Sendedatum: 06.03.2020 21:15 Uhr

FAQ zur Sendung "Kannst du ein Tier töten?" (2/2)

Weshalb hat der NDR entschieden, das Format "Kannst du ein Tier töten?" auszustrahlen? Warum geht es in der Sendung nicht auch um Massentierhaltung? Wie funktioniert die Betäubung der Tiere bei der Schlachtung? Diese und noch viele andere Fragen, die beim Schauen der Sendung entstehen können, werden in diesem FAQ beantwortet.

Weshalb hat der NDR entschieden, ein solches Format auszustrahlen?

Wir senden diese Filme, weil das Thema "Schlachten" zum Fleischessen dazugehört. Viele von uns aber haben den Bezug zu Fleisch und Tier, zu Leben und Tod verloren. Wir kaufen Fleisch im Supermarkt - vakuumverpackt mit Bildern von lebendigen Tieren auf grünen Wiesen. Wir wollen daran erinnern, dass es Mühe und Arbeit bedeutet, ein Tier großzuziehen, und dass erst im Schlachthaus aus dem Tier ein Stück Fleisch wird.

Warum werden in den Filmen keine normalen und damit härteren Umstände gezeigt, unter denen die meisten Tiere leben und sterben müssen, die wir essen?

Dass wir in der Essenz den Idealfall der Nutztierhaltung und Nutztierschlachtung gezeigt und porträtiert haben, hat im Wesentlichen zwei Gründe:

Der eine ist, dass wir den Zuschauer die zentrale Frage "Kannst Du ein Tier töten?" für sich selbst beantworten lassen wollen. Er soll sich, so wie unsere Protagonisten Maya sowie Lucas und Nils, ohne vorgefertigte Meinung von außen dieser Fragestellung nähern - über das Miterleben der Tierhaltung und der anschließenden Tötung des Tieres. Und zwar in seiner klaren Essenz: "Ein Tier, das Sekunden zuvor noch lebte, wird getötet, um mich zu ernähren. Will ich das?" Ungetrübt von negativen Bildern von Massentierhaltung, Tierquälereien und unmenschlichen Schlachtszenen im Sekundentakt.

Der zweite Grund: Die Filme wollen zugleich zeigen, dass Fleisch nicht immer gleich Fleisch ist. Modelle, die den ein oder anderen Zuschauer vielleicht dazu bringen, die Herkunft des Schnitzels auf seinem Teller zu hinterfragen. Und die Bereitschaft fördern, für gutes Fleisch aus vorbildlicher Tierhaltung auch mehr zahlen zu wollen - und dafür weniger Fleisch zu essen.

Warum werden Schafe und Schweine getötet und nicht Hunde? Das sind doch alles Tiere.

Schafe, Schweine, Rinder, Enten, Gänse und Hühner sind keine Haustiere, sondern Nutztiere, sie "nützen" dem Menschen. Die Kulturgeschichte des Menschen führte zu dieser Definition: Sie sind es, aus denen der Mensch seit jeher Nutzen zieht - seine Milch trinkt, sein Fleisch isst, seine Federn nutzt, sein Fell. Im Gegenzug beschützt er seine Herdentiere vor Räubern.

Hunde und Katzen sind in der Regel - zumindest hierzulande - Haustiere, das heißt: Sie haben eine nahe Beziehung zu ihren Besitzern und deren Zuhause. Besonders zeigt sich das ja beim Hund, der den Menschen als Teil seines Rudels annimmt und sich so innerhalb der Familie als Mitglied integriert. Uns Menschen steht der Hund emotional viel näher als das Schaf. Wäre das nicht so, würden wir wohl auch Hunde essen.

Warum bewegen sich die Tiere nach der Betäubung noch?

Das Zucken der Tiere nach der Betäubung durch die Elektrozange ist der Tatsache geschuldet, dass sich im Muskel- und Nervengewebe zum Zeitpunkt der Betäubung noch immer gewisse Mengen von Neurotransmittern befinden. Diese entleeren sich spontan nach der Betäubung in die synaptischen Spalten der Nervenzellen und so rufen sie ein spontanes, aber autonomes - also ohne, dass das Gehirn dazu ein Signal gesandt hat - Zucken der Muskulatur hervor.

