Stand: 13.05.2020 12:02 Uhr

"Hygienedemos": Heißes Pflaster für Journalisten

von Nils Altland, Inga Mathwig

Viel ist noch nicht bekannt über die Hintergründe des Angriffs auf das Team der "heute-show" am 1. Mai. Doch fest steht: Das Kamerateam wurde von einer Gruppe Vermummter auf brutale Weise attackiert - und das am helllichten Tag, mitten in Berlin. Bis zu 25 Täter sollen teilweise mit Metallstangen auf das wehrlose ZDF-Team eingeprügelt haben. Ein beispielloser Fall von Gewalt gegen Medienvertreter. Das Team hatte zuvor bei einer Demonstration von Verschwörungsideologen am Rosa-Luxemburg-Platz gedreht, ein Zusammenhang gilt als wahrscheinlich. Am vergangenen Mittwoch, bei einer ähnlichen Versammlung vor dem Bundestag, trat ein Demonstrant den Tonassistenten eines ARD-Teams. Am vergangenen Samstag in Dortmund, auch bei einer Demonstration gegen die Corona-Einschränkungen, griff ein Rechtsextremer ein Kamerateam des WDR an.

"Hygienedemos": Heißes Pflaster für Journalisten

ZAPP -

Bei Demonstrationen von Gegnern der Corona-Maßnahmen wurden wiederholt Journalisten und ihre Teams massiv attackiert. Experten befürchten Einschränkungen der Pressefreiheit.

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Lage oft unberechenbar

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"Wie stehen sie auch uns als Presse gegenüber?" Nicht nur David Donschen, Radioreporter des rbb, fällt es schwer das zu beurteilen.

Gewalt gegen Reporter und ihre Teams ist kein neues Phänomen bei extremistischen Demonstrationen. Bei den jüngsten bundesweiten Versammlungen kommt allerdings erschwerend hinzu, dass die Lage vor Ort für viele Journalisten unberechenbar ist: "Es ist schwer für mich zu beurteilen: Wer sind diese Leute, wie organisiert sind sie und wie stehen sie auch uns als Presse gegenüber?", sagte David Donschen, Radioreporter des rbb am Rande einer Demo des Vegan-Kochs und Verschwörungsideologen Attila Hildmann am 9. Mai. Vor dem Bundestag versammelten sich rechtsextreme Hooligans neben harmlos wirkenden Esoterikern, bekennende Reichsbürger standen neben aufgebrachten Impfgegnern.

Berichten nur mit Personenschutz?

Viele Medienvertreter möchten nicht öffentlich über die Gewalt gegen sie sprechen. Einige wollen den Demonstranten keine zusätzliche Angriffsfläche bieten, indem sie die Gewalt öffentlich verurteilen. Andere wollen nicht offen von ihren Ängsten erzählen, um nicht den Eindruck zu erwecken, die Gewalt zeige Wirkung.

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Macht sich wegen der Angriffe auf Journalisten Sorgen um die Pressefreiheit: Lutz Kinkel vom Europäischen Zentrum für Presse- und Medienfreiheit (ECPMF).

Lutz Kinkel vom Europäischen Zentrum für Presse- und Medienfreiheit (ECPMF) hat dafür Verständnis: "Jeder, der unmittelbar identifizierbar ist als Journalist, der eine Kamera dabei hat, der einen Ton-Assistenten dabei hat, ist eine Zielscheibe, so muss man es leider inzwischen sehen." Dementsprechend kamen an diesem Samstag mehrere Fernsehteams in Begleitung von Personenschützern.

Doch die Folgen der Gewalt könnten laut Kinkel noch weiter reichen: "Wir machen uns Sorgen darum, dass die Berichterstattung über Demonstrationen abnehmen kann. Redaktionen sagen zum Teil mit Recht: 'Aus Sicherheitsgründen können wir da kein Team hinschicken.'" Doch wenn Reporter nicht mehr vor Ort sind, entstünden blinde Flecken in der Berichterstattung - und das wäre letztlich eine Einschränkung der Pressefreiheit, so Kinkel.

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Fast 16 Prozent der Befragten erhielten Morddrohungen

Das Institut für interdisziplinäre Konflikt- und Gewaltforschung der Uni Bielefeld veröffentlichte Anfang Mai eine Studie über Gewalt gegen Journalisten. Dafür wurden online 322 Medienschaffende anonym befragt. Gut 16 Prozent der Befragten gaben an, im Laufe ihres Berufslebens mindestens einmal körperlich angegriffen worden zu sein. Fast genauso viele (15,8 Prozent) haben demnach bereits Morddrohungen erhalten.

Eine Ursache dafür sieht Kinkel in der zunehmenden Agitation, die von rechtsextremen und verschwörungstheoretischen Meinungsmachern ausgeht: "Wenn man Journalisten als Feindbild postuliert, senkt man damit auch die Hemmschwelle zur körperlichen Gewalt. Diese Verschwörungstheoretiker haben einen Feind - und das sind Journalisten. Weil sie glauben, die Journalisten unterdrücken die Wahrheit und betrügen sie."

Am Rande einer unangemeldeten Demo am Berliner Alexanderplatz am Samstag stand die RTL-Reporterin Nina Lammers mit ihrem Kamerateam und zwei Bodyguards. Die Stimmung um sie herum wirkte aggressiv, die Demonstranten riefen "Wir sind das Volk!" und pfiffen die anwesenden Polizisten aus. Doch die Reporterin blieb unbeeindruckt: "Gerade jetzt muss man weiter dahin gehen, weiter darüber berichten, und dann darf man nicht da einknicken und man darf sich vor allem auch nicht einschüchtern lassen." An diesem Tag wurden in Berlin keine Angriffe gegen Journalisten gemeldet. Doch die nächste Demonstration ist bereits angekündigt.

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ZAPP | 13.05.2020 | 23:40 Uhr