Das RoRo-Schiff liegt in der Montagehalle und viel Publikum steht daneben. © NDR Foto: Peer Axel Kroeske

Zur Sache: Wie steht es um die Werften in Schleswig-Holstein?

Stand: 20.08.2021 11:11 Uhr

Seit Jahren steckt der Schiffbau in Schleswig-Holstein in der Krise. Die Corona-Pandemie hat die Situation noch einmal verschärft. Die Folge sind Insolvenzen. Hat die Branche das Schlimmste schon hinter sich? Welche Chancen gibt es?

von Christian Wolf

Anders als viele andere Unternehmen schwimmt Thyssenkrupp Marine Systems (TKMS) gerade auf einer Welle des Erfolgs. Die Kieler Werft hat erst vor kurzem den Auftrag erhalten, für die norwegische und deutsche Marine neue U-Boote der Klasse 212-CD zu bauen. Mit rund 5,5 Milliarden Euro ist es der größte Auftrag, den die Kieler Werft je an Land ziehen konnte. Damit ist sie bis in die Mitte der 2030er-Jahre ausgelastet. "Aber nicht alle Unternehmen aus der Branche können sich über so volle Auftragsbücher freuen", erklärt Wirtschaftsminister Bernd Buchholz (FDP). Es gibt also auch Schatten.

Ein neuwertiger Frachter steht kurz nach dem Stapellauf im Hafen der Flensburger Schiffbau-Gesellschaft. © NDR Foto: Lucas Knauer
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Auch Zuliefer-Betriebe betroffen

Beispielsweise hat das Aus der Produktion von Motoren bei der Caterpillar in Kiel gezeigt, dass die Krise im Schiffbau auch bei den Zuliefer-Betrieben angekommen ist. Die Kieler Werft German Naval Yards musste zudem im vergangenen Jahr mit etwa 50 Millionen Euro aus den Wirtschaftsstabilitäts-Fonds des Bundes unterstützt werden. Anfang des Jahres kam es zur Insolvenz der Rendsburger Nobiskrug-Werft. Sie wurde dann von der Flensburger Schiffbaugesellschaft (FSG) übernommen - zur Erleichterung von Wirtschaftsminister Buchholz: Es gebe nun im Land einen zweiten neuen großen Spieler mit insgesamt rund 650 Mitarbeitern, so Buchholz. Allerdings machten auch vielen Unternehmen die Folgen der Krise zu schaffen.

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IG Metall fürchtet Verlust von Arbeitsplätzen

Rund 18.000 Arbeitsplätze gibt es auf den Werften in ganz Norddeutschland noch. Wegen der Folgen der Corona-Pandemie stehe aber fast jeder dritte Job auf der Kippe, warnt die IG Metall. Seit Beginn der Pandemie sind laut Gewerkschaft schon etwa 1.000 Jobs verschwunden, bei weiteren mehr als 5.000 Stellen gibt es zudem Gespräche, weil auch die wegfallen sollen. "Diese Krise geht an die Substanz des deutschen Schiffbaus", sagt Daniel Friedrich, Bezirksleiter der IG Metall Küste. Daher fordert die Gewerkschaft mehr staatliche Unterstützung für die Branche. Aus seiner Sicht müssten auf die "Lippenbekenntnisse" der Politik nun rasch Taten folgen. Den Beschäftigten laufe die Zeit davon, so der Gewerkschaftler.

Neustart durch Innovationen?

"Die Personenschifffahrt, insbesondere die Kreuzfahrtbranche, ist praktisch völlig zum Erliegen gekommen - mit erheblichen Konsequenzen für den deutschen und europäischen Schiffbau", erklärt Norbert Brackmann, maritimer Koordinator der Bundesregierung, zur Situation im Schiffbau. Gleichzeitig sieht er in der Krise aber auch eine Chance - so beschreibt Brackmann es in seinem Bericht über die maritime Situation. Aus seiner Sicht kann ein Neustart der Branche nur mit Innovationen in Umwelt und Klima-Schutz gelingen: "Die maritime Wirtschaft ist eine Zukunfts- und Wachstumsbranche. Die Branche gestaltet die maritime Energiewende aktiv mit und investiert in Forschung und Entwicklung." So unterstützt der Bund beispielsweise die Länder finanziell beim Bau von Landstromanlagen. Zudem will die Bundesregierung nach eigenen Angaben mit der nationalen Wasserstoff-Strategie auf Zukunftspotenziale für Investitionen in marktreife Wasserstofftechnologien setzen, etwa bei Schiffsantrieben.