Vergleichbares kann jeder Mensch bei sich selbst beobachten. Klassisch: Das lästige autarke Zucken des Augenlides, das jeder kennt, oder auch das spontane Zucken des Oberschenkels ohne Signal vom Gehirn.

Die Krampfphase wird durch einen epileptiformen Anfall ausgelöst, der durch den Stromfluss durch das Gehirn entsteht. Wie bei Epileptikern, die einen großen Krampfanfall erleiden, läuft diese Krampfphase bewusstlos ab. Bewegungen bei Bewusstsein sind immer gerichtet, das heißt kontrolliert, wie zum Beispiel Aufstehversuche. Die tonisch-klonischen Krämpfe sind jedoch ungerichtet. Das unkontrollierte Bewegen oder Schlegeln der Gliedmaßen ist ein Zeichen einer tierschutzgerechten Betäubung.

Warum haben die Tiere teilweise noch die Augen offen - trotz Betäubung?

Wenn die Augen beim Ausbluten geöffnet sind, weist dies nicht darauf hin, dass das Tier bei Bewusstsein ist. Das kennen wir auch beim Menschen. Beispiele: Schlafwandeln mit offenen Augen, offene Augen bei Ohnmacht, offene Augen bei einer Vollnarkose, offene Augen bei Eintritt des Todes.

Trotzdem überprüft der Schlachter immer, bevor er den tödlichen Schnitt setzt, die Narkose des Tieres, und ob es Anzeichen von Bewusstsein gibt, durch ein kurzes Tippen mit dem Finger auf das Auge des Tieres. Reagiert das Auge nicht durch Lidschlag, ist das Tier bewusstlos. Das ist auch hier im Film passiert - auch wenn es nicht zu sehen war, weil sich in diesem Moment die Kamera hinter dem Schlachter und somit im falschen Winkel befand.

Gibt es einen Unterschied zwischen Schaf und Schwein beim Schlachtprozess (weshalb wird in dem einen Fall zweimal angesetzt)? 

Bei Schafen ist es schwierig eine Herzdurchströmung zu machen. Hierbei müsste das Gehirn und das Herz von jeweils durch ein Zangenende abgedeckt sein. Schafe haben aber einen längeren Hals als Schweine. Beim Schwein setzt zudem die Krampfphase nach der Kopfdurchströmung sofort ein, sodass es für den Schlachter lebensgefährlich sein kann, den Entbluteschnitt korrekt zu setzen, wenn nur das Gehirn durchströmt wird. Daher ist es, auch aus Arbeitssicherheitsgründen, wichtig bei Schweinen zusätzlich eine Kopf-Herz-Durchströmung zur Immobilisierung des Tieres zu machen. Schafe reagieren meist nicht so stark und so schnell mit einer Krampfphase. Dafür hält die Elektrobetäubung bei Schafen nicht so lange an wie bei Schweinen, weswegen die Tötung durch Entbluten schnellstmöglich (< 8 Sekunden) nach Absetzen der Zange erfolgen muss. Eine Herzdurchströmung, die aufgrund der Halslänge nur von Brust zu Brust erfolgen kann, ist in 8 Sekunden bei einem auf der Seite liegenden Tier nicht möglich. So wäre es möglich, dass das Tier das Bewusstsein wiedererlangen kann, während gleichzeitig der Herzinfarkt durch die Brust-Brust-Durchströmung ausgelöst wird. Einen Herzinfarkt bei Bewusstsein zu erleben ist äußerst schmerz- und stressvoll für das Tier.

Warum werden vom Aussterben bedrohte Schweine geschlachtet?

