Rund um den Michel

Gesichter der Großstadt

Sonntag, 04. Oktober 2020, 18:00 bis 18:45 Uhr
Montag, 05. Oktober 2020, 01:55 bis 02:40 Uhr

Wir sehen sie auf der Straße, im Supermarkt oder in der U-Bahn: die Gesichter der Großstadt. Jedes erzählt eine andere Geschichte. Fast 1,9 Millionen Menschen leben derzeit in Hamburg und jeder Einzelne gibt der Metropole eine neue Facette. Rund um den Michel stellt einige von ihnen vor.

Jessy Martens und der Gospel-Chor

Bluesrocksängerin Jessy Martens geht jedes Mal das Herz auf, wenn sie mit ihrem großen St.Pauli Gospel Choir proben darf. Aber das ist derzeit im Chorraum in Hamburg wegen Corona nicht erlaubt. Jessy, die mit ihrer starken Stimme auf der Trauerfeier für Jan Fedder im Michel für Gänsehaut sorgte, lässt sich mit ihrer Energie aber auch vom Virus nicht bremsen. Die Chorleiterin hat vom Gesundheitsamt eine Probe mit 50 Sängern bewilligt bekommen - auf einer Pferdewiese mitten auf dem Land. In Holm im Kreis Pinneberg hat jedes Chormitglied seinen eigenen Stuhl mitgebracht. Allen ist dieser "Treff" auf der Wiese wichtig - fürs soziale Miteinander und, weil das gemeinsame Singen in diesen Zeiten "einfach der Seele guttut", meint Jessy.

Der Mann hinter dem Fotoautomat

3, 2, 1, cheese: Ein Streifen aus dem Fotoautomaten ist immer noch die charmanteste Form Gesichter und besondere Momente für die Ewigkeit festzuhalten. In den Hamburger Szenevierteln Sternschanze und Sankt Pauli kümmert sich Morris Kaya um die Fotoboxen. Blende einstellen, Belichtung kontrollieren, Blitz setzen - jeden Freitag macht der Fotoautomaten-Mann seine Runde durch den Kiez damit alle Automaten im wahrsten Sinne in Schuss sind und die Hamburger Gesichter für die Ewigkeit festgehalten werden.

Beatrix Isabel Lied, die Gesichtsexpertin

Kein Gesicht auf dieser Welt gleicht dem anderen - jedes ist individuell und einzigartig. Das hat die Hamburger Visagistin und Beauty-Expertin Beatrix Isabel Lied schon immer fasziniert. Seit über 40 Jahren gestaltet sie Gesichter, macht Imageberatung und bildet Nachwuchs in ihrer Visagisten-Schule aus. Wir haben sie bei einem Fotoshooting in ihrer Akademie getroffen.

Söhne Hamburgs

Wer bei dem Namen unwillkürlich an die Musiker Stefan Gwildis, Joja Wendt und Rolf Claussen denkt, liegt in diesem Fall daneben. Denn die Brüder Feroz, Ramin und Samy Attai betreiben als „Söhne Hamburgs“ drei kleine Restaurants bzw. Imbisse in der Innenstadt. Und das ist eine echte Erfolgsgeschichte, stellvertretend für die rund 700 000 Menschen mit Migrationshintergrund, die in Hamburg leben. Die Attais sind einst vor 30 Jahren aus dem Bürgerkrieg in ihrer Heimatstadt Kabul geflohen und nach einer acht Jahre langen Odyssee in Altona gelandet. Ohne deutsche Sprachkenntnisse und mittellos haben sie sich hier ein neues Leben aufgebaut. Um zu zeigen, wie stolz sie auf ihre neue Heimat sind, haben sie daher bewusst diesen Namen für ihr kleines Unternehmen gewählt, mit dem sie gesundes Essen, Umweltbewusstsein und soziales Engagement miteinander verbinden möchten.

Antje - Stationen eines Gesichts

Die meisten Gesichter haben eine gewisse Halbwertzeit. Nur wenige schaffen es über ihren Tod hinaus immer noch präsent zu bleiben. Anders ist das bei Antje - dem Walross! Sie ist aktuell Teil einer Ausstellung mit dem schönen Titel "Die absurde Schönheit des Raumes" in der Hamburger Kunsthalle. Doch schon beim Aufbau wurde klar, dass SIE eigentlich die absurde Schönheit IM Raum ist. Denn sie stand sofort wieder im Mittelpunkt und nimmt den Raum ganz für sich ein. Sie ist und bleibt eine Hamburger Ikone.

