Stand: 05.09.2018 15:00 Uhr

Rosen: Trump "keine normale Präsidentschaft"

von Caroline Schmidt
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US-Professor Jay Rosen (62) führt den Vertrauensverlust der Amerikaner in die Medien auf zwei Vorfälle zurück: die nicht aufgedeckten Fehlinformationen, die zum Irakkrieg führten, und der Finanzcrash 2008.

US-Medienwissenschaftler Jay Rosen war von Juni bis August als Fellow der Robert-Bosch-Stiftung in Berlin. Er hat in dieser Zeit über 50 deutsche Journalisten befragt, wie sich die Berichterstattung seit der Flüchtlingskrise 2015 verändert hat. Sein Essay in der "FAZ" löste eine breite Debatte aus. ZAPP hat einen anderen Schwerpunkt gesetzt und mit ihm über seine Lehren aus fast zwei Jahren Präsidentschaft von Donald Trump geredet. Die große Mehrheit der Amerikaner hat heute kein Vertrauen mehr in die Medien (Studie). Im ZAPP-Interview spricht Rosen über die Wurzeln dieser Vertrauenskrise und über seine Vision eines neuen Journalismus, der es mit Politikern wie Trump aufnehmen kann.

 

US-Professor Jay Rosen (62) im Gespräch mit ZAPP. © NDR Fotograf: Screenshot

Rosen: "AfD-Attacken ähneln denen von Trump"

ZAPP -

US-Professor Jay Rosen sieht Parallelen in den Strategien von Trump und der AfD. Beide versuchen, die Medien zu diffamieren und sich als Opfer darzustellen.

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ZAPP: Sie haben seit Juni mit einer Menge Journalisten in Deutschland gesprochen. Haben Sie den Eindruck, dass es hier eine andere Auseinandersetzung mit dem Rechtspopulismus gibt als in den USA?

Jay Rosen: Nun, ich denke, Sie haben hier dieselben Debatten: Populismus bedeutet, dass man die Eliten attackiert im Namen eines vermeintlichen Volkes. Anders ist nur, dass Journalisten in den USA schon seit langer Zeit angegriffen werden von politischen Gruppierungen, die behaupten, die Medien seien befangen und parteiisch. Insofern haben die USA vielleicht mehr Erfahrung im Umgang mit solchen Kräften. Aber ansonsten: Die Art, wie die AfD die Presse diffamiert als Teil der herrschenden Klasse, die gegen die AfD sei - das erinnert sehr an Trump und seine Angriffe auf die Presse.

Was ist Trumps gefährlichste Waffe?

Seine gefährlichste Waffe ist vielleicht das Misstrauen, das er schürt. In den USA gibt es sehr viel Unzufriedenheit mit der Arbeit der Journalisten - und Trump weiß das zu nutzen und sogar noch zu steigern.

Woher kommt diese Unzufriedenheit?

Ich glaube, dass besonders die politischen Journalisten schon vor Jahrzehnten einen falschen Weg eingeschlagen haben. Nämlich als sie sich konzentrierten auf die Machtspiele innerhalb der Politik und nur noch darüber geschrieben haben, wie solche Winkelzüge funktionieren. Diese Art der Berichterstattung bringt das Publikum aber dazu, alle Menschen nur noch als Objekte der Manipulation wahrzunehmen. Meines Erachtens eine gefährliche und zerstörerische Form des Journalismus, die in den Vereinigten Staaten zur Norm wurde.

Gab es Ereignisse, die das verstärkt haben?

Sogar eine ganze Menge. Wichtig in diesem Zusammenhang war etwa der Irakkrieg 2003. Als Amerika in den Krieg zog, weil es angeblich Massenvernichtungswaffen im Irak gab. In einer Demokratie muss die Regierung der Öffentlichkeit begründen, warum sie einen Krieg führen will. Man kann nicht einfach in ein anderes Land einfallen. Diese Begründung stellte sich dann aber als Täuschung heraus. Hier haben wirklich alle versagt: das Weiße Haus, die CIA, das State Department, die Opposition, der Kongress - und auch die Presse.

Warum versagte die Presse?

