Stand: 18.07.2018 22:00 Uhr

Giftige Abgase: Die Gefahr im Auto

von Johannes Edelhoff, Kaveh Kooroshy und Jonas Schreijäg

In Hamburg gibt es schon Fahrverbote für Diesel, Stuttgart will nachziehen. Der Grund: Die Städte haben ein Problem mit ihrer Luftqualität - zu hohe Stickstoffdioxid-Werte (NO2). Vor allem alte Dieselfahrzeuge pusten hohe Mengen Stickoxide in die Luft, die mit Sauerstoff zu giftigem Stickstoffdioxid reagieren.

VIDEO: Giftige Abgase: Die Gefahr im Auto (7 Min)

Zum Schutz der menschlichen Gesundheit gelten deshalb EU-weite Grenzwerte. Im Jahresdurchschnitt dürfen an den Messstationen 40 Mikrogramm NO2 pro Kubikmeter Luft nicht überschritten werden. Der Stundengrenzwert von 200 Mikrogramm darf im Jahr maximal 18-mal vorkommen. Damit sollen die Anwohner von stark befahrenen Straßen geschützt werden. Doch was ist eigentlich mit den Autofahrern selbst? Schließlich fahren die ja direkt durch die Abgaswolken, stehen im Stadtverkehr oft Auspuff an Auspuff.

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Aktivkohlefilter © NDR

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Mehr Abgase im Autoinnenraum als an der Messstation

Nach Recherchen von Panorama und der Zeitschrift "Auto Bild" sind Autofahrer großen Abgas-Belastungen ausgesetzt. Im Auftrag der "Auto Bild" haben Forscher der Universität Heidelberg die Stickstoffdioxid-Belastung im Autoinnenraum gemessen. Panorama hat die Messungen gemeinsam mit den Autojournalisten ausgewertet.

Das Ergebnis: Autofahrer sind größeren Abgasbelastungen ausgesetzt als die Anwohner an den Messstationen. Bei Testfahrten im Stadtverkehr zwischen Düsseldorf und Köln lag die durchschnittliche Stickstoffdioxid-Belastung bei 84,7 Mikrogramm pro Kubikmeter Luft. Im Vergleich dazu war der Mittelwert an der Messstation in der Düsseldorfer Dorotheenstraße mit 49,5 Mikrogramm deutlich niedriger.

Wer viel Auto fährt, schadet seiner Gesundheit

Im Feierabendverkehr messen die Forscher sogar einen Mittelwert von 110 Mikrogramm Stickstoffdioxid im Auto-Cockpit. Zur gleichen Zeit sind es an der Messstation nur knapp 30 Mikrogramm, an einer anderen Düsseldorfer Messstation 92 Mikrogramm. Die Messstationen werden bewusst dort aufgestellt, wo die Luft besonders verpestet ist. Trotzdem ist die Belastung im Auto noch deutlich höher.

Umweltmedizinerin Barbara Hoffmann © NDR
"Im schlimmsten Fall Herzinfarkt oder Schlaganfall" - für Berufskraftfahrer oder Pendler sind die Abgase laut Umweltmedizinerin Barbara Hoffmann besonders problematisch.

Wer häufig Auto fährt, setzt sich deshalb auch Gesundheitsrisiken aus. "Je mehr Stickstoffdioxid man einatmet, desto stärker wirkt sich das auf die Entzündungsvorgänge innerhalb der Lunge aus", sagt die Umweltmedizinerin Barbara Hoffmann. Für Asthmatiker oder Menschen mit anderen Vorerkrankungen  könne das direkte Reizungen wie Husten oder Luftnot verursachen.

Besonders hohe Werte auf der Autobahn - dort misst aber keiner

Noch problematischer sind die Abgase für Berufskraftfahrer oder Pendler. "Sie unterliegen einem erhöhten Risiko für chronische Erkrankungen", sagt Barbara Hoffmann. Wenn etwa Pendler täglich im Stau zwei Stunden lang Stickstoffdioxid einatmen, erhöhe das die Verklumpungsbereitschaft im Blut. Bei vorbelasteten Menschen könne das "im schlimmsten Fall einen Herzinfarkt oder Schlaganfall auslösen", so Hoffmann.

Trotz dieser Gesundheitsrisiken gibt es bisher keine Vorschriften zum Schutz der Autofahrer. Im Gegenteil: Die geltende Verordnung sieht vor, dass die Abgaswerte auf Autobahnen gar nicht erst gemessen werden, weil dort "Fußgänger für gewöhnlich keinen Zugang haben". Doch gerade an der Autobahn sind die Abgaswerte besonders hoch - die Forscher aus Heidelberg messen dort im Auto-Inneren Mittelwerte von bis zu 187,4 Mikrogramm NO2.

Der Grünen-Bundestagsabgeordnete Oliver Krischer fordert deshalb Abgasmessungen im Pkw-Innenraum - auch an der Autobahn. "Die hauptbelasteten Menschen sind ja gerade die, die auf den Straßen unterwegs sind", sagt Krischer. Das Umweltministerium könnte strengere Regeln einführen, will das aber nicht. Ziel sei es "die Stickstoffoxidemissionen an der Quelle, also am Auspuff zu mindern. Zugute kommt dies auch den Autofahrern, die quasi in den Emissionen anderer Fahrzeuge fahren". Doch die Emissionen auf der Straße zu senken, könnte noch Jahrzehnte dauern.

Aktivkohlefilter hilft - aber kaum ein Auto hat ihn

Andreas Scheuer, Bezirksvorsitzender der CSU Niederbayern. © www.andreas-scheuer.de
Verkehrsminister Andreas Scheuer könnte Autofirmen vorzuschreiben, Aktivkohlefilter standardmäßig einzubauen. Doch sein Ministerium fühlt sich nicht zuständig.

Bis es so weit ist, gibt es auch eine vorübergehende Lösung: Aktivkohlefilter. Die Forscher aus Heidelberg zeigen, dass die Stickstoffdioxid-Belastung im Auto um über 90 Prozent sinkt, wenn solche Filter eingebaut sind. Die Reinigungsfilter kosten circa 15 Euro und sind in wenigen Minuten eingebaut. Bisher sind allerdings nur wenige Automodelle damit ausgestattet.

Der Grüne Oliver Krischer fordert, dass die Autohersteller verpflichtet werden, Aktivkohlefilter in alle Autos einzubauen. "Ich habe kein Verständnis, dass sich die Bundesregierung diesem Thema nicht widmet", sagt Krischer. Verkehrsminister Andreas Scheuer (CSU) könnte den Autofirmen vorschreiben, Aktivkohlefilter standardmäßig einzubauen. Sein Ministerium fühlt sich aber auf Panorama-Anfrage nicht zuständig.

Dieses Thema im Programm:

Das Erste | Panorama | 19.07.2018 | 21:45 Uhr

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