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Sexuelle Gewalt gegen Kinder - wo bleibt die Hilfe?

Montag, 29. November 2021, 22:00 bis 22:45 Uhr

Vor zehn Jahren versprach die Bundesregierung einen besseren Schutz von Kindern vor sexueller Gewalt. Sie reagierte damit auf das Versagen von Staat und Kirche, das durch die Missbrauchsskandale an Schulen und Kirchen offensichtlich wurde. Die Politik wollte mehr tun, für die Betroffenen und gegen die Täter.

Doch die jüngsten Zahlen des Bundeskriminalamtes (BKA) zeigen, dass in der Corona-Krise sexualisierte Gewalt gegen Kinder deutlich zugenommen hat.

Runder Tisch der Bundesregierung

Im Jahr 2010 hatten die Missbrauchsskandale unter anderem an der Odenwaldschule und dem Canisius-Kolleg eine breite öffentliche Debatte entfacht. Viele Menschen setzten daraufhin große Hoffnungen in den von der Bundesregierung eingesetzten Runden Tisch. Die Politik hatte damals mit Fachleuten Vorschläge erarbeitet, wie Betroffene schnell und unbürokratisch an Therapieplätze kommen, wie das rückständige Opferentschädigungsgesetz reformiert werden und die Ausbildung von Therapeuten, Medizinern und Pädagogen verbessert werden sollten.

Autor Sebastian Bellwinkel hat seitdem immer wieder über das Thema berichtet und Versäumnisse aufgedeckt. Für seine aktuelle "45 Min"-Dokumentation trifft er Betroffene und Experten aus früheren Filmen wieder, um mit ihnen Bilanz zu ziehen und zeichnet anhand ihrer Erlebnisse die Gesamtentwicklung nach. Was hat sich verändert, wo muss die neue Bundesregierung dringend handeln?

Fehlende Therapieplätze

Der Befund ist ernüchternd: So ist zugesagte Hilfe für Betroffene mit Therapiebedarf oft noch immer in weiter Ferne. Zu wenig fachlich geeignete Therapeuten, endlose Wartelisten und Auseinandersetzungen mit Krankenkassen und Versorgungsämtern zermürben Menschen in seelischer Not. "Wir lassen sie immer wieder vor die Wand laufen", sagt die Psychologin Julia von Weiler über die Situation Tausender Betroffener. Wie wichtig schnelle Hilfe wäre, zeigt der Fall von Svenja. Sie hat nach den von ihrem Stiefvater begangenen Taten mit Glück über den Hamburger Verein Dunkelziffer umgehend eine Therapeutin gefunden und berichtet nun darüber, dass sie ihr Trauma überwinden konnte.

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Eine bedrückte Frau telefoniert. © picture-alliance/ZB Foto: Marion Gröning

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Steigende Zahlen während der Corona-Krise

Im Schatten der Corona-Krise hat sich nahezu unbemerkt auch eine andere Pandemie dramatisch ausgeweitet: sexualisierte Gewalt gegen Kinder im Netz. Die Verbreitung von Missbrauchsabbildungen ist laut BKA (Polizeilichen Kriminalstatistik 2020) zuletzt um 53 Prozent gestiegen. Die Politik hat 2020 zwar öffentlichkeitswirksam die Strafbarkeit dieser Taten verschärft. Doch die Polizei kommt bei den Ermittlungen nicht hinterher und ist auch online kaum präsent. Täter haben quasi freies Spiel.

NDR Autor Sebastian Bellwinkel (li.) nach dem Interview mit NRW-Innenminister Herbert Reul, der im Gespräch Versäumnisse beim Schutz der Kinder vor sexueller Gewalt einräumt. © NDR/Sebastian Bellwinkel
NRW-Innenminister Herbert Reul (re.) räumt im Gespräch mit Autor Sebastian Bellwinkel Versäumnisse ein

Herbert Reul (CDU), Innenminister von Nordrhein-Westfalen, hat erst ab 2019, also nach den schlagzeilenträchtigen Missbrauchsfällen von Lügde, Münster und Bergisch-Gladbach, die Zahl der Ermittler massiv erhöht. Er räumt Versäumnisse ein: "Wir haben das Problem jahrelang nicht ernst genommen. Erst wenn man selber als Politiker damit konfrontiert ist, reagiert man wirklich." Reul gehört seitdem zu den vehementen Verfechtern einer Gesetzesverschärfung, mit der seit Juli 2021 schon minder schwere Fälle von Konsum oder Verbreitung von Missbrauchsbildern als Verbrechen gelten.

Fachleute hatten davon abgeraten. Kriminalbeamte aus Rostock bestätigen, dass sie durch die massive Zunahme an geringfügigen Fällen noch mehr Probleme haben, die wirklich schweren Fälle zeitnah zur Anklage zu bringen. Gleichzeitig räumen sie ernüchtert ein, dass sie das besonders in der Pandemie massiv um sich greifende Cybergrooming gar nicht verfolgen können, also die sexualisierte Kontaktanbahnung mit Kindern und Jugendlichen über soziale Medien und Online-Spiele. "Dazu haben wir keine Zeit. Das bearbeiten wir im Zweifel erst, wenn tatsächlich schon etwas passiert ist."

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Autor/in
Sebastian Bellwinkel
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Sebastian Bellwinkel
Redaktion
Sabine Reifenberg
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