Stand: 01.09.2016 14:22 Uhr

Anja Reschke: "Stolz auf das, was geschafft wurde"

von Anja Reschke

Derzeit wird überall Bilanz gezogen - ein Jahr Flüchtlingskrise. Panorama und auch mich haben die vergangenen zwölf Monate sehr beschäftigt. Meine Bilanz? Das Land hat sich verändert.

VIDEO: Anja Reschke: "Stolz auf das, was geschafft wurde" (3 Min)

Vor einem Jahr, ich erinnere mich genau, war ich entsetzt, als ich die Bilder von Demonstranten vor einem Flüchtlingsheim in Freital sah. Die laut schrien: "Der Dreck muss weg". Sind wir wieder soweit, habe ich gedacht? Dass man Menschen als Dreck bezeichnet? Daraufhin habe ich einen Kommentar zu Hass und Hetze gesprochen. Aber ich habe mir damals nicht vorstellen könne, dass Sprache und Umgang miteinander noch viel mehr verrohen würden. Flüchtlinge werden heute oftmals unisono als Kriminelle, Vergewaltiger, Sozialschmarotzer abgestempelt, als Menschen, die Deutschland schaden und die man hier nicht haben will. Überall sind solche unsäglichen Kommentare zu finden. Als wäre das selbstverständlich.

Staatsumsturz? In Deutschland?

Es ist auch ein Jahr her, dass einer unserer Reporter Töne von einer Demonstration in Sebnitz mitbrachte, in der einige offen von Widerstand gegen den Staat sprachen.

Das fanden wir bei Panorama so außergewöhnlich, dass wir darüber einen Beitrag gemacht haben. Ich meine Staatsumsturz? In Deutschland? Ein Land, dem es so gut geht, wie kaum einem anderen Land der Welt. In dem Sicherheit und Wohlstand herrschen. Dessen Wirtschaftskraft wächst und wächst? In dem wir uns selbstverständlich öffentliche Diskussionen zu jedem Thema leisten. In dem demonstrieren kann, wer will. Und seine Meinung kundtun kann, wie er will. Warum sollte man behaupten, dass ausgerechnet hier die Demokratie nicht funktioniert? Lachhaft. Dachten wir.

VIDEO: Anja Reschke: "Dagegen halten - Mund aufmachen" (2 Min)

Wer ist denn "das Volk"?

Und heute? Muss man sich nur im Bekanntenkreis umhören und bekommt sofort entgegen geknallt, dass die Demokratie in Deutschland abgewirtschaftet habe. Dass die Elite am "Volk" vorbei regiere. Dass gefälligst bei allen Fragen "das Volk" zu entscheiden habe. Wer immer damit gemeint ist. Dass wir eine parlamentarische Demokratie mit gewählten Volksvertretern sind, scheint nur noch den wenigsten bekannt zu sein. Journalisten werden selbstverständlich unisono als Lügen- oder Systempresse bezeichnet und mit Propagandapresse diktatorischer Systeme gleichgesetzt. Auch das hätte ich mir nicht vorstellen können. 

Vor einem Jahr standen Menschen an Bahnhöfen und haben Wasser verteilt. Oder einfach geholfen. Weil die Flüchtlinge , die da kamen, ihnen leid taten. Das traut man sich ja heute kaum noch zuzugeben. Dass einem so ein Schicksal eines Geflüchteten auch nahe geht. Dann wird man verlacht als "Willkommensklatscher" und verhöhnt als "linker Gutmensch". Weil man menschlich ist?

Weitere Informationen
Frangenberg mit zwei seiner Schützlingen © Infratest Dimap

"'Wir schaffen das' steht noch auf dem Prüfstand"

Wolfgang Frangenberg ist Flüchtlingshelfer. Vor einem halben Jahr sprach er mit uns über seine Erfahrungen und Merkels "Wir schaffen das". Und heute? Herr Frangenberg hat uns geschrieben. mehr

Vor einem Jahr - fast auf den Tag genau- hat Angela Merkel gesagt: "Wir schaffen das" Was ist sie verhauen worden dafür. Ganz ehrlich, haben wir es denn nicht geschafft? Ist dieses Land im Chaos versunken? Nein.

Stolz auf das, was geschafft wurde

Ja, die Schimpfer und Hetzer sind lauter geworden und kennen keine Tabus mehr. Aber vielleicht sollte man seinen Blick mal darauf richten, WAS geschafft wurde: Dass Deutschland als einziges großes Land in Europa nicht dicht gemacht hat, dass es sich human gezeigt hat, dass Tausende Mitarbeiter in Behörden und Verwaltungen  über sich hinaus gewachsen sind und es bewältigt haben, hunderttausende Flüchtlinge unterzubringen und zu versorgen. Dass es hier immer noch tausende Bürger gibt, die in ihrer Freizeit  Kleiderkammern bestücken, Sport- und Spielstunden anbieten, deutsch lehren, Hilfe im Alltag leisten - eben einfach die Integration voran treiben. All jenen Nörglern zum Trotz, die nur in ihren Sesseln sitzen und nichts zu tun als motzen. Wenn man schon stolz sein will auf Deutschland, dann doch darauf, was geschafft wurde.

Dieses Thema im Programm:

Das Erste | Panorama | 01.09.2016 | 21:45 Uhr

Es fehlt etwas?

Computertastatur © picture-alliance Foto: Christian Ohde

Kontakt zur Redaktion

Sie vermissen einen Beitrag oder ein Video ist nicht abspielbar? Schreiben Sie uns, wir kümmern uns darum. mehr

Weitere Informationen

Kalender © Fotolia.com Foto: Barmaliejus

Panorama-Geschichte

Als erstes politisches Fernsehmagazin ging Panorama am 4. Juni 1961 auf Sendung. Die Geschichte von Panorama ist auch eine Geschichte der Bundesrepublik Deutschland. mehr

Anja Reschke © Thomas & Thomas Foto: Thomas Lueders

60 Jahre Panorama

60 Jahre investigativ - unbequem - unabhängig: Panorama ist das älteste Politik-Magazin im deutschen Fernsehen. mehr

Panorama 60 Jahre: Ein Mann steht hinter einer Kamera, dazu der Schriftzug "Panorama" © NDR/ARD Foto: Screenshot

Panorama History Channel

Beiträge nach Themen sortiert und von der Redaktion kuratiert: Der direkte Einstieg in 60 Jahre politische Geschichte. mehr