Rund um den Michel

Das Beste aus Hamburgs Handwerk und Design

Sonntag, 07. Februar 2021, 18:00 bis 18:45 Uhr
Montag, 08. Februar 2021, 02:15 bis 03:00 Uhr

Sie hämmern, schweißen, nieten und nähen fleißig weiter, auch wenn rundherum alles geschlossen ist: Hamburgs Handwerker und Designer befinden sich nämlich nicht im Lockdown. Und gerade jetzt besinnen sich viele wieder auf die Qualitäten des lokalen Handwerks oder fangen sogar selbst an zu werkeln. Rund um den Michel hat sich deshalb in den Handwerkerhof im Ottensener Kolbenwerk begeben und stellt von hier aus die interessantesten Werkstätten und Ateliers vor.

Keramiker des Alten Elbtunnels

Ganze 18 Jahre lang arbeitete der Keramiker Hans Kuretzky für ein besonderes Hamburger Wahrzeichen: Für die Sanierung des alten Elbtunnels entwarf, brannte und glasierte er tausende von Fliesen und Kacheln. Ende April 2019 ist der Tunnel offiziell eröffnet worden, und Kuretzkys hätte in Rente gehen können. Stattdessen hat er sich für die Arbeiten in der zweiten Tunnelröhre beworben und den Zuschlag bekommen. So fertigt er dieser Tage wieder Kacheln für das Hamburger Wahrzeichen.

Die Feinsattlerin

Christin Dahlmann ist eine Exotin auf ihrem Gebiet, denn solche wie sie gibt es nur noch zwölf in ganz Deutschland. Die 52-Jährige ist Hamburgs einzige Feinsattlerin. In Winterhude in der Gertigstraße arbeitet sie in ihrem kleinen Atelier "Headwig" noch mit historischen Werkzeugen und Nähkolben und wurde 2019 sogar als Hamburgs Handwerkerin des Jahres ausgezeichnet. Die gebürtige Schwerinerin war früher Topmodel und lief nach der Wende für Jil Sander und Armani. Nun hat sie ihre wahre Berufung gefunden. Eine Ausbildung als Feinsattlerin gibt es nicht. Christin Dahlmann hat sich alles selbst beigebracht. Und sie hat bereits eine neue Geschäftsidee ins Leben gerufen - von ihr designte Luxus-Hundebetten mit Bioschaummatratzen.

Design aus dem Hinterhof

Das Eckhaus am Schulterblatt 1 ist wohl das berühmteste eingerüstete Haus der Welt. Touristen und Passanten posieren vor der Fassade, machen Handy-Fotos und Selfies. Seit den Krawallen während des G20-Gipfels kennt fast jeder dieses Gebäude. Doch was sich dahinter verbirgt, wissen die wenigsten. "Paperlux" - diesen Namen kennt man nicht unbedingt in Hamburg, aber sehr wohl in London und Paris. Denn die Papier-Designer beliefern die großen Luxusmarken: Alexander McQueen, Montblanc und Hermès.

Der Trachtensticker

Schon seine Eltern und Großeltern haben Tracht getragen. Und aus Tradition und Liebe zur Heimat trägt sie auch Jürgen Dreekmann seit Kindestagen. Der Neuengammer ist Vorsitzender der Vierländer Speeldeel. Mit der tanzenden Trachtengruppe singt er plattdeutsche Lieder und hält so die 230 Jahre alte Kultur der Vierländer Tracht aufrecht.  Dazu gehört bei Jürgen Dreekmann auch das Restaurieren von Trachten. Dieses Handwerk beherrscht er wie kaum ein anderer in der Region. Der Banker gilt als "Stick-Guru" und bringt sogar den Frauen in den Vierlanden das Sticken und Nähen von Trachten bei. In seinem Haus lagern jedenfalls wahre Trachtenschätze, z.B. die Tracht seiner Ur-Ur-Großmutter.

Interview mit Tobias Trapp, Kolbenwerk eG

Handwerksbetriebe haben es in der wachsenden, sich immer mehr verdichtenden Großstadt schwer, denn viele brauchen Platz, wollen nah an ihren Kunden sein und können sich keine horrenden Mieten leisten. Diesem Problem setzen 26 Betriebe eine gute Idee entgegen: Sie gründeten eine Genossenschaft und erwarben gemeinsam eine alte Fabrikhalle der Firma Kolbenschmidt in Ottensen. Vor zwei Jahren zogen sie ein. Ihr Sprecher, Tobias Trapp, erklärt im Interview, wie sehr die einzelnen Gewerke seitdem vom Miteinander profitieren.

