Länder - Menschen - Abenteuer

Im Herzen Schottlands (2/2) - Mit dem Zug durch die Highlands

Donnerstag, 13. August 2020, 21:00 bis 21:45 Uhr

Hinter jeder Kurve warten neue, traumhaft schöne Ausblicke: Heidebewachsene Hügel, die violett leuchten, malerische Seen und tiefgrüne Wälder. Das sind die schottischen Highlands.

Im zweiten Teil der Reise durch Schottland geht es von Aberdeen weiter nach Norden, bis zum Zielbahnhof Inverness. Immer entlang der legendären "Highland Main Line"-Zugstrecke, die mitten durch den Cairngorms-Nationalpark führt. Aber was wären diese noch immer weithin unberührten Flecken ohne die Menschen, die hier leben?

Los geht es auf diesem Reiseabschnitt in der alten Königsstadt Stirling. Sie gilt als Nahtstelle zwischen den sanften Lowlands und den Highlands. 2009 ist Alan Waldron aus dem turbulenten Edinburgh hergezogen - und hat sich hier einen Traum erfüllt. Was aussieht wie ein kleiner Tischlerbetrieb, ist doch viel mehr: Alan baut Dudelsäcke. "Es ist das lauteste Instrument der Welt. Du bekommst einen richtigen Adrenalin-Rausch. Dieses Dröhnen, da läuft es dir kalt den Rücken runter", sagt Alan. Seine handgefertigten Dudelsäcke haben ein großes Geheimnis: "Die Ledersäcke innen drin stammen von einer ganz besonderen Schaf-Rasse", grinst er, "aber wem ich die verrate, den müsste ich umbringen!"

Gin aus Schottland

Nächste Station: Aviemore, 150 Kilometer nördlich der Hauptstadt Edinburgh. Eine Landschaft wie aus dem Bilderbuch. Hier lebt Walter Micklethwaith, Inhaber einer der kleinsten Gin-Destillerien des Landes. Und hier in den Wäldern erntet er im Herbst die Zutaten, die er für seinen selbstgebrannten Schnaps braucht: Wacholder und Hagebutten. Im Schatten des Whiskys führte Gin bisher eher ein Mauerblümchendasein. Doch das ändert sich nun. Rund zwei Drittel des Gins im Vereinigten Königreichs kommt inzwischen aus Schottland. Die kleine Destillerie von Walter ähnelt dabei einer Filmkulisse. Doch alles hier ist echt, und der "Inshriach Navy Strength" tröpfelt mit 57 Volumenprozent Alkohol aus dem Messingboiler.

Ein paar Kilometer weiter brodelt es in einem weitaus größeren Kessel. 11.000 Liter Wasser und eineinhalb Tonnen Kohle jagen Ken Plant und John Greig jeden Tag durch den Strathspey Dampfzug. Das ist ein fast 70 Jahre altes, 210 Tonnen schweres Schlachtross, das sich drei Mal am Tag durch die sanfte Flusslandschaft schlängelt - auf einem Gleisabschnitt, der sonst nicht mehr befahren wird.

Aber immerhin gibt es Gleise! Davon können sie in Braemar, 30 Kilometer Luftlinie von hier, nur träumen. Simon Blackett erzählt eine tragische Geschichte von einem Zug, der niemals kam - in ein Dorf, das sogar schon einen Bahnhof gebaut hatte. Mit diesem typisch trockenen Humor und ihrer heiteren Gelassenheit repräsentieren stolze Schotten ihr kleines und einzigartiges Land.

Erst Wellenreiten, dann schottischer Volkstanz

Ein Abstecher von hier an die schottische Nordküste führt nach Sandend, der Heimat von Megan Mackay. Megan ist 21 und die erste Schottin, die einen internationalen Wett-bewerb im Wellenreiten gewonnen hat. Schottland ist nicht gerade eines der bekannten Surf-Paradiese. Doch mit dickem Neopren-Anzug kann man sich hier gut austoben. "Das ist großartig. Ich fühle mich lebendig. Wenn ich auf einer Welle surfe, dann denke ich an nichts anderes. Es gibt nichts besseres", schwärmt Megan. Abends trifft sie sich mit ihren Freunden am Strand und tanzt Ceilidh, den berühmten schottischen Volkstanz. Denn wer hierher kommt, muss wissen: Die Schotten tanzen gern. Und bei jeder Gelegenheit.

Weiter nördlich, schon fast am Ziel, liegt die kleine Farm von Beth und Tim Rose. Die beiden ehemaligen Städter sind nun Crofter, also Landwirte. Sie haben einige Kühe und Schafe und bewirtschaften ihr Land. Da das Geld nicht reicht, muss Tim weiterhin regelmäßig auf Ölplattformen arbeiten. Währenddessen ist seine Frau Beth fünf Wochen mit den zwei Kleinkindern alleine. Dabei ist sie nonstop damit beschäftigt, die Farm in Schuss zu halten und die Schafe, Kühe und die beiden Söhne zu versorgen.

Eine Begegnung mit Nessie?

Nicht weit von der Rose-Farm liegt der sagenumwobene Loch Ness. Danny Coutts, ein Seebär, ist auf den zahlreichen Seen des Great Glenn zuhause, seit er ein Kleinkind ist. Mit ihm geht es auf einen Segeltrip - bei überhaupt nicht typisch-schottischem Wetter: sonnig, wolkenlos und total windstill. Danny sehnt eine Brise herbei, aber seine Frau Maggieann schwärmt: "Hier kann man den Frieden und die Stille der Highlands genießen. Wunderschön!" Und Nessie, das Monster? "Mal sehen, ob wir es treffen", schmunzelt Danny.

Dann erreicht der Zug sein Ziel im Bahnhof von Inverness. Hier ist auch für Schaffnerin Jennifer Endstation. Sie ist auf allen Bahnstrecken Schottlands unterwegs, aber diese hier liebt sie besonders: "Die Highlands sind für mich der schönste Ort auf der Welt. Die Blicke hier", bilanziert sie, "sind einfach unvergleichlich."

Die Kameraarbeit dieser Dokumentation (Kamera: Sebastian Wagner) wurde mit dem Columbus-Filmpreis ausgezeichnet.

Autor/in
Babette Hnup
Maik Gizinski
Kamera
Sebastian Wagner
Schnitt
Fabian Teichmann
Sprecher/in
Sascha Rotermund
Redaktion
Klaus Scherer
Produktionsleiter/in
Jost Nolting
Redaktionsleiter/in
Ralf Quibeldey

JETZT IM NDR FERNSEHEN

NDR Info 14:00 bis 14:15 Uhr