Ich glaube, das liegt an einer ganzen Reihe von Fehlentwicklungen im amerikanischen Journalismus. Die Tatsache, dass sich alle immer um die Story des Tages drehen. Die übergroße Nähe zwischen Journalisten und Amtsträgern. Der Wettbewerb um Scoops, der dazu führt, dass Journalisten Informanten brauchen, die sie zufriedenstellen müssen. Diese engen Beziehungen können so schädlich sein, dass eine große Geschichte am Ende nicht ausreichend berichtet wird.

Sie sagten, viele Journalisten konnten nicht glauben, dass alle Behörden falsch lagen.

Das stimmt. Die Journalisten, die über nationale Sicherheit berichten, konnten einfach nicht begreifen, dass alle Experten in all diesen Sicherheitsdiensten irrten, das Weiße Haus, das State Department, das Pentagon. Es war jenseits ihrer Vorstellungskraft. Und dasselbe passierte bei der Finanzkrise 2008. Für die meisten Amerikaner kam sie aus dem Nichts. Wie konnte diese Hauskreditindustrie Banken umwerfen und die gesamte Weltwirtschaft, ohne das Journalisten davon wissen? Und sie haben ja nicht nur diesen Crash zugelassen. Sie haben danach auch nicht gefragt: Was haben wir falsch gemacht? Was sollten wir nächstes Mal besser machen? Wie können wir sicherstellen, dass das nie wieder passiert?

Sie schreiben in Ihren Essays, dass Amerika in Bezug auf Trump einen neuen Journalismus braucht. Wie sollen Journalisten mit ihm umgehen?

Sie müssen zum Beispiel aufhören, sich als Hassobjekte zur Verfügung zu stellen. Sie sollten nicht weiter ins Weiße Haus gehen, in den Briefing Room, wo Trumps Pressesprecher sich jeden Tag über sie lustig macht, ihre Fragen nicht beantwortet oder sie herunterputzt. Stattdessen sollten sie zuallererst herausfinden, was Trump mit seiner Regierung vorhat, worüber er nicht spricht. Und sie sollten auch lernen, seine Lügen, Täuschungen und Propaganda zu entlarven.

Sie sagen, sie sollten mehr recherchieren. Aber nicht alle Journalisten arbeiten investigativ. Wie sollten die Journalisten im Alltag mit einem solchen Präsidenten umgehen?

Natürlich braucht nicht jeder zum Investigativreporter zu werden. Die wahre Geschichte dieser Regierung ist doch, wie sie die Politik verändert. Wie wandelt sich die Umweltbehörde? Was macht das Wirtschaftsministerium? Wie verändern sich die Wirtschaftsgesetze? Werden Regierungsmitarbeiter heute anders rekrutiert? Dafür muss man nicht jahrelang recherchieren. Dafür muss man nur über die Regierung berichten - jenseits von Trump.

Und wenn Sie sagen, Journalisten sollten all ihre normalen Beziehungen zum Weißen Haus kappen. Was meinen Sie damit?

Dies ist keine normale Situation. Dies ist keine normale Präsidentschaft. Also kann man auch nicht normal darüber berichten. Ich empfehle, dass jeder Newsroom für sich entscheiden soll, wie er die normalen Beziehungen abbricht. Für einige kann das zum Beispiel heißen, dass sie nicht mehr in den Briefing Room gehen, sondern ihre Reporter woanders hinschicken.

Und passiert das schon?

Da und dort. Es wurde bislang zum Beispiel niemals das Wort Lüge benutzt, wenn über den amerikanischen Präsidenten berichtet wurde. Nun ist es sehr oft der Fall, dass Zeitungen sagen: Das ist aber eine Lüge. Sie untersuchen sogar die Anatomie dieser Lüge. Wie sie begann und sich entfaltete, von Anfang bis Ende. Als ob es eine ganz normale Sache wäre. Also es ändert sich etwas. Journalisten kommen zu der Erkenntnis, dass das keine normale Präsidentschaft ist, die deshalb nicht gecovert werden kann wie eine normale Präsidentschaft - aber es dauert sehr lange.

 

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Dieses Thema im Programm:

ZAPP | 05.09.2018 | 23:20 Uhr