Stand: 30.01.2018 23:30 Uhr

Beziehungen von USA und China unter Druck

Vergangene Woche hat US-Präsident Donald Trump Strafzölle auf chinesische Solaranlagen angekündigt - Experten warnen schon länger vor einem bevorstehenden Handelskrieg zwischen der alten und der aufstrebenden Supermacht. 2018 könnte ein Jahr der richtig rauen Töne werden, wenn es um die USA und China geht. In seiner Rede zur Lage der Nation sprach Trump von China als "Rivalen", der "Amerikas Interessen, Wirtschaft und Werte infrage stelle" und forderte gleich darauf mehr Ausgaben für das US-Militär.

Im Interview spricht Ronnie Chan über die Beziehungen von USA und China. Chan ist Immobilien-Unternehmer aus Hongkong und Mitglied der "Asia Society", einer regierungsunabhängigen Organisation, deren Ziel die Verbesserung der Beziehungen zwischen den asiatischen Staaten und den USA ist.

Ronnie Chan

"If the US wants China as an enemy, they get it"

Weltbilder -

2018 könnte ein Jahr der richtig rauen Töne werden, wenn es um die USA und China geht. Immobilien-Unternehmer Ronnie Chan spricht über die Beziehungen der Länder im Interview (engl.).

0 bei 0 Bewertungen

Mit von 5 Sternen

bewerten

Vielen Dank.

schließen

Sie haben bereits abgestimmt.

schließen

Staatspräsident Xi Jinping hat das Ziel ausgerufen, China werde bis zum 100. Geburtstag der Volksrepublik im Jahr 2049 ein "voll entwickeltes, reiches und mächtiges" Land sein. Glauben Sie daran?

Ronnie Chan: "Ich habe keine Glaskugel, um in die Zukunft zu gucken. Aber ich kann zwei Punkte sagen: Erstens neigt Chinas politisches System zu unvorhersehbaren Ereignissen, das macht Vorhersagen schwieriger. Aber wenn man sich Chinas Leistungen der vergangenen 30 Jahre ansieht, würde man sagen, dass es eine Chance gibt. Denn China war in der Lage aus einem sehr armen Land das zu machen, was es heute ist. Diese Leistung macht es wahrscheinlicher, dass China es schaffen kann. Während der vergangenen 30 Jahre gab es schwierige Phasen, so wie das Jahr 1989 - das hat China durchgestanden und ist weiter vorangeschritten. Ich glaube, dass es also definitiv Chancen gibt, dass China einige dieser Ziele erreichen kann."

Was bedeutet Chinas Aufstieg für die USA?

Chan: Das hängt von den USA selbst ab. Zuerst einmal ist eines unumgänglich, wenn 1,38 Milliarden Menschen ein besseres Leben wollen, kann niemand dagegen sein. Also ist Chinas Aufstieg unumgänglich. In den vergangenen 3.000 Jahren - mit Ausnahme der letzten 200 Jahre - war China auf dem Höhepunkt der Zivilisation und seiner Wirtschaftsleistung. Nach 200 Jahren Stillstand knüpft China wieder an den Trend an, dem es davor gefolgt war, das ist ganz natürlich. Aber anstatt China diese Frage zu stellen, sollte man vielleicht den USA diese Frage stellen: Welche Art von Beziehung wollen sie mit China haben? So wie Graham Allison (US-Politologe, Anmerkung d. Redaktion) sagte, wenn es eine neue aufstrebende Macht gibt, kommt es in 12 von 16 Fällen zum Krieg. Aber es ist nicht selbstverständlich, dass es so kommen muss.

Oft hängt das von der existenten Supermacht ab, den USA. Welche Art von Beziehung wollen die USA mit China? Wollen sie China zum Feind, dann bekommen sie China zum Feind! Das scheint der Weg zu sein, den die USA seit einigen Jahrzehnten beschreiten, insbesondere in den letzten 10, 20 Jahren. Andererseits, wenn die USA erleuchtet wären und China entgegen kämen, um die Welt gemeinsam weiter zu entwickeln, dann denke ich, sind die Chancen sehr gut, dass die USA und China zusammen arbeiten können. Ich habe immer gesagt: Meiner Meinung nach ist China überaus glücklich, die zweite Geige für die USA zu spielen. Wieviel Feinde wollen die USA? Zwei? Russland und China? Das können sie haben. Wollen sie nur einen Feind? Dann bekommen sie auch einen, und der wird wahrscheinlich nicht China sein. Die USA können sich aussuchen, was sie wollen.“

Es scheint fast so, als würde sich ein Handelskrieg anbahnen. Zumindest scheint die Trump-Regierung mit härteren Bandagen zu spielen, als andere US-Regierungen zuvor. Wie sehen Sie das?

Chan: Ich bin nicht allzu besorgt, aus mehreren Gründen. Erstens: Für China ist Handel nicht mehr so entscheidend wie früher. Nicht mehr so wie vor 10, 20 oder 30 Jahren. Der Nettohandel Chinas ist ein sehr, sehr kleiner Teil seines Bruttoinlandprodukts. Zweitens: Man kann seinem Gegenüber etwas antun, aber das Gegenüber kann einen auch etwas antun. Es gibt sehr viele Dinge, die die USA unternehmen können. Und es gibt im Gegenzug sehr viele Dinge, die China unternehmen kann - als Vergeltung. Vor 30 Jahren war China klein, so wie ich, 1,65 Meter. Die USA waren 2,20 Meter groß. Vor 20 Jahren war China dann vielleicht 1,80 Meter. Vor zehn Jahren dann 1,95 Meter. Wenn der Große mit seinen 2,20 Meter zuschlägt, ist der Kleine weg.