Die Rasse der Angler-Sattelschweine sind eine Nutztierrasse, die der Mensch selbst gezüchtet und die sich in den frühen Tagen der Landwirtschaft etabliert hat. Sie zeichnet sich durch Attribute aus, wie sie für die Nutztierhaltung früher (als das Schwein noch nicht in geheizten Ställen eingepfercht, sondern Sommer wie Winter draußen lebte und noch keine Antibiotika sofort zur Hand waren) ideal war: sie sind im Vergleich zum konventionellen Schwein äußerst robust, trotzen leichter klimatischen Widrigkeiten, sind dabei zudem sehr umgänglich. Die Rasse Angler Sattelschwein ist ab den 60er Jahren nicht mehr gezüchtet und gegessen worden, weil sie zu viel Fett ansetzen. Das war damals nicht mehr nachgefragt.

Aber es sind noch immer Nutztiere. Und im Falle des Hutewaldhofes zentraler Bestandteil des wirtschaftlichen Überlebens. Tatsächlich werden Angler-Sattelschweine unter anderem auch auf Arche-Höfen gehalten – also regelrechten Nutztier-Zoos, die zunächst einmal kein wirtschaftlich orientierter Betrieb sind, sondern sich vom Staat, von Spenden und vom Eintrittsgeld der Zuschauer finanzieren. Aber selbst hier landen die Tiere in der Regel früher oder später beim Schlachter. Doch dies ist nicht der einzige Grund, warum die Rasse vom Aussterben bedroht ist. Zur Erhaltungszucht braucht es eine gewisse größere Anzahl Tiere, um Inzuchteffekte zu vermeiden. Wird der Genpool zu klein, stirbt die Rasse aus. Das bedeutet, die Landwirte müssen zur Erhaltung einer Rasse viele Ferkel züchten, um aus denen wiederum die zur Erhaltungszucht geeigneten Zuchttiere auszuwählen. Alle anderen Ferkel, die nicht für die Zucht geeignet sind, bleiben über. Sie werden großgezogen und müssen irgendwann geschlachtet werden und verkauft werden, damit die Bauern die Schweinezucht finanzieren können.

Wie alt können diese Angler-Sattelschweine werden?

Schätzungsweise können Hausschweine 12-14 Jahre alt werden. Dies hängt sehr vom individuellen Gesundheitszustand ab. Es ist nicht bekannt, ob Angler-Sattelschweine im Vergleich zu anderen Rassen ein anderes Lebensalter erreichen würden. Es gibt heutzutage zu wenig alte Schweine, als dass man die Rassen hinsichtlich Lebensalter miteinander vergleichen könnte.

Einige der Muttersauen auf dem Hutewaldhof dürfen dort alt werden, da sie mit ihren Ferkeln über viele Jahre die wirtschaftliche Grundlage für den Hof waren und in dieser Zeit eine große emotionale Bindung zwischen den Sauen und den Menschen entstanden ist.

Warum leben die Schweine nur ein Jahr lang? Die könnten doch noch länger leben!

Die Schweine werden bei den Haltungsbedingungen und der Fütterung auf dem Hutewaldhof nach etwa einem halben bzw. einem dreiviertel Jahr geschlechtsreif. Wenn sie 1 Jahr alt sind, sind die meisten Tiere also erwachsen, wenn auch nicht körperlich final ausgewachsen. Falls sie zum Schlachten mit 1 Jahr noch zu klein sind, leben sie einige Monate oder ein halbes Jahr länger. Würde man sie darüber hinaus länger leben lassen, würden die meisten tendenziell mehr Fett ansetzen, was den Verbrauchern heutzutage oft zu viel wird. Außerdem ist die Relation zwischen Futterbedarf, Arbeitsaufwand und dem täglichen Zuwachs der Schweine nicht mehr wirtschaftlich, wenn man die Schweine wesentlich älter werden ließe. Ein großes Schwein frisst viel und braucht weiterhin tägliche Betreuung, ohne noch nennenswert zu wachsen. Theoretisch müsste also der Kilopreis von Fleisch von alten Tieren deutlich höher sein. Konventionell gehaltene Schweine werden übrigens nur 7 Monate alt.

