Stand: 12.12.2017 17:50 Uhr

PS-Hype trotz Diesel-Skandal

von Sebastian Asmus & Gudrun Kirfel

Das Klischee hält sich wacker: Dass Autojournalisten den Herstellern näherstehen als den Lesern, dass sie nach Mallorca und Ibiza eingeladen werden, um tagelang im sonnigen Süden Autos mit viel PS zu testen. Um dann möglichst gefällige Berichte zu schreiben, aus Angst bei zu viel Kritik das nächste Mal nicht mehr mitgenommen zu werden. Aber was ist dran an diesem Klischee? Und hat die seit zwei Jahren andauernde Diesel-Affäre die Arbeit der Journalisten verändert?

Klischees über Autojournalisten halten sich hartnäckig. © NDR

PS-Hype trotz Diesel-Skandal

ZAPP -

Die Klischees über Autojournalisten sind zahlreich und langlebig. Doch was ist dran? Und hat die seit zwei Jahren andauernde Diesel-Affäre die Arbeit verändert?

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Deutlich mehr Technik als früher

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"Autopapst" Andreas Keßler ist froh, dass die Berichterstattung technischer geworden ist.

"Ja, sagt Andreas Keßler, meine Arbeit hat sich durch Diesel-Gate deutlich verändert. Ich rede heute deutlich mehr über Automobil-Philosophie und Automobil-Technologie als früher. Man muss fast dankbar sein, dass VW diesen Skandal vom Zaun gebrochen hat." Keßler wurde lange "Autopapst" genannt, weil er für die FAZ-Gruppe ein Automagazin im Radio moderierte. Heute führt er bei den "Sonntagsfahrern" auf "radio eins" durchs Programm und betreibt eine Homepage unter dem Titel "Der Autopapst".

Doch schon vor dem größten Wirtschaftsskandal der deutschen Nachkriegsgeschichte hat sich das Bild des Autojournalismus in Deutschland gewandelt: Autojournalisten sprechen von sich heute lieber als "Mobilitätsjournalisten". Früher hatte fast jede Tageszeitung eine Motorredaktion, heute gibt es fast keine Zeitung mehr, die ein solches Ressort hat. Heute liefern Agenturen fertige Texte, die von Lokalzeitungen gerne nachgedruckt werden in der Hoffnung, der ortsansässige Autohändler schalte eine Anzeige dazu.

Agenturen liefern die Inhalte

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Kennt die Branche seit Jahrzehnten: Georg Kacher.

Diese Agenturen stehen traditionell den Herstellern sehr nahe, die das nötige Kapital haben und dafür auch "etwas haben wollen", wie es Georg Kacher beschreibt. Kacher ist ein Urgestein des Automobiljournalismus und weltweit tätig. "Die Automobilhersteller wollen dafür Einfluss. Und Sie sehen ja", erklärt er, "wie große deutsche Hersteller das Feld bespielen - Stichwort: Content Publishing. Es werden alle Kanäle mit vorgefertigtem Material bestückt und dann auf die Journalisten los gelassen. Und die armen Journalisten, die ja immer mehr unter Druck stehen und immer weniger Zeit haben und online sofort schreiben müssen, die nehmen sich aus diesem Futter heraus, was sie brauchen können."

Dass die heutigen Auto- oder Mobilitätsjournalisten unter einem massiven Zeit- und Finanzdruck stehen, bestätigt auch "Autopapst" Andreas Keßler. Das berührt auch das Klischee der Testfahrten am Mittelmeer: "Die Präsentationen im sonnigen Süden sind für die Kollegen, die daran teilnehmen müssen, inzwischen auch nur noch Stress. Weil die Flüge häufig sehr ungünstig liegen, muss man sehr früh aufstehen, und häufig sind das Eintagstermine, da fliegt man dann rüber nach Mallorca und muss am gleichen Abend zurück."

Online spielt der Diesel-Skandal keine Rolle

Spielen denn die Schadstoffe heute in der Berichterstattung eine größere Rolle als vor der Diesel-Affäre? Im Netz, auf den zahllosen YouTube-Portalen, wo Autos getestet werden, muss man die Frage verneinen. In vielen Fällen werden Abgaswerte schlicht ignoriert. Das betrifft zum Beispiel fast alle Videos von Auto-Tests, die "Auto Bild", "Auto, Motor und Sport" und die Sendung "PS" von n.tv veröffentlichen. Allein der ADAC macht in seinen Videos Angaben zu Abgasen. Dabei werden in den kleinen Filmen aber keine absoluten Stickoxid-Werte genannt, die der Zuschauer in Relation zu den gesetzlichen Grenzwerten setzen könnte. In den Filmen dominiert die Botschaft: "Der Fahrspaß ist ungetrübt!"

Acht Mal mehr als erlaubt

Die gedruckten Magazine von "Auto Bild", "ADAC Motorwelt" sowie "Auto, Motor und Sport" befassen sich inzwischen sehr wohl mit Schadstoffen. Doch die Bedeutung, die ihnen beigemessen wird, scheint gering zu sein: So testet die Redaktion der "ADAC Motorwelt" in Heft 10/2017 vier Mittelklasse SUVs mit Diesel-Motor. Im Text erfährt der Leser im letzten Absatz, dass der Renault Koleos 500 mg Stickoxid pro Kilometer ausstößt. Der Grenzwert liegt bei 80 mg, also eine Überschreitung des Grenzwertes um das Fünffache! Obwohl der Wagen den ADAC-Testern zusätzlich durch hohen Kraftstoffverbrauch und einen langen Bremsweg negativ auffällt, erhält er die Gesamtnote "befriedigend".

Dieses Thema im Programm:

ZAPP | 13.12.2017 | 23:20 Uhr