Stand: 13.02.2019 17:00 Uhr

Jeder Riss eine News: Wolfswut in den Medien

von Timo Robben
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150 Jahre lang galten die Wölfe in Deutschland als ausgerottet, so der Nabu. Inzwischen sollen hier wieder 73 Wolfsrudel heimisch sein.

"Aus Naturschutzsicht ist es einer der größten Erfolge: In Deutschland leben wieder freilebende Wölfe!", erklärt der Naturschutzbund auf seiner Website. Die Rückkehr der Rudeltieres begann um die Jahrtausendwende. Allerdings teilt nicht jeder diese Begeisterung, denn seit die Wölfe wieder in den Wäldern heimisch sind, gibt es auch immer wieder gerissene Nutztiere - und die sorgen für Schlagzeilen. Zudem: Einige Medien schüren durch ihre Art der Berichterstattung geradezu die Angst vor Wölfen. Das ist ein Problem, denn die Zukunft des Wolfes ist maßgeblich von der Akzeptanz der Bevölkerung abhängig - doch dort gibt es inzwischen zwei extreme Lager.

Ein Wolf.

Jeder Riss eine News: Wolfswut in den Medien

ZAPP -

Während sich Naturschützer über die heimischen Wölfe freuen, haben viele Bürger inzwischen Angst vor ihnen. Jeder Wolfsriss sorgt für Schlagzeilen, viele Berichte fördern die Angst geradezu.

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Gerissenes Tier ist ein grausamer Anblick

Die Zeitung "Die Harke" befindet sich mitten im Einzugsgebiet des Rodewalder Rudels, in Nienburg. Im letzten Jahr hatten sie hier 48 Wolfsrisse zu verzeichnen. Sebastian Stüben ist der Reporter vor Ort, der sich um die Wolfsrisse kümmert. An den ersten Riss kann er sich noch gut erinnern. "Man kommt dahin auf die Weide. Sieht da zunächst mal das gerissene Tier, das war hier in diesem Fall ein Galloway Rind, hier um die Ecke bei einem Bauern. Und das ist schon ein grausamer Anblick, muss man sagen. Es war auch in diesem Fall so, dass alles abgenagt war - man hat dann die Rippen gesehen und die Wirbelsäule. Das ist schon ein ganz krasser Anblick."

"Die Harke" berichtet über fast jeden Wolfsriss

Sein Chefredakteur Holger Lachnit weiß, dass der Wolf eine besondere Herausforderung für seine Reporter ist. "Das war sicherlich eine Situation für den Kollegen, wie wenn man zum Verkehrsunfall rausfährt - man weiß nicht, was einen erwartet. Aber inzwischen ist es leider so, dass Wolfsrisse zum Tagesgeschäft gehören", so Lachnit. Zusammen mit der Redaktion hat er entschlossen, dass über fast jeden Riss berichtet wird. Die Leser interessiere das, also müsse man auch berichten.

Reding: Medien tragen wenig zur Versachlichung bei

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Raoul Reding von der Landsjägerschaft Niedersachsen: "Wir haben eine große Kluft zwischen fundamentalistischen und fanatischen Wolfsgegnern und Wolfsbefürwortern."

Raoul Reding von der Landsjägerschaft beobachtet die gesellschaftliche Debatte um den Wolf kritisch. Er kümmert sich um das Monitoring der Tiere in Niedersachsen. Vor allem in den sozialen Medien herrsche eine aufgeregte Diskussionskultur. "Wir haben eine große Kluft zwischen fundamentalistischen und fanatischen Wolfsgegnern und Wolfsbefürwortern. Auf keiner der beiden Seiten wird sachlich diskutiert. Und in der Mitte gibt es wenige, die sich wirklich sachlich mit dem Thema auseinandersetzen", sagt er. Die Medien würden nur wenig zur Versachlichung der Debatte beitragen. Vor allem, wenn der Wolf negativ auffällt, werde berichtet: "Wenn eine extreme Häufung von Nutztierschäden auftritt, vermeintliche Übergriffe auf Menschen, auf Pferde. Also alles, was eine neue Dimension bei dem Thema darstellt", so Reding.

Falschmeldung schreckte auf

Ein Beispiel: Im letzten Jahr behauptet ein Friedhofsgärtner in der Nähe von Oldenburg, vom Wolf gebissen worden zu sein. Schnell steht für viele Redaktionen fest: Der Wolf muss es gewesen sein. RTL macht einen Online-Beitrag auf mit den Worten: "Wolf beißt Mann". Und auch die "Bild" weiß schnell: "Wolf beißt Arbeiter auf Friedhof". Andere Zeitungen sind vorsichtiger, schlagen aber in dieselbe Kerbe: "Erste Wolfsattacke seit 150 Jahren?", fragt das "Hamburger Abendblatt". Und selbst die "taz" ist sich sicher: "Ja, Wölfe sind gefährlich". Wenig später testet ein Labor DNA-Spuren - die DNA diverser Tiere wurde gefunden, allerdings nicht die eines Wolfes.

Berichterstattung über den Wolf: eine Gratwanderung

Das Gerücht ist trotzdem in der Welt. In der Redaktion der Lokalzeitung "Die Harke" in Nienburg gibt es ebenfalls rege Diskussionen. Auf der Pinnwand neben dem Schreibtisch einer Kollegin hängt ein Aufkleber "Rotkäppchen lügt". Zwar berichten die Journalisten immer noch über fast jeden Riss, allerdings pixeln sie die grausamen Bilder von den gerissenen Tieren inzwischen. Die Berichterstattung über den Wolf: eine Gratwanderung. "Wir sehen uns wirklich als Berichterstatter und wir halten uns daran. Wir sagen, es ist ein streng geschütztes Tier, was Artenschutz genießt. Und es ist eine Sache der Gerichte und der Polizei zu entscheiden, was da passiert. Aber natürlich ist es auch so, dass wir auf der Seite der Leserinnen und Leser sind und versuchen, die Emotionen von denen abzubilden", so Lachnit.

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Dieses Thema im Programm:

ZAPP | 13.02.2019 | 23:20 Uhr