Stand: 04.10.2016 11:56 Uhr Archiv

"Ohne Angst überleben wir nicht"

Angst ist wichtig, wir brauchen sie zum überleben, sagt der Psychologe Gerd Gigerenzer. Aber wir haben oft Angst vor den falschen Dingen. Ein Grund dafür ist unser mangelndes Verständnis für Statistiken.

"Das Ziel der Terroristen ist unsere Gesellschaft"

Panorama - die Reporter -

Im September sprach Michel Abdollahi mit dem Psychologen Gerd Gigerenzer über Terrorismus und Angst. Seine Botschaft: Angst ist wichtig, aber wir haben oft Angst vor falschen Dingen.

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Michel Abdollahi: Warum ist Angst für uns ein so mächtiges Gefühl?

Gerd Gigerenzer: Angst ist etwas Menschliches. Genau wie Schmerz. Wenn wir keine Angst haben würden, dann würden wir nicht lange überleben. Aber das Objekt der Angst, wovor wir uns fürchten, das lernen wir meistens von anderen. Und da können wir auch irren.

Abdollahi: Wir erleben ein Jahr der Angst. Wir hatten in Deutschland zwei Terroranschläge und sämtliche Medien titeln mittlerweile mit "Angst". Ist das nachvollziehbar aus wissenschaftlicher Sicht?

Gigerenzer: Etwa 70 Prozent der Deutschen sagen, sie haben große Angst vor Terrorismus und etwas weniger glauben, dass die Flüchtlinge die Terroristen mitbringen. Da sind wir international an dritter Stelle, nur die Polen und die Ungarn haben mehr Angst vor Flüchtlingen als angebliche Terroristen. Auf der anderen Seite ist es in Deutschland wahrscheinlicher, dass man vom Blitz erschlagen wird, als durch einen Terroristen. In den USA ist es in den meisten Jahren wahrscheinlicher, dass man von einem Kleinkind, das mit Waffen spielt, erschossen wird - und nicht von einem Terroristen.

Abdollahi: Warum haben wir dann trotzdem Angst vor Terror?

Gigerenzer: Nun, zum großen Teil, weil die Angst geschürt wird. Ich habe in diesem Sommer in einigen Zeitungen vier Seiten mit Bildern vom Amokläufer in München gesehen, der im übrigen kein islamistischer Terrorist war. Es gab genaue Erklärungen, wie das funktioniert. Wir wissen, dass dieser Amokläufer Winnenden besucht hat und den Jahrestag des Anschlages von Norwegen ausgewählt hatte. Und trotzdem liefert man mit übertriebenen Berichten wieder Modelle, ihn für labile Menschen als Helden aufzubauen. Das ist vollkommen verkehrt.

Abdollahi: Sie sagen, wir sind statistische Analphabeten. Wir können mit Statistiken nicht so richtig umgehen.

Gigerenzer: Richtig. Es ist ganz erstaunlich, dass wir im 21. Jahrhundert immer noch nicht lernen, weder in der Schule, aber auch meistens nicht im Medizin-Studium oder in dem Studium der Rechtswissenschaft, Prozente zu verstehen.

Gerd Gigerenzer

Gerd Gigerenzer ist seit 1997 Direktor am Max-Planck-Institut für Bildungsforschung. Zudem ist er Mitglied der Deutschen Akademie der Wissenschaften sowie der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften. Seine Forschungsinteresse gilt der begrenzten Rationalität und der sozialen Intelligenz, sowie den Entscheidungen unter Unsicherheit und begrenzter Zeit. Er trainiert Manager, amerikanische Bundesrichter und deutsche Ärzte in der Kunst des Entscheidens und im Umgang mit Risiken und Unsicherheiten.

Abdollahi: Haben Sie ein Beispiel?

Gigerenzer: Die Weltgesundheitsorganisation hat vor einiger Zeit gewarnt, dass für jede 50 Gramm Wurst, die wir täglich essen, unser Darmkrebsrisiko erheblich steigt - angeblich um fast 20 Prozent. In Wahrheit ist die Rechnung aber ganz anders. Von Menschen, die keine Wurst oder verarbeitetes Fleisch essen, bekommen etwa fünf in ihrem Leben einmal Darmkrebs. Die Untersuchungen zeigen, wenn Sie jetzt täglich 50 Gramm Wurst essen, dann wird es knapp ein Mensch mehr, der erkrankt. Es sind dann also nicht mehr fünf von Hundert, sondern knapp sechs von Hundert. Relativ gesehen ist es eine Zunahme um 18 Prozent - damit kann man Angst machen. Das relative Risiko wird immer wieder verwendet, um uns Angst zu machen.

Abdollahi: Was machen die Medien dann falsch?

Gigerenzer: Also erstens Mal sollte man die Journalisten trainieren in Statistik. Zum Zweiten sollten die Medien positiver berichten. Den Menschen mehr Mut zu machen statt Angst zu machen. Berichten Sie über die Opfer, über die mutigen Menschen, die anderen geholfen haben, nicht über den Täter.

Abdollahi: Ist es nicht Aufgabe der Journalisten, auch über die Taten zu berichten?

Gigerenzer: Also, schauen Sie mal, wie viele Tote hatten wir Deutschen von terroristischen Anschlägen in diesem Jahrhundert? Deutsche in Deutschland: null. Zwei Amerikaner sind ums Leben gekommen. Die wirklichen Gefahren liegen doch ganz woanders.

Abdollahi: Zum Beispiel?

Gigerenzer: Fett zum Beispiel. Oder ich fürchte mich davor, dass mir jemand beim Autofahren ungebremst ins Auto rast, weil die Person gerade am Handy tippt. 20 bis 30 Prozent der Deutschen sagen, das machen sie inzwischen. Oder wir haben über 3.000 Menschen, die jedes Jahr durch Passiv-Rauchen zu früh sterben. Die AOK schätzt, dass jedes Jahr in Deutschland 19.000 Menschen in Krankenhäusern durch vermeidbare Fehler ums Leben kommen. Da kümmern sich wenige drum.

Abdollahi: Wie kann den Menschen die Angst genommen werden?

Gigerenzer: Das Allerwichtigste wäre, dass wir in der Schule anfangen und junge Menschen kompetent machen, sie stark zu machen, dass sie nicht so leicht später verängstigt werden. Und sie müssen Risikokompetenz lernen. Der islamische Terror ist eine Gefahr, ja. Aber das Ziel der Terroristen sind nicht die unglücklichen Menschen in Paris oder in Brüssel, die ums Leben gekommen sind, sondern wir. Unsere Gesellschaft, nämlich unsere Gesellschaft zu destabilisieren, so dass wir Angst bekommen vor jedem, der anders aussieht als wir.

Dieses Thema im Programm:

Panorama - die Reporter | 08.10.2016 | 00:00 Uhr