Stand: 28.10.2019 11:56 Uhr

Das große Versagen: Qualzucht von Hunden

von Melanie Boeff, Nadia Kailouli

Sie sind süß und extrem beliebt: Hunde wie Französische Bulldoggen und Möpse. Hundebesitzer mögen ihre kleine und kompakte Erscheinung, in der Werbung sind sie gern genommene Motive und in sozialen Medien haben sie sogar eigene Seiten und teils Millionen Fans. Doch viele dieser Rassehunde sind krankgezüchtet: Atemprobleme, Bandscheibenvorfälle, Hüftgelenks- und Kniegelenksprobleme. In extremen Fällen fallen ihnen sogar die Augen aus, wenn sie am Nacken gepackt werden.

Schwarzer Hund wird operiert und liegt mit geöffneter Schnauze auf einem OP-Tisch. © NDR Foto: Screenshot

Das große Versagen: Qualzucht von Hunden

Panorama - die Reporter -

Französische Bulldoggen und Möpse sind in Mode - leiden aber unter ihrer Zucht. Atemnot, Hüft- oder Gelenkbeschwerden gehören zu ihrem Leben. Dabei gilt ein Qualzuchtverbot.

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Atemnot führt bei Hunden mit flachen Nasen zu Überhitzung

Viele dieser Hunde leiden ihr Leben lang, weil ihre körperlichen Proportionen nicht mehr stimmen. Sie zahlen den Preis für die kompakte Züchtung und gehören zu Dauerpatienten von Tierärzten. Nicht selten müssen sie für viel Geld operiert werden. Auf dem OP-Tisch von Tierarzt Gerhard Oechtering beispielsweise liegen jede Woche Hunde mit Qualzuchtmerkmalen, zum Beispiel Möpse, die unter Atemnot leiden, weil ihre Nasen zu plattgezüchtet sind. "Mit eineinhalb Jahren fangen die an zu leiden. Sie werden trotzdem elf, zwölf Jahre alt. Und Atemnot ist somit das Schlimmste - man kann besser Schmerzen als Atemnot ertragen." Viele Hunde mit flachen Nasen bekommen nicht ausreichend Luft, sie können sich auch nicht ordentlich abkühlen - weil die Nase zu kurz ist. Die Folge: Sie überhitzen sehr schnell.

"Die leiden dafür, dass sie so aussehen, wie sie aussehen"

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Tierarzt Rolf Deckena hat in seiner Praxis auch mit überzüchteten Hunden zu tun.

Dabei stammen auch diese Hunde vom Wolf mit langer Schnauze ab. Im Laufe der Jahre ist die Schnauze für bestimmte Rassen aber gezielt kürzer und kürzer gezüchtet worden. Die Ausprägung bestimmter Merkmale scheint über das Ziel hinausgeschossen. Auch Tierarzt Rolf Deckena hat deshalb täglich Hunde mit Dauerleiden in seiner Praxis. "Die sind so weit weg von der Natur des Hundes, dass die jeden Tag einen Preis dafür zahlen, dass sie so aussehen. Die können nicht laufen, die können nicht fressen, die können nicht schlucken, die können nicht schlafen, die können nicht gucken. Die leiden dafür, dass sie so aussehen, wie sie aussehen. Ich mag diese Hunde total in ihrer Persönlichkeit, aber nicht in diesem körperlichen Gefängnis, in dem sie sitzen", sagt der Tierarzt.

Das Tierschutzgesetz in Deutschland verbietet eigentlich Qualzucht. Und doch kommt Qualzucht immer wieder vor. Warum ist das so? Der zuständigen Bundeslandwirtschaftsministerin Julia Klöckner ist das Leiden der Tiere bewusst. Auch, weil Tierärzte immer wieder von Hunden mit zuchtbedingten Leiden berichteten, wie sie sagt. Sie möchte daher verbieten, dass Tiere mit Qualzuchtmerkmalen auf Messen präsentiert, in der Fachsprache: ausgestellt werden. "Durch das Ausstellungsverbot soll der Zuchtanreiz entfallen. (…) Gleichzeitig soll verhindert werden, dass diese Hunde von einem Publikum wahrgenommen werden und dadurch die Nachfrage nach ihnen steigt", so Klöckner auf Anfrage von Panorama - die Reporter.

Mangelnde Kontrollen und Strafen

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Die Landestierschutzbeauftragte Berlins, Diana Plange, kritisiert die fehlende Eindeutigkeit der Gesetze.

An den gewünschten Effekt glauben die meisten Experten indes nicht. Vielmehr mangele es an Kontrollen und Strafen bei festgestellten Verstößen. Der Nachweis ist für die Veterinärämter auch nicht leicht zu erbringen. Das Gesetz ist nicht eindeutig und es fehlt an klaren Kriterien, um Qualzucht objektiv feststellen zu können. Für Kontrolle und Nachweis, beklagen Veterinäre, fehle häufig die Zeit. Denn es ist in Deutschland nicht möglich, die Zucht mit einer ganzen Rasse zu verbieten, sondern immer nur die Zucht mit individuellen Tieren. Diana Plange war mal amtliche Tierärztin und ist nun Landestierschutzbeauftragte Berlins. Sie kennt die praktischen Probleme mit dem Qualzuchtparagraphen und kann offen sprechen: "Die unverhältnismäßige Arbeit, die da dranhängt, wird natürlich gescheut. Sie können davon ausgehen, wenn Sie so einen Fall haben, dass da ein einzelner Tierarzt wochenlang und ausschließlich mit beschäftigt ist. Und das kann ein Veterinäramt so ohne Weiteres nicht leisten. Es müsste mit ganz genauen Vorgaben verbunden sein, dass die Amtsveterinäre wirklich wissen, was ist jetzt eine Qualzucht oder was wird vom Gesetz als eine Qualzucht gesehen."

Ampel-System aus den Niederlanden als Vorbild?

Die Niederlande sind dieses Jahr viel weiter gegangen: Wer hier mit extrem plattnasigen Möpsen züchtet, macht sich strafbar. Der niederländische Zuchtverband hat die Zucht der Tiere deshalb aus seinem Programm genommen. Die Niederlande hatten gesetzlich die gleiche Lage wie wir - ein Qualzuchtverbot, aber keine Kriterien, was genau überhaupt als verbotene Zucht gilt. Jetzt gibt es dort klare Kriterien im Gesetz, nämlich ein Ampel-System: Verboten sind Hunde und Katzen mit ganz flachen Nasen, das ist die Kategorie "rot". Wenn die Nase etwas länger ist - zwischen einem Sechstel und einem Drittel des Kopfes - ist es die Kategorie "orange". Das bedeutet, dass es bald verboten ist, mit diesen Hunden zu züchten. Ist die Nase noch länger, dann fallen diese Hunde in die Kategorie "grün". Mit diesen darf dann gezüchtet werden.

Ob so ein Mops-Zuchtverbot wie in den Niederlanden auch hierzulande geplant ist oder ob es den Veterinärämtern zumindest mit klaren Kriterien einfacher gemacht wird, Züchter zu kontrollieren - darauf mag Bundeslandwirtschaftsministerin Klöckner keine konkrete Antwort geben. Sie hofft auf das Ausstellungsverbot. Möglichst im kommenden Jahr soll es kommen.

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Panorama - die Reporter | 29.10.2019 | 21:15 Uhr