Aber heute ist die Realität doch, dass China 2,10 Meter groß ist. Will man jemanden, der so groß ist ärgern? Das muss man sich zweimal überlegen. Als gescheiterter Immobilien-Unternehmer kennt sich Trump mit Schmerz aus. Man kann jemanden Schmerzen zufügen, aber auch andere können einem selbst Schmerzen zufügen. Auf diesem Weg gibt es keinen Sieger. Wenn Trump es auf diese Weise machen will, dann hat China keine andere Wahl, als darauf zu reagieren - und beide sind die Verlierer. Das muss Trump entscheiden.“

Wird Chinas Führung für ausreichend Wachstum sorgen, um die USA als führende Wirtschaftsmacht und als mächtigen Akteur im westlichen Pazifik-Raum abzulösen?

Chan: Es gibt eine eher sachliche und eine eher philosophische Antwort auf Ihre Frage: Sachlich gesehen hat China eine Bevölkerung von 1,4 Milliarden, die USA 320 Millionen - China also mehr als viermal so viele. Was wäre also so seltsam daran, wenn China einst ein höheres Bruttoinlandsprodukt (BIP) haben sollte. Pro-Kopf ist das in den USA natürlich viel höher, und dann gibt es noch die Komponente der Qualität des BIP. Dabei sind die USA meiner Meinung nach viel besser. Für China bedeutet das Aufholen beim BIP nicht so viel.

Aber Ihre Frage hat auch eine philosophische Dimension: Werden sie die USA ablösen oder überholen? Der Westen neigt dazu so zu denken, die westliche Zivilisation basiert auf dem Judäo-Christentum, auf einer monotheistischen Religion. Es gibt Gott und Teufel, Himmel und Hölle, Heil und ewige Verdammnis. Alles ist schwarz-weiß, dem Sieger gehört alles. Chinesen sehen die Welt nicht so. In den USA beim Sport ist der Erste der Champion, der Zweite ist der Verlierer. In China gibt es ein Wort für den ersten Sieger, den zweiten Sieger, den dritten und den vierten Sieger - sie alle sind Sieger.

Philosophisch gesehen ist der Westen fixiert auf diese China-wird-die-USA-überholen-Frage. Chinesen sehen die Welt nicht so. Der Westen betrachtet andere so, auf der Grundlage des eigenen philosophischen Fundaments. Das ist sehr traurig, warum muss die Welt so sein? Wer ist die Nummer 1, wer ist der Größte, der Schnellste? Das ist doch keine große Sache, was zählt ist doch, dass mehr Menschen mehr Lebensfreude haben.

Was bedeutet Chinas globale Strategie für das weltweite Gleichgewicht der Mächte?

Chan: China hat vor 30, 40 Jahren als sehr armes Land begonnen, es ist extrem schnell gewachsen - wie wir alle wissen. Es ist an einen Punkt angekommen, an dem der Binnenmarkt nicht länger groß genug ist für heimische Unternehmen. Genau wie nach dem Zweiten Weltkrieg, als es in den USA Unternehmen gab, die sehr groß wurden, so wie Ford, General Motors, General Electrics und viele andere - wie später Microsoft und andere. Es ist unvermeidlich, dass große Wirtschaftsmächte starke Unternehmen hervorbringen. Deutschland hat Siemens, Mercedes Benz, BMW, Bosch und viele andere. Es ist unvermeidbar, dass Chinas Unternehmen über die Landesgrenzen hinaus wachsen. So soll es sein. Warum sollten das nur US-Unternehmen machen können, warum nicht auch andere, Deutschland, Japan, Korea, China? Es ist ganz natürlich, ich habe damit keine Probleme.

Chinas Direktinvestitionen im Ausland wachsen sprunghaft, insbesondere im Rahmen der "Neuen Seidenstraße". Manche im Westen fürchten, dass China den globalen Handel vor allem zu seinen eigenen Gunsten umgestaltet. Was denken Sie?

Chan: Das ist eine sehr engstirnige Sichtweise. Warum sollte Handel nur für ein Land gut sein? Als US-Unternehmen begannen ins Ausland zu gehen, hat das doch auch der Wirtschaft dort genutzt. Warum sollten also nur die chinesischen Unternehmen davon profitieren, wenn sie ins Ausland gehen? Warum gibt es diese irrationale Angst, die sich hinter Ihrer Frage verbirgt. Die Tatsache, dass Sie diese Frage stellen, bedeutet, dass es irrationale Ängste gibt. Wird China die Handelswelt umgestalten? Natürlich wird es so sein. Es gibt einen neuen Player, warum sollte es nicht so sein, jeder neue Player verändert die Dinge. In den 1990er-Jahren wurden japanische Unternehmen sehr mächtig. Toyota, Nissan, Panasonic und viele andere - haben sie die Handelswelt neu gestaltet? Ja, natürlich haben sie das! Warum sollten das nicht auch chinesische Unternehmen machen? Ich sehe keinen Grund dafür, warum das nicht so sein sollte.

Das Interview führte Daniel Satra

Dieses Thema im Programm:

Weltbilder | 30.01.2018 | 23:30 Uhr