Stand: 08.02.2017 10:00 Uhr

Fehlende Vielfalt unter Journalisten

Im Idealfall sollte Journalismus ein Spiegelbild unserer Gesellschaft sein. Die Realität sieht anders aus. So lange in den Redaktionsräumen selbst keine Vielfalt herrscht, wird es bei dem Versuch bleiben etwas zu erfassen indem man von außen drauf blickt.

Der journalistische Nachwuchs besteht vor allem aus Akademikern. © NDR

Fehlende Vielfalt unter Journalisten

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Im Idealfall sollte Journalismus Spiegel der Gesellschaft sein. So lange in den Redaktionsräumen keine Vielfalt herrscht, wird der Blick auf die Welt lückenhaft bleiben.

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Akademiker und Nachwuchs-Akademiker

Schaut man sich die Zugangsvoraussetzungen für Volontariate an, wundert es aber kaum, dass Redaktionsteams so homogen sind. Die meisten Journalisten kommen aus gut situierten Verhältnissen - eher Bildungsbürgertum statt Arbeiterkind. Eher ähnliche Biographien und Lebenswege, statt Medienschaffende, die unterschiedliche kulturelle Kompetenzen und Wurzeln mit- und in den Redaktionsalltag einbringen können. "Das finde ich schade, weil ich nicht glaube, dass der Journalismus davon lebt, dass wir alle mit akademischen Hintergrund in diesen Beruf gehen. Der normale Durchschnittsbürger der diese Medien konsumiert, wird so jedenfalls nicht richtig abgebildet", sagt Birgit Raddatz.

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Bilderbuch-Ausbildung, doch eine Absage nach der anderen: Birgit Raddatz.

Die 28-jährige kommt aus einem nicht-akademischen Haushalt und studiert Journalistik an der Universität Leipzig. Es ist bereits ihr zweiter Masterabschluss, der sich in einen Lebenslauf einreiht, den Medienhäuser eigentlich gerne sehen: Freiwilliges Soziales Jahr, Bachelor, Master, Auslandsaufenthalt, Fremdsprachen, sieben Praktika und ehrenamtliche Mitarbeit beim Lokalradio. Doch auf zehn Bewerbungen folgten bisher sieben Absagen.

Mit richtigem Lebenslauf schnell nach oben

Wesentlich entspannter erlebte Theresa Rentsch ihren Weg in den Beruf. "Bei mir hat es bei allen Stationen immer gleich beim ersten Versuch funktioniert. Es war bestimmt eine riesengroße Portion Glück dabei." Glück und Fleiß. Auch bei der zielstrebigen 26-jährigen ist die Liste an Qualifikationen lang: zahlreiche Praktika, freie Mitarbeit seit dem 18. Lebensjahr. Nach dem Bachelor ging die Leipzigerin nach Berlin, entschied sich für den Master in Kulturjournalismus an der Universität der Künste - ein Abschluss im Wert von 12.000 Euro. Die Tochter aus akademischen Haushalt arbeitete nebenher, um sich zusätzlich zur elterlichen Unterstützung und einem Stipendium, ihr Studium zu finanzieren. Es folgte ein Redaktionsvolontariat bei WELTN24 wo es für die Akademikertochter plötzlich Schlag auf Schlag ging. Heute ist Rentsch hauptverantwortlich für die Entwicklung der News-App von WELTN24. Als die entsprechende Stelle frei wurde, bot man ihr die Position noch vor Ende ihres Volontariats an.

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Schneller Aufstieg: Theresa Rentsch machte Karriere bei Axel Springer.

Das Volontariat als Sprungbrett: Birgit Raddatz will diese Hoffnung noch nicht aufgeben. Auch, weil ohne Volontariat eine spätere Festanstellung kaum realistisch ist. Sie muss sich aber über Alternativen Gedanken machen. Die Zahl der Bewerber übersteigt die angebotenen Plätze um ein Vielfaches. "Ich muss mir mein Studium und die unbezahlten Praktika ja auch finanzieren, wenn meine Eltern das nicht können. Dadurch wird der Zugang zum Job auch elitärer. Menschen die sich das nicht leisten können, die fallen da raus", sagt Raddatz.

Besondere Probleme für Migranten

Ein Problem, dass vor allem auch Kinder aus Einwandererfamilien betrifft: Hier fehlt es oft nicht nur an finanziellen Möglichkeiten, sondern Vorurteile und institutioneller Rassismus kommen hinzu. Ein Blick in die Statistik verdeutlicht dies: Jeder fünfte Einwohner hat einen Migrationshintergrund, in den Redaktionen dagegen nur jeder fünfzigste. In den Ausbildungsgängen deutscher Medien sind Migranten demnach genauso unterrepräsentiert wie in der Berichterstattung.

Verschenktes Potential, findet Journalist Fabio Ghelli: Als er 2010 aus Italien nach Deutschland kam, machte sich der Sohn einer deutschen Mutter und eines italienischen Vaters keinerlei Hoffnungen in Berlin als Journalist zu arbeiten. Dass er heute doch als freier Autor für zahlreiche Medien arbeitet, verdankt er dem Bildungswerk Kreuzberg in Berlin. Das Programm richtet sich ausschließlich an Menschen mit Migrationserfahrung und setzt auf Journalismus als Handwerk. Doch weil die Bundesagentur für Arbeit das Projekt das Projekt nur zögerlich fördert, kommt momentan kein neuer Jahrgang zustande. "Bedauerlich", findet Fabio Ghelli, denn so wird es für Redaktionen schwerer, "vielfältig zu gestalten und nicht in einer Blase zu leben."

Die journalistische Blase, die Lücke zwischen Anspruch und Realität, zwischen redaktioneller Zusammensetzung und Glaubwürdigkeit - sie beschäftigt nicht nur Führungsetagen in Medienunternehmen. Auch der journalistische Nachwuchs macht sich seine Gedanken.

Dieses Thema im Programm:

ZAPP | 08.02.2017 | 23:20 Uhr