Street Art

In manchen Vierteln Hamburgs wie St. Pauli oder der Sternschanze prägen Künstler das Antlitz der Stadt. Wer dabei einfach an Graffiti denkt, wird sich wundern: die Bandbreite ist riesig! Vom „Urban Knitting“ (sprich: Häkelarbeiten), über Sticker (Aufkleber), bedruckte Kacheln oder Porzellanteller, Cut Outs (aus Papier ausgeschnittene Kunstwerke) bis zu kleinen Skulpturen aus Hartschaumstoff (Styro Cuts) gibt es an Hamburger Wänden so einiges zu sehen. Wir begleiten drei Street Artists, die das Hamburger Stadtbild seit Jahren bunter und interessanter machen.

Abseits: Obdachlosen ein Gesicht geben

Jeden Tag sucht Susanne Groth in Hamburgs Straßen nach den Gesichtern, die ein Leben im Abseits gezeichnet hat. Sie fragt, hört zu, bietet Hilfe an. Vier Monate lang hat Susanne Groth im CaFée mit Herz auf St. Pauli Obdachlose interviewt. Die Gäste bekommen hier Essen, aber auch Kleidung, ärztliche Versorgung und andere Hilfe. Gemeinsam mit dem Fotografen Markus Connemann entstand daraus der Bildband „Abseits“.

Das Projekt bekam so viele Reaktionen, dass Susanne Groth einen Verein gründete. "Leben im Abseits e.V." versucht aufzuklären und zu helfen, durch Projekte mit Schulen, Lesungen, Diskussionsrunden, aber auch ganz konkret durch Sozialarbeit auf der Straße. Auf Augenhöhe. Inzwischen hat Susanne Groth schon ihr zweites Buch fertig: Unter dem Radar. Der Erlös geht direkt in die Hilfe für Obdachlose.

Fräulein Ankers Liebesbriefe an die Gesichter der Stadt

"Fräulein Anker" nennt sich Reise-Bloggerin Harriet Dohmeyer. Aufgewachsen auf einer Nordseeinsel lebt sie inzwischen in Hamburg. Schon als Schülerin hat Harriet angefangen zu bloggen. Ihren Erlebnissen folgen inzwischen zehntausende Leser in den sozialen Netzwerken. Mit so viel Rückenwind hat sie mit Anfang 20 den Sprung aus dem Netz gewagt und einen eigenen Verlag gegründet.

Interview mit der Stadtforscherin Monika Grubbauer

Was macht das Gesicht einer Stadt aus und wieviel Veränderung kann es vertragen? Zu diesem Thema forscht Monika Grubbauer an der Hafencity-Universität. „Die letzten Lücken im Stadtbild müssen bleiben, sonst ist die Stadt nicht zukunftsfähig. Wir können heute noch nicht wissen, was wir morgen unbedingt brauchen“, sagt Grubbauer im Interview mit Julia-Niharika Sen. „Wenn es keine Brachflächen mehr gibt, fehlt Freiheit fürs Denken.“

Caesar will tanzen (von St. Pauli nach St.Petersburg)

Caesar ist erst 19 Jahre alt und auf St. Pauli aufgewachsen. Aber er arbeitet hart daran, dass sein Gesicht auch irgendwann auf Bühnen und Plakaten zu sehen ist, am liebsten in der ganzen Welt. Und die Chancen dafür stehen nicht schlecht, obwohl er seine ungewöhnliche Leidenschaft erst spät entdeckt hat. Mit 14 Jahren beschließt Caesar, er will Tanzen – und ausgerechnet das klassische, russische Ballett hat es ihm angetan. Obwohl die meisten Profis schon im Kindergarten mit Ballett angefangen haben, kämpft er sich durch. Und bekommt jetzt eine riesige Chance: Die weltberühmte Vaganova-Ballettakademie, in der schon Ballettgötter wie Nijinsky, Nurejew und Baryshnikov trainiert und gelernt haben, hat Caesar für das nächste Schuljahr, das Abschlussjahr der Klasse 8 als Trainee nach Russland eingeladen. Eine große Ehre, aber auch eine große Herausforderung, sowohl sportlich als auch finanziell. Deshalb hat er eine kleine Spendenkampagne gestartet.

Weitere Informationen
Lachende Gesichter einer Gruppe. © imago/INSADCO

Rund um den Michel

Die Sendung präsentiert Geschichten mitten aus dem Hamburger Leben - komische, spannende, nachdenkliche und schräge. mehr

Redaktionsleiter/in
Sabine Rossbach
Redaktion
Susanne Dobke
Moderation
Julia-Niharika Sen
Produktionsleiter/in
Andy Kaminski