Das Nähmaschinenhaus

Das Hamburger Nähmaschinenhaus feiert in diesem Jahr ein Jubiläum: Das Haus, in dem es sich befindet, wird 400 Jahre alt. Seit 66 Jahren ist das Nähmaschinenhaus darin beheimatet. Hier gibt es Nähmaschinen in allen Variationen bis 10000 Euro. In der Langen Reihe 61 führen die beiden Schwestern Andrea Neubauer und Gabriele Jaschinski seit über 30 Jahren die Geschäfte – zurzeit beraten sie die Kunden telefonisch und verkaufen Nähmaschinen per Click and Collect. Auch defekte Nähmaschinen können trotz Lockdown zur Reparatur abgegeben werden.

Die älteste Scheideanstalt Norddeutschlands

Die alteingessene Edelmetall-Scheideanstalt Schiefer & Co. liegt mitten im Herzen des Rotlichtviertels in St. Georg. Hier wird noch mit traditioneller Handwerkstechnik geschmolzen und legiert - bei über 1000 Grad. Vor 12 Jahren hat Reinhard Bochem den Familienbetrieb von seinem Vater übernommen. Er wurde 1923 gegründet. In einer Scheideanstalt werden Gold, Silber oder Platin zu Rohlingen für Goldschmiede gefertigt. Sie ist quasi ein Recyclinghof für Edelmetalle. Reinhard Bochem sieht sich als Edlemetaller fürs Grobe. Manchmal muss er aber auch sehr feinfühlig sein. Wenn Privatleute ihr Zahngold oder Schmuckstücke verkaufen möchten, stecken da oft Schicksale hinter. Für Bochem haben Edelmetalle magische Anziehungskraft. Besonders bezaubert ist er von seinem äußerst wertvollen, finnischen Waschgold, das er als einziger in Deutschland verarbeitet.

Design für die Elphi

Sie gelten als der Nachwuchs in der Designerszene: Eva Marguerre und Marcel Besau. Die beiden Designer haben sich im Studium kennengelernt und wurden ein Paar. Während ihrer jungen Karriere haben sie schon viele Preise bekommen. Der größte Coup: Das Designer-Duo durfte die Elbphilharmonie ausstatten. Gemeinsam arbeiten und leben bedeutet:  Feierabend ist bei Eva Marguerre und Marcel Besau nie.

Der Schuster

Er fährt aus einem Dorf in der Lüneburger Heide jeden Morgen in das Dorf in der Metropole. In seinem Geschäft am Poelchaukamp in Winterhude scheint die Zeit stehen geblieben zu sein. Genauer gesagt, im Jahre 1970, als Carl-Heinz Schwartau hier als Schuster begonnen hat. Seitdem kümmert er sich hier um die Sohlen und kaputten Nähte der Winterhuder und ist längst als echtes Original bekannt.

Die Töpferin

Schon seit Jahren liegt Selbstgemachtes im Trend: Gärtnern, Stricken, Backen und inzwischen auch Töpfern. Mit Handarbeit haben Menschen das Gefühl, ihr Leben im Griff zu haben und die Welt überschauen zu können - sagen Trendforscher. Vor allem das Internet hat den Töpfer-Hype ausgelöst. Keramik-Künstlerin Paulina Pucilowska töpfert in Hamburg und begeistert mit ihrem Label „Swawole“ Menschen auf der ganzen Welt.

Die Koppel

Kaum etwas erinnert heute noch an die ursprüngliche Nutzung der ehemaligen Maschinenfabrik, die 1924 im Stil des Hamburger Art Deco erbaut wurde. Seit 1981 ist das Haus eine Heimat für rund 20 Künstler und Kunsthandwerker, die in dem Publikum offenstehenden Werkstätten und Ateliers arbeiten. Von Anfang an dabei ist Michael Sazarin. Der Maler ist auch der Einzige, der hier das Wohnrecht hat. Wir besuchen ihn in seinem Atelier und gehen mit ihm durchs Haus und blicken in weitere Werkstätten.

 

 

Produktionsleiter/in
Andy Kaminski
Redaktionsleiter/in
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Redaktion
Susanne Dobke
Moderation
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