Sportclub Story - Fast vergessene Fußballhochburgen

Glanzvolle Zeiten in Hildesheim, Göttingen und Barmbek

Sonntag, 01. März 2020, 23:45 bis 00:15 Uhr

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Der größte Tag in der Geschichte des Hildesheimer Fußballs liegt fast 60 Jahre zurück: Am 5. November 1961 strömten 26.000 Zuschauer ins Stadion auf der Johanniswiese. "Würdige Ehepaare im tadellosen Sonntagsstaat krochen auf den Knien durch kleine Zaunlöcher", schrieb die örtliche Zeitung. In der Oberliga, der damals höchsten Spielklasse, empfing der Verein für Volkssport (VfV) den großen Hamburger SV mit seinen Stars wie Uwe Seeler und Charly Dörfel. Außenseiter Hildesheim gewann mit 3:0. "Wir haben die Hamburger auseinandergerupft", erinnert sich der damalige Außenläufer Wolfgang "Röhre" Träger. Ein halbes Jahr später trat sein Team gar im Europapokal an! Nach der Gruppenphase war Schluss - und bald darauf konnte der VfV auch mit den Großen in Norddeutschland nicht mehr mithalten und galt fortan wieder als "Fußball-Provinz".

"Rebellen" und ein Sportpsychologe aus Übersee

In den Zeiten der Stehtribünen, als der Eintritt drei D-Mark kostete und nur wenige Spiele in Zusammenfassungen im Fernsehen gezeigt wurden, sorgte auch Göttingen 05 für Furore: Zweimal scheiterte der Verein nur knapp am Aufstieg in die Bundesliga. Die "Rebellenelf" (wie das Team von Trainer Fritz Rebell genannt wurde) überzeugte mit ihrer starken Defensive und setzte bereits 1968 auf die Dienste eines Sportpsychologen. "Der kam aus Amerika, das war ein ganz Verrückter. Der hat Handzettel drucken und verteilen lassen bei den gegnerischen Fans in Berlin, wo er uns als nette Jungs aus der Provinz vorgestellt hat, um gut Wetter für uns zu machen", erzählt Helmut Hinberg, bis heute Göttingens Rekordspieler. Der Verteidiger war auch dabei, als der Verein Mitte der 1970er-Jahre eine erneute Hochphase erlebte und zwischenzeitlich Tabellenführer der neugegründeten Zweiten Liga war.

Barmbek holt Stürmer Charly Dörfel

Für diese hatte sich auch der HSV Barmbek-Uhlenhorst qualifiziert. Finanziell unterstützt von "Altpapier-Baron" Hermann Sanne konnte der Club vom Ende der 1960er-Jahre an etliche ehemalige HSV-Spieler wie Willi Giesemann und Harry Bähre verpflichten. Der Königstransfer gelang 1973, als Stürmer Charly Dörfel nach Barmbek wechselte. "Das waren die letzten Tage von Pompeji. Bei BU habe ich meine Karriere praktisch austrudeln lassen", erzählt der elfmalige Nationalspieler. Ein Jahr blieb Dörfel, das Abenteuer Zweite Liga machte er nicht mehr mit. Für den Club entwickelte es sich ganz anders als erhofft: Sportlich konnten die Feierabendkicker nicht mithalten, dazu kamen bald große finanzielle Sorgen. Mäzen Sanne zog sich zurück, BU stand mit 500.000 D-Mark in den Miesen. Eine groß angelegte Solidarisierungswelle verhinderte die Insolvenz. NDR Journalist Gerd Ribatis konnte Heino, Tony, Cindy und Bert, Costa Cordalis und Roberto Blanco für eine Schallplatte mit dem Titel "Stars singen für BU" gewinnen. Zehntausend verkaufte Exemplare spülten Geld in die Kassen. Den sportlichen Niedergang konnten die Schlagersänger allerdings nicht verhindern, zwischenzeitlich stieg der Club sogar in die Bezirksliga ab.

Heute spielt BU in der Oberliga Hamburg, Göttingen 05 musste 2003 Insolvenz anmelden, der Nachfolgeverein ist in der Landesliga aktiv und der VfV Hildesheim, inzwischen mit Borussia fusioniert, hofft aktuell auf den Aufstieg in die viertklassige Regionalliga.

Autor/in
Inka Blumensaat
Produktionsleiter/in
Matthias Most
Redaktion
Hendrik Deichmann
Maren Höfle