Medien 2020: Der ZAPP-Jahresrückblick

Das Medienmagazin

Mittwoch, 02. Dezember 2020, 23:20 bis 23:50 Uhr

Mit dem "Umweltsau"-Lied eines Kinderchores im WDR fängt das Jahr 2020 turbulent an. Und so bleibt es auch. Das Satire-Video über ein umgedichtetes Kinderlied ist der Auftakt einer zunehmend größer werdenden Empörungswelle. Das Lied erregt die Bürgerinnen und Bürger. "Meine Oma ist ne` alte Umweltsau" wird aber auch zur Ouvertüre auf einer medialen Bühne, die sogenannte Querdenker, Populisten und Rechtsextreme im Laufe des Jahres für ihre Proteste gegen Corona-Maßnahmen nutzen. Im Januar ist das Virus noch im fernen China, wo Ärzte, Journalisten und Blogger sanktioniert werden, die an der Zensur vorbei dokumentieren "was ist": Überfüllte Krankenhäuser, Tote, rasant steigende Infektionszahlen. Der Bürgerjournalist Chen Qiushi sagt: "Ich habe Angst. Vor mir ist die Krankheit, hinter mir ist die Macht von Chinas Justiz und Verwaltung."

Polizeiabsperrung in Hanau. © Boris Rössler/dpa
Wildes Spekulieren, Täterabbildungen, unsensible Interviews - nach den Attentaten von Hanau wurden viele journalistische Fehler gemacht.

Für Deutsche alles noch weit weg. Da bricht ein schockierender Livestream in den Alltag: Ein Amokläufer erschießt in Hanau mit laufender Kamera neun Menschen. Bilder dieses Attentats werden später in diversen Medien weiterverbreitet, verbunden mit dem "fremden- und ausländerfeindlichen Motiv" des Täters. ZAPP fragt damals nach der Verantwortung der Berichterstattung. Die Journalistin der "taz", Carolina Schwarz, sagt: "Wenn man Begriffe benutzt wie ausländer- und fremdenfeindlich am Beispiel von Hanau, dann nimmt man die Perspektive des Täters ein."

Medialer Overkill

Kurz danach erreicht Corona Deutschland. Mit dem ersten Lockdown gehen auch ganze Redaktionen ins Homeoffice. Die wichtigsten deutschen Nachrichtenseiten entstehen am Küchentisch. Am Anfang sind die Skype-Konferenzen auch für Janko Tietz von "Spiegel Online" noch gewöhnungsbedürftig: "Ich bin mir nicht so richtig im Klaren darüber, wie eine Gesellschaft solche Lockdowns aushalten kann. Da gibt es ja die verschiedensten Szenarien. Die einen sprechen ja sogar davon, dass man bis zum nächsten Jahr aufrechterhalten muss. Das halte ich. Das macht mir wirklich allergrößte Sorge, wenn das wirklich so käme." Die Wirtschaft spart bei Anzeigen. Somit gehen die Werbeeinnahmen der Verlage dramatisch zurück. Immerhin steigt die Zahl der Online-Abos. Trotzdem verordnen Zeitungshäuser ihren Redakteurinnen und Redakteuren Kurzarbeit.

Thumpnail "Hygienedemo" © NDR
Bei Demonstrationen von Gegnern der Corona-Maßnahmen wurden wiederholt Journalisten und ihre Teams massiv attackiert.

Im März ist Corona das einzige Thema. Es wirkt wie ein medialer Overkill. Aber dieser Hype in der Corona-Berichterstattung relativiert sich schon im April, die Kurve zeigt deutlich nach unten. Demgegenüber steigt die Empörungskurve auf den Straßen des Landes: Protestler organisieren den Widerstand gegen die Corona-Maßnahmen: Eine Minderheit bringt ihre Wut auf die Straße und macht den Eindruck, als sei sie die Mehrheit. Sie nennt sich "Widerstand 2020" oder "Querdenker". Sie ist laut und vor allem gegen "die da oben". Und weil Journalistinnen und Journalisten aus ihrer Sicht zum "Establishment" gehören, werden Reporterinnen und Reporter am Rande der Demos bepöbelt und angegriffen. Bis heute radikalisiert sich eine Szene aus Bürgern, Populisten und Rechtsextremen. Letztere nutzen die Bühne, auf der schon die "Umweltsau" für Stimmung sorgte.

Kritische Berichte unterdrückt

Und zwischen all diesen Demos in Deutschland, tauchen Anfang August plötzlich ganz andere Proteste in den Nachrichten auf : Belarus hat gewählt. Aber das Ergebnis zugunsten Lukaschenkos erscheint manipuliert. Tausende Menschen gehen in Minsk auf die Straße, obwohl die Polizei brutal verhaftet und die Menschen mit Folter ähnlichen Methoden misshandelt. Kritische Berichte aus Belarus werden ohnehin unterdrückt und auch internationalen Journalisten ihr Arbeit massiv erschwert. Die ZDF-Korrespondentin Phoebe Gaa erzählt im ZAPP-Interview: "Ich glaube aus Deutschland jemanden zu schicken, hat im Moment die Schwierigkeit, dass die belarussischen Behörden nicht besonders schnell auf Akkreditierungsanfragen reagieren." So bleibt das Land über Tage wie ein blinder Nachrichten-Fleck. Auch in Russland finden die Proteste aus Belarus im staatlichen Fernsehen kaum statt. Genauso wenig wie er: Der Kreml-Kritier Alexey Nawalny. Hierzulande kommt er in die Schlagzeilen nach dem Giftattentat in Tomsk am 20. August. Nawalny betreibt erfolgreich einen YouTube-Kanal mit vier Millionen Abonnenten. Und das an der Kreml-Zensur vorbei. Nawalny überlebt und wird anschließend in Berlin behandelt.

Schon wendet sich das Medienjahr wieder nach Westen, die US-Wahlen im Blick. Trump twittert, wie immer. Von "alternative facts" kann er ebenso wenig lassen, wie vom Präsidentenamt. Selbst sein "Haussender" Fox News bestätigt die Wahlniederlage.

Trotzdem: Trump bleibt in den Medien und wird uns noch länger begleiten - über dieses atemlose Medienjahr 2020 hinaus.

 

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Ameer al-Halbi © NDR

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