Stand: 24.09.2013 14:00 Uhr  | Archiv

Bangladesch: Opfer sind noch immer nicht entschädigt

Frauke Banse vom Inkota Netzwerk
Frauke Banse vom Inkota Netzwerk rät, den öffentlichen Druck auf Textilhersteller auszubauen.

Frauke Banse ist zuständig für sogenannte Eilaktionen der "Kampagne Saubere Kleidung" im Rahmen des Inkota Netzwerkes e.V. Sie kümmert sich weltweit um akute Arbeitsrechtsverletzungen entlang der Lieferkette von Textilherstellern. Das Inkota Netzwerk mit Sitz in Berlin kämpft seit nunmehr 40 Jahren für  eine Welt ohne Armut und insbesondere für faire Regeln im Welthandel, eine entwicklungsverträgliche Agrarpolitik sowie die Verpflichtung international agierender Konzerne, in ihren weltweiten Fabriken für die Einhaltung sozialer Mindeststandards zu sorgen. Im Interview mit den Weltbildern erklärt Banse die aktuelle Situation der Opfer und Hinterbliebenen des Unfalls in der Nähfabrik Rana Plaza im April 2013.

Über 1.000 Beschäftigte starben im April diesen Jahres beim Einsturz der Textilfabrik Rana Plaza in Bangladesch. Dort wurde für zahlreiche Kleidungshersteller, darunter auch deutsche Firmen, produziert. Die Opfer und ihre Anwälte haben große Hoffnungen in die Entschädigungsverhandlungen gesetzt, die von der Internationalen Arbeitsorganisation (ILO) moderiert werden. Warum sind diese Verhandlungen schon zu Beginn gescheitert?

Frauke Banse: Die Verhandlungen sind nicht gescheitert, sie sind enttäuschend verlaufen und die Opfer müssen weiterhin auf Entschädigungszahlungen warten. Statt dass die Unternehmen also konkreten Zahlungen zustimmten, ist vieles in Arbeitsgruppen vertagt worden. Zudem sind viele der Firmen, die aufgefordert waren zu kommen, gar nicht erst erschienen. Davon auch vier aus Deutschland: Adler Modemärkte, NKD, Güldenpfennig, ein wichtiger Zulieferer z.B. von Aldi, sowie die Kids Fashion Group. Auch andere, für den deutschen Markt wichtige Firmen wie Inditex (Zara), C&A, Benetton und Mango hielten es nicht für nötig, zu erscheinen.

Über die Einsturztragödie in der Fabrik Rana Plaza war sicher nicht zuletzt wegen der vielen Opfer besonders stark in den Medien berichtet worden. Gab es ähnliche Unglücke in Bangladesch bzw. anderen Billiglohnländern, in deren Folge die betroffenen um Entschädigung gekämpft haben, vielleicht sogar mit  positivem Ausgang?

Banse: Es gab in der Vergangenheit viele Tote in Bangladeschs Textilfabriken. Der Zusammenbruch von Rana Plaza war bisher dabei allerdings mit Abstand der schlimmste Unfall. In manchen Fällen wurden  nach öffentlichem Druck Entschädigungen seitens der internationalen Käufer transparent und entlang internationaler Normen ausgezahlt. Bei anderen sind die Entschädigungsprozesse leider noch immer nicht abgeschlossen. So beispielsweise für die Opfer des Brandes in der Textilfabrik Tazreen Fashions im November letzten Jahres. In der Fabrik, die unter anderem für C&A und KiK produzierte, kamen über 100 Menschen ums Leben. Über ihre Entschädigungen wurde ebenfalls in Genf verhandelt.

Neben den Todesopfern wurden bei dem Unglück in der Fabrik Rana Plaza mehr als 2.500 Arbeiter und Arbeiterinnen schwer verletzt, zum Teil sind sie sogar für den Rest ihres Lebens arbeitsunfähig. Wie viel Geld sollten die Opfer und ihre Familien jeweils als Entschädigung erhalten?

Banse: Die jeweilige Summe errechnet sich auf Basis der ILO Konvention 121. Hier wird berücksichtigt, wie lange ein Mensch aufgrund seiner Verletzungen nicht arbeiten kann und wie viel seines Lohnes damit ausfällt. Sind Beschäftigte in der Fabrik umgekommen, bekommen ihre Familien einen Anteil des ausgefallenen Lohnes der Arbeitsjahre, die dieser Mensch noch hätte arbeiten können. Hinzu kommt noch Schmerzensgeld. Insgesamt beträgt die Entschädigungssumme im Fall von Rana Plaza ca. 55 Millionen Euro. Die Unternehmen sollen davon ca. 25 Millionen tragen.

Wird diese Summe denn von den Kleidungsproduzenten in dieser Größenordnung akzeptiert?

Banse: Es konnte sich bisher leider nicht darauf geeinigt werden, den Entschädigungsprozess an anderen Präzedenzfällen, so genannten "good practices", auszurichten. In diesen Fällen haben die internationalen Käufer der Waren 45 Prozent und die nationalen Akteure wie die Regierung, die Fabrikbesitzer und die Arbeitgebervereinigung 55 Prozent der Gesamtentschädigungssumme übernommen.

Nun haben 80 Textilproduzenten, die meisten aus Europa, sich mit internationalen Gewerkschaftsverbänden auf einen Vertrag geeinigt, der die Sicherheit der Textilarbeiter und Arbeiterinnen in Ländern wie Bangladesch sicherstellen soll. Wie kam es dazu?

Banse: Das Abkommen zum Gebäude- und Brandschutz wurde erst durch den massiven öffentlichen Druck auf die Textilfirmen möglich. Die "Kampagne für Saubere Kleidung" forderte schon lange, im Verbund mit den Gewerkschaften, ein solches verbindliches und transparentes Abkommen abzuschließen. Das bittere ist, dass erst viele Tausend Trümmer auf Menschen fallen mussten, bis es endlich zu den Unterschriften seitens der Unternehmen kam.

Inwieweit können die Verbraucher, zum Beispiel in Deutschland, Druck ausüben, damit sich in Billiglohnländern wie Bangladesch die Arbeits- und Lohnverhältnisse für die Arbeiter und Arbeiterinnen verbessern?

Banse: Wie an den Markennamen zu sehen ist, sind es bei weitem nicht nur die Billigmarken, bei deren Zulieferern schwere Unglücke passieren. Der Preis eines Kleidungsstücks ist also keinerlei Garantie dafür, dass die Arbeits-und Menschenrechte respektiert werden. Zentral ist es, öffentlichen Druck aufzubauen und aufrecht zu erhalten. Menschen sind zum Beispiel herzlich eingeladen, sich an unseren Aktionen zu beteiligen, ob online oder in Aktionsgruppen. Auch innerhalb der deutschen Gewerkschaften, insbesondere bei Verdi, gibt es Möglichkeiten, sich an Solidaritätsaktionen für die Beschäftigten in der Textilindustrie zu beteiligen.

Das Interview führte Ulrich Semler.

Dieses Thema im Programm:

Weltbilder | 24.09.2013 | 23:30 Uhr

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