Stand: 16.12.2016 15:27 Uhr

"Das wird immer mein Leben beeinflussen"

Sandra Dittmar. © NDR
Sandra Dittmar ist die Ex-Freundin des ermordeten Heiko Mundo. Inzwischen unterstützt sie den verurteilten Mörder: seinen Bruder.

Markus Mundo ist wegen Mordes an seinem Vater Dieter und seinem Bruder Heiko seit fünf Jahren im Gefängnis. Er bestreitet die Tat. Die 41-jährige Sandra Dittmar ist die Ex-Freundin des getöteten Heiko Mundo. Anfangs verdächtigte sie Markus, seinen Bruder und Vater ermordet zu haben. Doch während des Gerichtprozesses zum Fall Mundo änderte sie ihre Meinung radikal. Auf einmal war sie von Markus' Unschuld überzeugt, denn für sie gibt es zu viele Widersprüche. Sie entschied sich, ihn zu unterstützen und lieh sich von ihrem Vater 20.000 Euro, um die Anwälte für Markus zu bezahlen. Den Prozess verfolgte sie akribisch.

Genau wie das Opfer Heiko Mundo ist auch sie blind. Die beiden lernten sich 2006 im Dialog Museum in Frankfurt kennen und führten knapp zehn Monate lang eine Beziehung. Dann kam die Trennung. Und Funkstille. Einige Jahre später nimmt Sandra Dittmar wieder Kontakt auf, als Heiko Mundo auf einmal verschwindet.

Was ging in Ihnen vor, als Sie vom Mord an Ihrem Ex-Partner Heiko und dessen Vater Dieter erfahren haben?  

Sandra Dittmar: Ich konnte das nicht glauben. Ich dachte erst, dass uns jemand veräppeln will. Dann habe ich sofort an Heikos Bruder gedacht, wie er sich wohl fühlt und ob er es weiß. Wie wohl seine erste Reaktion war? Als ich dann von der Kripo erfahren habe, dass Markus in U-Haft sitzt, war ich geschockt. Ich habe im Internet über die gefundenen Leichen in Südfrankreich recherchiert und konnte es immer noch nicht fassen.  

Weshalb fiel Ihr Verdacht erst auf Markus?

Dittmar: Das war in der Zeit, als Heiko und Dieter noch vermisst wurden. Als noch nicht klar war, dass sie beide tot sind. Ich hatte damals das Gefühl, dass sich Markus nicht so engagiert, wie man es erwarten würde von einem Bruder. Vieles fand ich merkwürdig. Aber ich habe ihn nicht gleich beschuldigt, das war nur so ein Gefühl.

Wann und weshalb haben Sie Ihre Meinung geändert?

Dittmar: Als ich im Internet las, dass die beiden erschossen und in einen Teppich eingewickelt wurden. Das war für mich wie ein Schlag. Ja, in Familiendramen passieren Sachen im Affekt, vielleicht erschlägt man einen oder man hat ein Messer zur Hand. Aber nicht jeder hat eine Waffe zu Hause. Als ich das Wort "erschossen" las, dachte ich: Nein, das kann ich mir überhaupt nicht vorstellen. Das passt nicht zu Markus. Dann kam noch dazu, dass ich mit Heikos bestem Kumpel telefoniert habe und er sagte: "Ganz ehrlich Sandra, der Markus Mundo mag ja ein arrogantes Arschloch sein, aber der erschießt niemanden. Dazu ist der viel zu weich." Ich konnte mir das auch nicht vorstellen. Dann hab ich mir seine Facebookseite und Homepage angeguckt. Das war für mich nicht das Gedankengut eines eiskalten Mörders.

Das Urteil ist gesprochen. Sie haben das Gefühl, dass nicht der Richtige hinter Gittern sitzt. Der Fall Mundo hat bei vielen Beteiligten ein großes Fragezeichen in ihrem Leben hinterlassen. Können Sie sagen, was dieses Fragezeichen mit Ihnen macht?

Dittmar: Erst einmal ist es belastend. Man will es am besten jetzt oder gestern geklärt haben. Irgendwann realisiert man: Das geht nicht. Mit der Zeit geht man dann sachlich damit um. Das habe ich dieses Jahr bei den NDR Dreharbeiten gemerkt, als ich mich wieder intensiver mit den Gefühlen auseinandersetzen musste. Da hatte sich irgendwie etwas verändert. Früher habe ich Heiko so akribisch gesucht, ich hatte mit dem Gedanken eines Neuversuchs der Beziehung gespielt. Ich wollte, dass er weiß, wie ich zu ihm stehe. Und plötzlich war es so, dass ich mir dachte: 'Scheiße, das ist für dich irgendwie auch nur noch ein Fall, dabei hat dich das damals mitgenommen.' Ich finde das im Nachhinein auch selber schlimm. Aber vielleicht ist die Reaktion normal. Man muss ja auch Abstand gewinnen.

Wie hat sich Ihr Verhältnis zu unserem Rechtsstaat verändert?

Dittmar: Du liebe Schande. Rechtsstaat? Was ist das? Wenn ich nun im Radio von Verurteilungen oder Erbstreitigkeiten höre, hinterfrage ich das sofort: Na, ob das so richtig ist? Oder wollte wieder jemand nur einen Fall abschließen? Es klingt ja immer alles schlüssig. Aber ich hab' da echt zu viel erlebt. Auch mit der Polizei, dem "Freund und Helfer". Situationen, wo ich dann dachte: 'Wozu gibt es euch eigentlich?' Ein totaler Vertrauensverlust.

Sie haben viel Geld in die Verteidigung von Markus Mundo investiert. Mit welchem Gefühl verfolgt man da den Prozess?

Dittmar: Mein Vater hat das Finanzielle mehr oder weniger für mich übernommen. Er wusste, wie wichtig mir das ist, dass im Prozess etwas passiert. Aber das Geld ist eher zweitranging, Markus hat versprochen es zurückzuzahlen. Im Prozess treibt mich natürlich vieles an. Mittlerweile bin ich mit Markus befreundet, wir haben uns kennengelernt. Es kann für mich einfach nicht sein, dass da jemand unschuldig im Gefängnis sitzt und auf der anderen Seite vielleicht ein anderer Mensch frei und glücklich durchs Leben rennt. Es geht mir auch nicht darum, dass ich jemand anderes anstelle von Markus im Gefängnis sehen will. Ich möchte einfach nur die Wahrheit erfahren.

Wann und wie denken Sie, dass Sie mit dem Fall abschließen können?

Dittmar: Das wird auf irgendeine Art und Weise immer mein Leben beeinflussen. Das merke ich jetzt schon. Zum Beispiel haben Heiko und ich damals blöderweise am Telefon Schluss gemacht und er sagte mir: 'Ich will nichts mehr von dir hören.' Und ich habe das so hingenommen und habe nicht mehr nachgehakt. Das versuche ich heute echt zu vermeiden, weil ich nicht möchte, dass mir sowas nochmal passiert. Dass irgendjemand geht, ohne dass man sich ausgesprochen hat. Das ist ein schlimmer Gedanke. Außerdem ist die Geschichte durch die Telefonate und Besuche mit Markus einfach in meinen Alltag integriert. Das gehört jetzt einfach dazu. Abgesehen davon ist der Fall für mich erst abgeschlossen, wenn ich die Wahrheit weiß.

Das Interview führte Alisha Elling.

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Film im NDR | 24.11.2019 | 00:45 Uhr

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