag persönlich im Wahllokal abzugeben. Außerdem würde "ABC News" versuchen, dem Publikum möglichst früh zu erklären, dass ein Ergebnis erst weit nach dem 3. November feststehen könnte. "Je mehr wir berichten, dass das kein Zeichen von Wahlbetrug ist, sondern dass das einfach die Gesetze in unserem Land so vorsehen, desto mehr werden Zuschauer uns vertrauen und wissen, dass sie einfach Geduld brauchen."

Medien "Lehrer für die Nation"

Parks sieht die Medien in der Rolle eines "Lehrers für die Nation": "Wir haben ja in den USA eigentlich nicht eine nationale Wahl, sondern 50 Wahlen in den 50 Bundesstaaten." Die Regeln seien von Staat zu Staat sehr unterschiedlich und für die Wählerinnen und Wähler oft verwirrend. Also hätten die Medien die Aufgabe, sie möglichst gut zu erklären. Bei aller Verantwortung stellt sie aber auch klar, dass die Sender am Ende nur die Ergebnisse berichten könnten, die sie von den Wahlbeamten vor Ort bekämen: "Journalisten müssen sicherstellen, dass die Zuschauer alle Informationen bekommen, die sie brauchen. Aber wir entscheiden keine Wahlen. Das tun immer noch die Wähler."

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