Stand: 05.11.2013 11:11 Uhr Archiv

Die Jobwette

Bewerberin Cleo. © NDR
Bewerberin Cleo: Joggen gegen den Frust.

Cleo joggt den Frust weg: "Extrem deprimierend" findet sie ihre Jobsuche. Cleo sucht einen Berufseinstieg, sucht Anerkennung für ihr Studium. Sie ist 23 Jahre alt und hat eigentlich alles richtig gemacht: Sie hat einen Master für Wirtschaftswissenschaften an eine Elite-Uni in Glasgow erworben, war ein Jahr in Japan, spricht fließend Englisch und Französisch, kann auch Japanisch und Arabisch.

Doch in Deutschland bringt ihr das offenbar wenig: Dutzende Bewerbungen verschickt, nur um irgendeinen Einstieg zu finden. Doch die Unternehmen antworten allenfalls mit Standard-Absagen. Mit ihrem Bekannten Jonas hat Vleo eine Wette laufen: Sie will testen, wer von ihnen zuerst eine Arbeitsstelle findet. Doch auch Jonas (25) steckt eine Niederlage nach der nächsten ein: Er hat zwar ein Studium in den USA vorzuweisen und einen Bachelor in Politikwissenschaften gemacht - trotzdem findet er zunächst nicht einmal passende Stellenanzeigen und später vor allem fragwürdige Angebote.

VIDEO: Die Jobwette (30 Min)

Die Härten des Arbeitsmarktes

Gewiss, die Arbeitslosenzahlen für junge Menschen sind besser als in jedem anderen europäischen Land. Nur rund 7,5 Prozent der jungen Jobeinsteiger sind ohne Arbeit. Der EU-Durchschnitt liegt bei 23,5 Prozent. Allerdings tauchen in Deutschland viele junge Arbeitssuchende in der Statistik nicht auf, weil sie sich nicht arbeitslos melden. Und die Jobs, die sie erwarten, sind häufig auch nicht mehr so wie früher: also unbefristet, geregelt, sicher.

Bewerber Jonas. © NDR
Für manche Jobs musste er zunächst einmal noch Geld mitbringen: Bewerber Jonas.

Besonders Jonas erlebt die Zumutungen des Arbeitsmarktes mit voller Wucht: Der als "Recherche" ausgeschriebene Job entpuppt sich als Kalt-Akquise für eine Verbandsgründung. Ein weiterer Job im "dynamischen Medienumfeld" erweist sich als Call-Center-Verkauf von Zeitschriften. Für einen Kellner-Job in Berlin, der ihm finanziell etwas Luft verschaffen soll, geht Jonas sogar in Vorleistung, kauft sich Arbeitskleidung und Schuhe. Und auch der Traumjob als Online-Musik-Redakteur hat finanziell einen Haken. Gezahlt wird nur, wenn genug Werbung rein kommt.

Praktika statt echter Stellen

Eine wirkliche Stelle ist überhaupt nicht in Sicht: Der Berliner Arbeitsrechtler Jörg Thomas sieht solche Jobs bestenfalls als schlecht bezahlte Praktika - aber keinesfalls "als echte Chance und als Lebensunterhalt." So sucht Jonas weiter - wie viele. Laut Gewerkschaftsstudie hat nur ein Drittel der Absolventen nach drei Jahren eine feste und unbefristete Stelle.

Wer auf dem Jobmarkt kein Glückslos zieht, bewirbt sich weiter, sammelt am besten noch Praktika. Für Jonas eine Überforderung. Ohne finanzielle Absicherung durch die Eltern muss er sich selbst über Wasser halten. Damit ist er nicht allein. Eine Studie der DGB-Jugend und der Hans-Böckler-Stiftung kam vor zwei Jahren zu dem Schluss, dass die Mehrzahl der Absolventen nebenbei jobben, um sich Praktika überhaupt leisten zu können - ein absurder Spagat.

Wer gewinnt das Rennen?

Bewerberin Cleo. © NDR
Ein "roter Faden" mit 23? "Extrem deprimierend" für Bewerberin Cleo.

Auch Cleo erlebt eine Niederlage nach der anderen. Stundenlange Bewerbungsgespräche, Jobmessen, Trainee-Programme mit wenigen Plätzen, auf die sich Hunderte junge Menschen bewerben. Einen überraschenden Befund hat ein Personalvermittler parat, der ihre Daten auf Herz und Nieren prüft: Sie solle sich "einen roten Faden" im Lebenslauf zulegen - mit 23! Nach vielen Monaten gibt es dann doch einen Zuschlag. Eine richtige Stelle, befristet zwar, aber doch eine Eintrittskarte für den Arbeitsmarkt. Eine von beiden hat gewonnen. Der andere sucht heute noch.

Dieses Thema im Programm:

Panorama - die Reporter | 05.11.2013 | 21:15 Uhr

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