Ostseereport

Sonntag, 06. November 2022, 18:00 bis 18:45 Uhr
Montag, 07. November 2022, 02:45 bis 03:30 Uhr

In kaum einer polnischen Stadt liegen Geschichte und Zukunft, Altbewährtes und neu Kreiertes so dicht beieinander wie in Danzig. Verschnörkelte Hansebauten und gläserne Hochhäuser. Anfangsstätte des Zweiten Weltkrieges und Wiege der Solidaritätsbewegung. Folklorekonzerte und LGBT-Festivals. Fleischpiroggen und Craft-Beer. Die Stadt ist für ihre Offenheit und ihren Hang zu zivilem Widerstand bekannt, egal, wie weit die Regierung im 350 Kilometer entfernten Warschau gerade nach rechts rückt.

Stocznia Gdańska – die Danziger Werft. Zwischen Graffiti, Solidarität und Beats

Herbst am Ufer der Mottlau in Danzig. © NDR Foto: Dariusz Kula NDR
Herbst am Ufer der Mottlau in Danzig.

Da, wo früher 20.000 Werftmitarbeitende schufteten, entsteht Danzigs Zukunft, die sogenannte Junge Stadt. Ein Quartier mit Shops, Wohnungen, schicken Büros auf 70 Hektar nach dem Vorbild der Hamburger Hafencity. Und ein Kunst-Kultur-Teil steht schon: Container, die im Sommer als Foodtrucks und Strandbars dienen. Und die Layup-Graffiti Galerie, eine ehemalige 600 Quadratmeter große Werfthalle, Heimat für verschiedene Künstlerinnen und Künstler, die ständig wechselnde Workshops und Ausstellungen auf dem Post-Werftgelände präsentieren. Genau wie ihr urbanes Danziger Umfeld ändern sich auch die Kunstwerke, werden ergänzt, verändert.

Das "Ostseereport"-Team ist mit einem Graffitikünstler der Stiftung unterwegs auf der Werft, sprüht mit ihm ein Graffiti und will wissen, welchen Einfluss die Sprayerszene auf die Danziger Raumentwicklung hat. Wie wichtig sind Refugien wie die ehemalige Werft für die Danziger Kulturszene?

Das Team vom Ostseereport auf dem ehem. Werftgelände. © NDR Foto: Dariusz Kula NDR
Das Team vom Ostseereport auf dem ehem. Werftgelände.

Beim Besuch des Europäischen Zentrums der Solidarnosc auf der Werft kann man erleben, wie die alte Geschichte um die Anfänge und Auswirkungen der Solidaritätsbewegung heute multimedial vermittelt wird. Welche Bedeutung hat die damalige Bewegung heute noch für Danzig? Und wie schafft man es, den Museumsbetrieb mit jährlich drei Millionen Zloty Kulturförderung weniger aufrechtzuerhalten, nur weil man sich verweigert hat, einen von Warschau bestimmten Co-Direktor einzustellen? Für Betrachtungen und mutige Antworten gibt es ein Treffen mit dem Museumsleiter und geborenen Danziger Basil Kerski.

Polnische Biertradition 2.0 – wie ein Deutscher in Danzig braut

Moderatorin Lisa Knittel in Danzig. © NDR Foto: Dariusz Kula NDR
Moderatorin Lisa Knittel in Danzig.

Kreativität und absolute Freiheit, das waren Gründe für die Zusage von Diplom-Braumeister Johannes Herberg 2013, im ehemaligen Reichsbahngebäude am Bahnhof eine Brauerei mit Gasthof mit aufzuziehen. Seitdem braut er vier alte Bierstile, Tafelbier, Jopenbier, Kollinger und Danziger. Der quirlige Mann mit den Locken hüpft in seinem Braukeller, im denkmalgeschützten Gebäude nach seinen Wünschen eingerichtet und gebaut, zwischen Gärung, Schroten und Maische hin und her.

Sozialistischer Schnellimbiss: das Retrorevival der Milchbars

Im sozialistischen Polen gab es 40.000 Bars mlecznys, damals noch mit Beihilfe staatlich gefördert. Dann ging es in den 1990er-Jahren rapide bergab mit den Milchbars. Jetzt boomt das Business wieder mit preisgünstiger polnischer Hausmannskost in Selbstbedienung. Aber nicht wie damals mit Kohlrouladen, Rote-Bete-Suppe und Schnitzel schnell und günstig im graubraunen sozialistischen Kämmerlein; inzwischen stehen auch vegetarische Gerichte auf der Kantinenkarte zu immer noch günstigen Preisen. Die Bar Turystyczny in der Danziger Altstadt hat sich seit ihren Anfängen 1956 zu einer modernen Milchbar entwickelt. Industrial Glaskugellampen hängen über dem vegetarischen Piroggenteller der Danziger Studierenden, Rentnerinnen und Renter schauen von ihrem Schweinekotelett auf Schwarz-Weiß-Retrobilder und die Bewertungen der Touristen im Internet sind super wegen der unschlagbaren Preise, den "echten einheimischen Begegnungen" und der "warmen Atmosphäre der sandfarbenen Wände". Das "Ostseereport"-Team schaut den Köchen bei der Herstellung von Piroggen zu, serviert polnische Hausmannskost in modernem Ambiente, spricht mit Stammgästen und Touristen und will vom Betreiber wissen: Wie kann sich ein Tellergericht für umgerechnet 1,65 Euro rechnen?

Von wegen Zoppot: Brösen ist Danzigs neues Vorzeigeseebad

Noch gibt es im mondänen Badeort Zoppot (Sopot) die längere Seebrücke und die bessere Infrastruktur. Aber wenn die Stadt Danzig weiter investiert, könnte der Lieblingserholungsort von Günter Grass bald das beliebteste Seebad von Danzig werden und Sopot den Rang ablaufen. Das jüngste Vorzeigeprojekt: das alte, neue Kurhaus. Dort sollen Danziger in Umweltfragen geschult und Touristen ans Meer gelockt werden. Das Wissenschaftszentrum Hewelianum Center hat das Prachtstück 2017 von der Stadt Danzig erworben, aufwendig renoviert und nutzt das Hauptgebäude zur nachhaltigen Umweltbildung für Schulklassen und Erwachsene. So ist ein Workshoptitel auf der Umweltagenda der Mitarbeitenden z. B.: Welche Pflanzen reinigen die Luft? Der "Ostseereport" ist dabei, wenn sie das Gebäude vom Historiker gezeigt bekommen und die neuen Räume inspizieren. Außerdem wirft das Filmteam einen Blick ins dazugehörige Hotel mit Restaurant: Wie nachhaltig wird hier gearbeitet? Wie umweltfreundlich wurde renoviert? Und wie soll die Umweltstrategie Brösen für erholungssuchende Danziger und Touristen attraktiver machen?

Moderation
Lisa Knittel
Redaktion
Martina Gawaz
Produktionsleiter/in
Angela Hennemann
Leitung der Sendung
Katrin Glenz

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