Ostseereport

Sonntag, 13. Februar 2022, 18:00 bis 18:45 Uhr
Montag, 14. Februar 2022, 01:55 bis 02:40 Uhr

Normalerweise wären sie jetzt lieber in wärmeren Gefilden, die Forschungstaucher von Submaris Kiel. Doch Corona zwingt auch sie, in diesem Winter zu Hause zu bleiben. Langweilig wird ihnen dennoch nicht, denn auch vor der Haustür gibt es jede Menge zu tun.

Unter der Wasseroberfläche liegt eine andere Welt

Moderatorin Kristin Recke hilft beim Rausziehen der Geisternetze. © NDR
Moderatorin Kristin Recke hilft beim Rausziehen der Geisternetze.

Die Ostsee, fast 400.000 km2 groß, ist das Zentrum Nordeuropas. Von Außen betrachtet, atemberaubend schön - unter der Wasseroberfläche eröffnet sich eine neue Welt. Archäologen wie Florian Huber vermuten mehr als 20.000 Wracks, deren Geschichte noch lange nicht erzählt ist. Meeresbiologe Uli Kunz schaut eher besorgt auf die Altlasten: mehr als 20 % des Meeresbodens gelten infolge von Überdüngung und Algenwachstum inzwischen als Todeszonen, der Fischbestand nimmt ab und tonnenweise Müll verrottet im Brackwasser - darunter auch sogenannte Geisternetze, in deren feinen Maschen sich Tiere verfangen und sinnlos und qualvoll verenden.

Stellnetze werden geborgen

Die Kieler Forschungstaucher Christian Howe, Florian Huber und Uli Kunz von Submaris sollen im Auftrag des WWF vor Neustadt in Holstein alte Stellnetze bergen. 14 Stück im Umkreis von nur 2 km - teilweise mehr als 100 m lang! Eine Arbeit, die in Schleswig-Holstein erst seit dem letzten Jahr läuft. Eine Herausforderung für die Taucher sind die kalten Temperaturen, dafür ist die Sicht jetzt besser als im Sommer.

Fischer und Wissenschaftler arbeiten zusammen

Kieler Forschungstaucher auf der Ostsee vor Neustadt. © NDR Foto: Uli Kunz
Kieler Forschungstaucher auf der Ostsee vor Neustadt.

2014 in Polen gestartet, entwickelte der WWF rund um Forschungstaucherin Gabriele Dederer in Zusammenarbeit mit Fischern und Wissenschaftlern ein verlässliches System, mit dem erst per Sonar der Meeresboden gescannt wird, Verdachtsstellen abgetaucht und die Netze schließlich geborgen werden. Ein Projekt, bei dem die Männer aus Kiel seit 2021 fest im Boot sitzen. Gemeinsame Ziele: so viele Netze wie möglich bergen und Aufmerksamkeit schaffen, dass verschollene Netze zeitnah gemeldet werden, denn je länger die Netze liegen, desto schwerer sind sie zu finden, zu bergen und auch zu recyceln. Neue Meldestellen und Abgabemöglichkeiten für alte Netze sollen die Situation verbessern. Für die Crew ist jeder Tauchgang ein Abtauchen ins Ungewisse. Die Netze liegen verheddert im Schlamm, unter Steinen oder Bäumen.

2021 haben die Forschungstaucher in einem Netz eine ENIGMA gefunden. Eine Maschine, die von den Nazis zur Verschlüsselung von Nachrichten genutzt wurde. Die Maschine liegt seitdem im Archäologischen Landesmuseum Schleswig-Holstein in Schleswig im Wasserbad. Ein CT am Fraunhofer Institut Lübeck soll jetzt Klarheit über das Innenleben schaffen, damit die neue Konservatorin Corinna Mayer mit der Restauration der Maschine beginnen kann.

Projekte auf der ganzen Welt

Geisternetze in der Ostsee vor Neustadt. © NDR Foto: Uli Kunz
Geisternetze in der Ostsee vor Neustadt.

Immer mit der Kamera dabei: Archäologe Florian Huber. Er dokumentierte nicht nur den Sensationsfund, sondern auch den Werdegang bis zur Ausstellung. Florian Huber und sein Kollege Uli Kunz tauchen seit mehr als 20 Jahren im Auftrag der Wissenschaft. Es ist ein unbändiges Eigeninteresse, das die Forscher immer wieder antreibt und zu Projekten auf der ganzen Welt führt.

In Polynesien hat sich das Submaris-Team auf die Suche nach der SMS Seeadler gemacht. Einem Schiff, das unter dem Kommando von Felix Graf von Luckner im Südpazifik im Kriegseinsatz war und 1917 vor der Insel Mopelia auf ein Riff aufgelaufen und gesunken ist. Nur anhand einer Zeichnung mussten sie die Stelle finden und konnten so ein neues Stück Norddeutscher Geschichte für die Nachwelt dokumentieren.

"Zeitreisen unter Wasser" oder "Ozeane"- Florian Huber und Uli Kunz forschen nicht nur, in vielen Büchern - auch für Kinder - wollen sie die Menschen für die Meere und ihre Geschichten begeistern und auf die Probleme aufmerksam machen.

Scanroboter kommen zum Einsatz

Seit vielen Jahren arbeitet das Team von Submaris eng mit dem GEOMAR Kiel zusammen. Aktuell untersuchen sie vor Damp ein Schiffswrack. Hier kommen die neuesten autonomen Scanroboter zum Einsatz, die das Team vom Helmholtz-Zentrum entwickelt hat.

Die Besatzung des Forschungsschiffs ALKOR unterstützt das GEOMAR mit der Anpflanzung und Kontrolle von Seegraswiesen und unterstützt damit die Forschung zum Thema CO2-Speicher und Sauerstoffgehalt der Ostsee.

Außerdem forscht das GEOMAR an einer neuen Lösung, wie die Gesteinsschichten im Meer CO2 aufnehmen können. Auf Island wird die Verpressung in den Boden bereits erfolgreich umgesetzt. In Schleswig-Holstein war ein derartiges Projekt gescheitert.

Moderation
Kristin Recke
Redaktion
Martina Gawaz
Produktionsleiter/in
Angela Hennemann
Leitung der Sendung
Norbert Lorentzen