Stand: 30.04.2015 15:19 Uhr  | Archiv

"Der Hochstapler will mehr scheinen als sein"

Lügen gehören zum normalen Leben, aber manche Menschen gehen weit darüber hinaus, erfinden ihr komplettes Leben neu, um wichtiger, interessanter, erfolgreicher zu scheinen. Und sie verstricken sich immer mehr in ihren Lügengespinsten, bis die Sache auffliegt. Für Hans Stoffels gehören Lügen zum täglich Brot. Der Berliner Psychotherapeut ist spezialisiert auf "Pseudologen" - krankhafte Lügner.

Panorama - die Reporter: Gibt es den klassischen Hochstapler und wie macht er die Leute blind?

Prof. Hans Stoffels: Der Hochstapler will mehr scheinen als sein. Das Leben in einer Schein-Welt kann viel bezaubernder sein als das Leben in der realen Welt. Der Hochstapler inszeniert den Schein in einer Weise, der die Leute blind macht. Obwohl er in der Regel gefühlskalt ist, hat er ein feines Sensorium für die manchmal verborgenen Wünsche und Sehnsüchte seiner Umgebung, die er auf verführerische Weise anzusprechen versteht.

Panorama - die Reporter: Geht es dem Hochstapler mehr um soziale Anerkennung oder handelt er aus Geldgier?

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Prof. Stoffels Spezialgebiet sind "Pseudologen" - krankhafte Lügner.

Stoffels: Es gibt fließende Übergänge zwischen der Gier nach Geld und der Gier nach Anerkennung. Steht die Geldgier ganz im Vordergrund, sprechen wir von Betrug bzw. Betrügerei. Steht der Wunsch nach Ich-Erhöhung im Vordergrund, ist das Motiv in erster Linie ein psychologisches: Die Überwindung quälender Gefühle von Minderwert.

Panorama - die Reporter: Haben Hochstapler vor allem narzisstische Motive?

Stoffels: Das narzisstische Motiv, also der Wunsch, ein Gefühl von Minderwert zu kompensieren, ist bei einem Hochstapler von zentraler Bedeutung. Es ist aber keineswegs das einzige Motiv, das ihn bewegt.

Panorama - die Reporter: Sind Hochstapler Leute, die nach einem falschen Selbst greifen, weil sie nichts Eigenes haben, was ihnen Halt bieten könnte?

Stoffels: Die psychologische Forschung zeigt, dass die Kindheit und Jugendzeit bei vielen Hochstaplern von Entbehrungserlebnissen in der Kernfamilie überschattet ist. Da Hochstapler über eine Neigung zu Träumereien und über ein besonderes Darstellungstalent verfügen, liegt die These nahe, dass die hochstaplerische Rolle erfunden wird, um die Auseinandersetzung mit den frühen und tiefgreifenden Kränkungen zu meiden.

Panorama - die Reporter: Sind Hochstapler vor allem krank oder sind sie vor allem kriminell?

Stoffels: Auch hier gibt es fließende Übergänge zwischen einer Krankheit, die entschuldigt, und einer kriminellen Tat, die bestraft gehört. In der Regel ist davon auszugehen, dass der Hochstapler für das, was er tut, auch zur Verantwortung zu ziehen ist.

Panorama - die Reporter: Der berühmte Hochstapler Tile Kolup, der im 13. Jahrhundert lebte, hatte sich als Kaiser Friedrich II ausgegeben, obwohl der schon lange tot war. Damals glaubte man lange Zeit dem Betrüger, weil viele vom Tod des echten Kaisers noch nicht wussten. Sind durch die neuen Techniken Hostapeleien viel leichter zu entlarven als noch vor ein paar Jahren?

Stoffels: Die kriminalistischen Techniken der Entlarvung und Überführung haben sich gewiss in den letzten Jahrhunderten außerordentlich verbessert. Aber die neuen Welten der Kommunikation (Internet) begünstigen den Hochstapler und seine Produktion von Schein-Welten.

Panorama - die Reporter: Der amerikanische Soziologe Erving Goffman vertrat die These , menschliches Verhalten sei generell inszeniert. Was dem Ansehen helfe, werde stark betont, was schade, werde verheimlicht. Ist das Leben also in weiten Teilen eine Inszenierung?

Stoffels: Erving Goffman hat recht: Wir inszenieren unser Leben, was nicht bedeutet, dass wir stets  lügen oder betrügen oder hochstapeln. Auch die Wahrheit bedarf der "Inszenierung".

Panorama - die Reporter: Kann Hochstapelei, die gelingt, zu suchtähnlichem Verhalten führen, bei dem Hochstapelei auf Hochstapelei folgt, weil das Leben sonst trostlos würde? Glauben Betrüger ihren eigenen Schwindel?

Stoffels: Bei der Hochstapelei spielen Suggestionen eine große Rolle, auch Auto-Suggestionen. Indem der Hochstapler selbst sich mit seiner erfundenen Rolle identifiziert, wirkt er besonders überzeugend, vergleichbar einem Schauspieler, der während der Aufführung sich ganz und gar mit seiner Rolle identifiziert. Wenn das Motiv der Hochstapelei der Versuch ist, dem Leiden unter den eigenen Ich-Defiziten zu entkommen, kann dies durchaus dazu führen, dass dieses Muster der Konfliktbewältigung immer erneut durchgespielt wird, es sei denn, dass die Leiden unter den Folgen (z.B. Bestrafung) schmerzhafter sind.

Panorama - die Reporter: Sind wir alle Ich-Darsteller?

Stoffels: Mitmenschliche Kommunikation ist darauf angewiesen, dass wir uns äußern und darstellen, uns inszenieren. Dies geschieht in einem wechselseitigen Prozess, in einem Ringen um Wahrhaftigkeit und Liebe, um Anerkennung, Hingabe und Selbstbehauptung.

Das Interview führte Sabine Puls.

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