"Folgen der Krise noch Jahre spürbar"

Die aktuelle Krise ist aus Sicht des Verbandes für Schiffbau und Meerestechnik (VSM) vom Einbruch des Kreuzfahrttourismus ausgelöst worden. Die Kreuzfahrtbranche habe mehr als 20 Milliarden Euro Verlust gemacht, so VSM-Geschäftsführer Reinhard Lüken. Bevor neue Schiffe gebaut würden, müssten diese Verluste durch die Reeder erst ausgeglichen werden, was Jahre dauern werde. Daher ist es für ihn Zeit für eine Weichenumstellung. Lüken sieht die Chancen unter anderem im Ausbau der Wasserstofftechnologie, um die Schifffahrt sauber zu machen und fossile Brennstoffe zu ersetzen. Weitere Möglichkeiten seien die Verjüngung der Flotte im Binnen- und Küstenverkehr und die Offshore-Windenergie, so Lüken. Eine weitere Chance und auch von hoher Dringlichkeit ist seiner Meinung die Beseitigung von Munitionsaltlasten auf dem Meeresboden.

Viele Start-Ups im Land

Mit den künftigen Herausforderungen der Branche beschäftigen sich bereits viele Jung-Unternehmer im Land. So baut beispielsweise die Hitzler-Werft aus Lauenburg gemeinsam mit dem Start-Up Wallaby Boats aus Kappeln (Kreis Schleswig-Flensburg) den Prototypen für einen neuartigen Katamaran. Durch seine "Federung" liegt er ruhiger im Wasser und soll als Crew-Tender-Vessel eingesetzt werden, also als ein Schiff, das Service-Techniker an ihren Einsatzort in den Offshore-Windparks bringt. "Ich hoffe sehr, dass dieses innovative Projekt in Lauenburg in Serie gebaut wird", so Wirtschaftsminister Buchholz. An der Fachhochschule Kiel wird zudem mit dem Projekt CAPTN (Clean Autonomous Public Transport Network) an einer emissionsfreien autonomen Fähre geforscht, die das Bundesverkehrsministerium mit mehreren Millionen Euro unterstützt.

Was bringt die Zukunft?

Wie kann die Krise im Schiffbau überwunden werden? Auf welche Innovationen muss die Branche künftig setzen? Hat der Schiffbau im Land überhaupt noch eine Zukunft? Wie sicher sind die Arbeitsplätze auf den Werften und bei den Zulieferer-Betrieben? Ist das Aus bei Caterpillar in Kiel erst der Anfang? Muss der Staat die Branche angesichts der Konkurrenz aus Asien noch mehr unterstützen, damit künftig kein Know-How verloren geht?

Über all diese und weitere Fragen sprach NDR 1 Welle Nord Moderatorin Hannah Böhme am Sonntagabend ab 18 Uhr in unserer Sendung Zur Sache mit ihren Gästen. Mit dabei waren:

  • der maritime Koordinator der Bundesregierung, Norbert Brackmann
  • der Geschäftsführer des Verbandes für Schiffbau und Meerestechnik (VSM), Dr. Reinhard Lüken
  • der Bezirksleiter der IG Metall Küste, Daniel Friedrich

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Dieses Thema im Programm:

NDR 1 Welle Nord | Zur Sache | 22.08.2021 | 18:05 Uhr

Podcast Bild für die Sendung "Zur Sache". ©  Roman Gorielov/fotolia Foto:  Roman Gorielov

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