Stand: 28.03.2018 11:46 Uhr

Facebook hat sich schon im Februar weiter abgekapselt

von Marvin Milatz

Strengere Überwachung für Facebook zu fordern, liegt im Trend. Erst am Montag war Bundesjustizministerin Katarina Barley an der Reihe, vom Betreiber des weltweit größten sozialen Netzwerks mehr Transparenz zu fordern. Doch wie eine ZAPP-Recherche zeigt, hat Facebook bereits Anfang Februar den Zugang zu Daten blockiert, die für eine unabhängige Kontrolle dessen, was auf der Plattform passiert, entscheidend sind.

Diese Änderung hatte Facebook bereits im November 2017 angekündigt - und am 5. Februar 2018 umgesetzt. Die breite Öffentlichkeit hat davon nichts mitbekommen, sondern nur Spezialisten, da die Ankündigung in Facebooks Entwickler-Portal zu finden war.

Jahrelang gab Facebook die Namen von Kommentarschreibern preis

Bis Februar galt: Setzte ein Facebook-Nutzer einen Kommentar auf einer öffentlichen Facebook-Seite ab, zum Beispiel dem Facebook-Auftritt von Spiegel Online, ließ sich der Kommentar mit dem Nutzernamen über Facebooks Programmierschnittstelle, Graph API genannt, abrufen. Dafür benötigte man nur minimale Programmierkenntnisse. Wegen der vom Unternehmen geforderten Klarnamen-Pflicht war der Nutzername oft der echte Name der Person.

Bisher konnte Jedermann Nutzernamen und -ID von Kommentatoren ziehen

Bild vergrößern
Die Veränderung findet sich nur bei den Information für Facebook-Entwickler.

Doch seit der Richtlinienänderung vom Februar gibt Facebook Nutzernamen und -ID nicht mehr jedem, sondern nur noch den Administratoren einer Seite. Analysen von Daten mehrerer Seiten sind nun unmöglich.

Unabhängige können Facebook nicht mehr kontrollieren

Einerseits muss man für Facebook eine kleine Lanze brechen. Schließlich steht der Konzern wegen des Cambridge-Analytica-Skandals hart in der Kritik. Zudem, ZAPP berichtete, gibt Facebook Daten an Drittunternehmen, sobald User ihre Zustimmung erteilen. Die strengeren Richtlinie aus dem Februar stieß Facebook bereits im November 2017 an, lange bevor das soziale Netzwerk öffentlich am Pranger stand.

Fraglich bleibt allerdings, warum es für Facebook jahrelang ok war, die Klarnamen vieler Nutzer mit Programmierern aus aller Welt zu teilen. Aus der Pressestelle heißt es dazu lediglich, Facebook führte diese Änderungen ein, um zu verhindern, dass Dritte die Daten missbrauchen. Konkreter wird das Unternehmen nicht.

Daten liegen exklusiv bei Facebooks Forschern

Jetzt sind die Daten weitgehend entwertet. Zwar spielt Facebook noch jeden Kommentar im Wortlaut aus, wann dieser abgesetzt wurde, wie viele Likes er bekam, doch ohne Namen oder ID lässt sich nicht mal mehr sagen, wer hinter einer Aussage steckt - oder wie viele Kommentare von einem Nutzer stammen. Übrig bleibt eine weitgehend zusammenhangslose Masse aus Wortfetzen und Emojis.

Journalisten und Wissenschaftler - aber etwa auch Polizeibeamte - können nun noch schlechter überblicken, was Menschen auf der Plattform eigentlich machen. Auch ZAPP nutzte die Schnittstelle bereits, um Einblick in Facebooks Prozesse zu geben. In einer Analyse konnte ZAPP im Dezember 2017 zeigen, dass auf vielen Facebook-Seiten Frauen deutlich seltener Kommentare schreiben als Männer. Diese Analyse basierte auf den Vornamen der Kommentarschreiber, ist so jetzt also nicht mehr möglich.

Datenschutz hat sich damit nur mäßig verbessert

Bild vergrößern
Rät nach wie vor dazu, sensible Daten nicht an jeden zu geben: Simon Hegelich, Professor für Political Data Science an der Technischen Universität München.

"Was jetzt gerade passiert, ist eigentlich das schlechteste Szenario", schreibt Simon Hegelich, Professor für Political Data Science an der Technischen Universität München, per Mail auf eine ZAPP-Anfrage. "Facebook wird restriktiver beim Teilen von Daten aber nicht beim Sammeln." Viele Informationen liegen nur noch Facebooks hauseigenen Forschern vor.

Zwar rät Hegelich auch zur Vorsicht: Der Fall Cambridge Analytica habe gezeigt, dass man sensible Daten nicht gleich an jeden herausgeben sollte. Doch eigentlich ist für den Datenschutz mit der Änderung vom Februar nicht viel gewonnen: Ausgespielt wird immer noch die ID eines jeden Kommentars. Schreibt man diese hinter ein facebook.com/, führt die Plattform einen direkt zu dem entsprechenden Kommentar. Im Einzelfall lässt sich so immer noch herausfinden, wer was geschrieben hat.

Weitere Informationen

Alltag: Dritte kommen an Facebooks Daten

21.03.2018 23:20 Uhr

Facebook in Bedrängnis: Laut Recherchen von "New York Times" und "Guardian" erwarb und speicherte die Politikberatung Cambridge Analytica rund 50 Millionen Nutzerprofile - illegal. mehr

Warum Frauen auf Facebook verstummen

06.12.2017 23:20 Uhr

In den Facebook-Kommentarspalten deutscher Medien dominiert die männliche Meinung. Medienhäuser wünschen sich mehr Beteiligung von Frauen - können aber nur wenig tun. mehr

Dieses Thema im Programm:

ZAPP | 06.12.2017 | 23:20 Uhr