Auf dem Hutewaldhof brauchen die Schweine länger, bis sie das ideale Schlachtgewicht erreicht haben. Das liegt vor allem an zwei Faktoren: zum einen ernähren sich hier die Schweine hier deutlich ausgewogener und natürlicher. Einen Teil der Nahrung beziehen die Schweine ganz natürlich von den Grünfutterflächen und aus dem Wald. Außerdem entspricht die stundenlange Futtersuche dem natürlichen Verhalten der Schweine. In konventioneller Haltung wird schnelles Wachstum durch viel energiehaltiges Futter erreicht. Zum zweiten bewegen sich die Schweine des Hutewaldhofes viel mehr als konventionelle Schweine. Nicht nur haben sie viel Platz zum Laufen und Herumtollen. Das sind Faktoren, die sich positiv auf die Fleischqualität aber im Gegenzug negativ auf die Wirtschaftlichkeit auswirken.

Werden nur die männlichen Schweine so früh geschlachtet? Oder auch die weiblichen Schweine?

Prinzipiell wird nicht zwischen Männlein und Weiblein unterschieden. Beide wachsen relativ gleich schnell heran und werden der Schlachtung zugeführt, wenn sie älter als 1 Jahr und groß genug sind. Ausnahmen bilden nur einzelne weibliche Tiere, die der Weiterzucht dienen sollen.

Was kostet so ein "Schweine-Leasing"? 

Ein Lebensmonat für ein Leasingschwein kostet 90 €. Das Schwein lebt 12-15 Monate. Es lässt sich nicht exakt vorhersagen, wie es wächst. Hinzu kommen die Kosten für Transport, Schlachtung, Zerlegung, Verarbeitung, Organisation und auf Wunsch für die Verpackung (Vakuumierung). Diese Kosten werden individuell berechnet und schwanken etwa zwischen 300 und 700 € pro Schwein. Der Kunde erhält dafür mindestens 100 kg Fleisch, Wurst, Suppenknochen usw.. Es können auch halbe oder viertel Schweine geleast werden.

Warum füttern wir denn unsere Schweine trotzdem noch mit Schrot und Heu, wenn sie doch selbst Futter suchen können?

Interessanterweise gibt es nach unseren Recherchen europaweit keine bekannte naturnahe Schweinehaltung, die Schweine für den Verkauf erzeugt und völlig ohne Zufutter auskommt. Die Schweine würden nur mit selbst gesuchtem Futter natürlich überleben und auch wachsen, jedoch geschätzt höchstens halb so schnell, was sich wiederum auf die Wirtschaftlichkeit auswirken würde. Auf dem Hutewaldhof erhalten die Schweine 2x täglich gerade soviel Schrot, dass sie zufrieden satt sind, aber dennoch den Impuls zeigen, als Nachtisch eine deutliche Menge Heu zu fressen (im Winter) bzw. selbst auf die Weide Futter suchen zu gehen. Wenn sie sich nach dem Fressen faul schlafen legen, kürzen wir die Ration.

Wie werden die männlichen Ferkel kastriert?

Der Hof hat seit vielen Jahren die Vollnarkose mit Isofluran durchführen lassen. Das wollen sie auch weiterhin tun, da die Angler Sattelschweine andere Narkosemittel, die gespritzt werden könnten, nicht vertragen.

Derzeit stehen sie vor der Herausforderung, ein eigenes Narkosegerät kaufen zu müssen, da die neuen gesetzlichen Bestimmungen nicht mehr erlauben, dass der Tierarzt das Gerät mitbringt.

Zur Sendung
Im Schlachthof liegt das getötete Angler-Sattelschwein auf dem Tisch.

Kannst du ein Tier töten? (2/2)

Die NDR Reportage-Reihe "Kannst du ein Tier töten?" zeigt Menschen, die den Mut aufbringen, die letzten Tage eines Tieres hautnah zu begleiten. Zwei Männer machen den Test mit einem Schwein. mehr

Dieses Thema im Programm:

DIE REPORTAGE | 06.03.2020 | 21:15 Uhr