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Auf dem Ob durch Russland - Mit dem Schiff nach Novosibirsk

Donnerstag, 28. Mai 2020, 20:35 bis 21:20 Uhr

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Sibirien hat viele Gesichter. Aber das als unwirtlich beschriebene Land wird selten verbunden mit einem der bedeutendsten Opernhäuser Russlands, mit reichen Öl- und Gasregionen, Luxus und Wohlstand. Und auch die Wissenschaft muss den Vergleich mit westlichen Forschungseinrichtungen nicht scheuen.

Die Reise auf dem Ob an Bord eines Schiffes beginnt in Salechard. Dort holen Öl- und Gasarbeiter den Reichtum Sibiriens aus dem Boden. Die Arbeiter kommen aus dem 3.000 Kilometer entfernten Wolgograd oder aus Weißrussland. Sie leben zwei Monate lang in engen Bauwaggons, bevor es wieder nach Hause geht. Man verdiene hier besser, erzählen sie. Und irgendwie muss die Eigentumswohnung ja abbezahlt werden.

Russischer Umweltschutz

Inzwischen ist man aber auch in Russland überzeugt, dass die Umwelt geschützt werden muss. Seit zehn Jahren gibt es eine staatliche Naturaufsicht, die Ölverschmutzungen und lecke Leitungen mithilfe von Helikopterkameras aufspürt und die Verursacher zur Kasse bittet.

Eine Schach-Akademie für Kinder

Dass Westsibirien reich ist, sieht man auch in Chanty-Mansijsk. Dort hat der Gazprom-Konzern ein futuristisches Gebäude errichten lassen, eine Schach-Akademie für Kinder. Schon Sechsjährige spielen dort Schach, es ist ein Unterrichtsfach in der Schule wie Mathematik und Englisch. Der sechsjährige Kirill hat schon im Kindergarten angefangen, Schach zu spielen. Seine Eltern sind zufrieden, seit der Sohn Schach spielt, ist er nicht mehr so zapplig und kann besser denken.

Eine Deutsche auf Erinnerungsreise

An Bord des Schiffes sind Deutsche auf Expeditionsreise. Edeltraud steht schon seit Stunden an der Reling und blickt in die Weite. Die Berlinerin hat sich einst in einen russischen Offizier verliebt, traf sich mit ihm in Potsdam und Fürstenwalde. Doch als das ruchbar wurde, galt deutsch-sowjetische Freundschaft nichts mehr. Er wurde nach Sibirien geschickt, sie habe nie wieder etwas von ihm gehört, sagt sie. Verbannung nach Sibirien ist kein Phänomen der Sowjetzeit. Schon unter dem Zaren wurden Missliebige wie der Schriftsteller Dostojewskij dorthin verfrachtet.

Verbannung nach Sibirien

Das Schiff hält in Berjosovo, einem Städtchen mit einer schönen golden glänzenden Kirche. Fürst Menschikow, Günstling von Peter dem Großen, fiel nach dessen Tod in Ungnade und wurde nach Berjosovo verbannt. Er ließ die Kirche errichten. An der Spitze ist ein Engel angebracht, der dem Engel auf der Petersburger Peter-und-Paul-Festung nachgebildet ist. Ausdruck der Sehnsucht des Fürsten nach der Zivilisation, in die er niemals zurückkehren durfte. Er starb in Berjosovo. Regelmäßig zündet Galina Maslakova eine Kerze in der Menschikow-Kirche zum Gedenken an ihre Großeltern an, die in den 1930er-Jahren in den verschlafenen Ort verbannt wurden. Sie schrieben an Stalin und Molotow, erzählt sie, aber rehabilitiert wurden sie erst in den 1990er-Jahren.

Deutsch-Russische Freundschaft

Das Schiff landet in Tomsk an: Das Filmteam wird von vielen Russen angesprochen. Sie haben in der DDR gedient, in Wünsdorf, Fürstenwalde und Neuruppin. Schön sei es gewesen und so sauber, schwärmen sie. Und manchmal hatte diese Freundschaft unerwartete Folgen. Irinas Mann war in Neuruppin als russischer Offizier stationiert. Sie freundete sich mit Klaus und Hannelore an, die die Speisegaststätte in Neuruppin führten. Als sie mit ihrem Mann in den turbulenten 1990er-Jahren nach Russland zurückkehrte, hielt die Freundschaft: Irina eröffnete ein kleines Restaurant, Klaus half mit Rezepten und Ratschlägen, Besteck und Geschirr. Seitdem gibt es in Tomsk das Klaus Cafe. Das Foto des Neuruppiners hat einen Ehrenplatz in der stets gut besuchten Gaststätte. Bienenstich und Mohnkuchen nach Neuruppiner Rezept finden reißenden Absatz unter den Tomsker Bürgerinnen und Bürgern.

Nowosibirsk - ein Zentrum der Wissenschaft

Das Schiff kehrt an den Unterlauf des Ob zurück in die Stadt Nowosibirsk, drittgrößte Stadt Russlands. Mächtige Brücken überspannen dort den Fluss. Am Ufer des gestauten Ob liegt Akademgorodok, ein Zentrum der Wissenschaft. Hier wurden schon in den 1950er-Jahren Getreidesorten entwickelt, die im kurzen sibirischen Sommer reifen. Berühmt-berüchtigt wurde das Städtchen Ende der 1990er-Jahre, als renommierte Physiker ins Ausland gingen und ihr Wissen auch in sogenannten Schurkenstaaten vermarkteten, weil der russische Staat ihre Löhne nicht mehr zahlte. Eine Erklärung für den Erfolg des iranischen Atomprogramms habe mit dem Exodus der sibirischen Wissenschaftler zu tun, heißt es hier. Aber diese Zeiten sind vorbei. Inzwischen werden die Institute wieder gut ausgestattet.

Familienleben in Russland

Margarita Romanenko ist Mikrobiologin und hat eine acht Monate alte Tochter. Trotz Elternzeit betreut sie die Studierenden weiter. Ihr Mann hilft und räumt freimütig ein, er sei eine Ausnahme. Die meisten russischen Männer finden, Kinder seien Frauensache oder die der Großmütter.

Tänzerin und Primaballerina Olga Grischenkova lacht. Sie habe sich nie zwischen Kind und Karriere entscheiden müssen, erzählt sie. Schon sechs Monate nach der Geburt ihrer Tochter habe sie wieder auf der Bühne gestanden. Das große Opern- und Balletttheater Nowosibirsk braucht den Vergleich mit Moskau und St. Petersburg nicht scheuen.

Die Zukunft kann also kommen. Für Russland liegt sie in den entlegenen Weiten Sibiriens. Das haben übrigens schon die Zaren so gesehen.

Autor/in
Rita Knobel-Ulrich
Kamera
Michael Donnerhak
Schnitt
Nico Sandhof
Produktionsleiter/in
Tim Carlberg
Redaktion
Timo Großpietsch
Redaktionsleiter/in
Ralf Quibeldey

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