Sendedatum: 03.02.2019 18:05 Uhr

Zur Sache: Obdachlose bleiben auf der Strecke

von Michael Frömter

Sie werden kaum wahrgenommen oder von Passanten in den Innenstädten lediglich misstrauisch beäugt: Wohnungs- beziehungsweise Obdachlose. Wie viele es genau gibt, weiß niemand so wirklich. Da sie keinen festen Wohnsitz haben, sind sie auch nicht zwangsläufig gemeldet und werden deshalb nach Angaben des Statistischen Landesamtes statistisch nicht erfasst. Die Zahl der Obdachlosen in Schleswig-Holstein kann somit nur geschätzt werden. So registrierte die Diakonie in 2017 etwa 8.000 Menschen, die Hilfe suchten, 2014 waren es noch knapp 3.000 weniger. Rechnet man die Zahlen anderer Wohlfahrtsverbände und Einrichtungen hinzu, dürften in Schleswig-Holstein mehr als 10.000 Menschen obdachlos sein.

Die Schuhe von zwei Obdachlosen stehen in Hamburg unter der Brücke in der Helgoländer Allee vor ihrer Schlafmatratze. © dpa picture alliance Foto: Angelika Warmuth

Zur Sache: Obdachlose in Schleswig-Holstein

NDR 1 Welle Nord - Zur Sache -

Armut und Wohnungslosigkeit können Menschen schneller ereilen als erahnt - egal aus welcher sozialen Schicht sie stammen. Wie kann Obdachlosen geholfen werden und wie können sie sich selbst helfen?

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Verarmung wesentlicher Grund für Obdachlosigkeit

"Die sind doch selbst schuld", meint so mancher Mensch, wenn er die "Penner" auf der Straße sieht. Doch Armut und Wohnungslosigkeit können Menschen schneller ereilen als erahnt - egal aus welcher sozialen Schicht sie stammen. Selbst Bankangestellte oder ein Arzt haben sich schon bei der Diakonie gemeldet. Oft beginnt alles mit dem Verlust der Arbeit aufgrund von Krankheit oder weil der Betrieb schließt. Hinzu kommen häufig familiäre und psychische Probleme sowie Alkohol und Drogen. Die finanzielle Spirale beginnt, sich abwärts zu drehen: Die Einnahmen werden immer weniger, dafür die Schulden immer höher. Wer dann seine Kredite für das eigene Häuschen oder die Miete nicht mehr zahlen kann, nicht bei Bekannten oder Freunden unterkommt, sitzt schnell buchstäblich auf der Straße. Dort gelandet, können Alkohol und Drogen die persönliche Situation weiter verschärfen.

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Kaum bezahlbarer Wohnraum und nicht genügend Plätze in caritativen Einrichtungen zwingen Obdachlose, auf der Straße zu schlafen.
Zu wenig Einrichtungen für Wohnungslose

Nach Angaben der Diakonie steigt die Zahl der Wohnungslosen in Schleswig-Holstein weiter an. Verschärft werde die Situation noch durch ältere Menschen, die zu wenig Rente haben, um ihre Wohnung zu bezahlen, sagt Landespastor Heiko Naß. Vor allem in den Städten Kiel und Lübeck fehlt es an bezahlbaren Wohnungen. Zudem ist es schwierig, Vermieter zu finden, die Menschen aus prekären Verhältnissen - also mit Schulden und/oder Sucht - ihre Wohnungen vermieten.  Blieben noch die Plätze in Einrichtungen caritativer Verbände. Doch auch dort reicht die Zahl der Plätze für Wohnungslose nicht aus.

Winter lebensgefährlich für Obdachlose

In den meisten Städten sind die Notunterkünfte dauerhaft belegt. Doch gerade im Winter ist Hilfe für die Menschen dringend erforderlich, die jahraus jahrein auf der Straße leben. Meist ist deren Gesundheit ohnehin angeschlagen, so dass die Kälte im Winter lebensgefährlich sein kann, warnen Ärzte. In Hamburg und Berlin gab es bereits die ersten Kältetoten. Damit Obdachlose sich aufwärmen können, werden mancherorts Heizcontainer aufgestellt. Doch die sind eher der hilflose Tropfen auf den heißen Stein und dürfen meist nur nachts genutzt werden.

Helfen ist Bürgerpflicht

Bei der Hilfe für Obdachlose sind nicht nur Staat und Sozialverbände gefordert. Jeder einzelne von uns ist aufgerufen, bei Obdachlosen nicht nur weg zu schauen. Jeder kann helfen. Nicht unbedingt mit Geld, aber mit einem heißen Kaffee oder einer warmen Suppe. Wem der Gesundheitszustand eines Obdachlosen Sorgen macht, der sollte im Zweifel die Polizei anrufen. Helfen sei Bürgerpflicht, sagt Landtagspräsident Klaus Schlie (CDU) im Interview mit NDR 1 Welle Nord. "Wir brauchen menschliche Solidarität und christliche Nächstenliebe, jeder einzelne kann helfen", sagt Schlie. Nicht wegsehen, sondern auf Menschen zugehen, das mache unsere humane Gesellschaft aus. Und genau deshalb, so der Landtagspräsident, wollten auch die Abgeordneten selbst aktiv werden und auf die Situation der Wohnungslosen und bedürftigen Menschen aufmerksam machen - gerade jetzt im Winter, bei diesen kalten Temperaturen.

Auf Initiative Schlies hin hat der Landtag am zweiten Februar-Wochenende erstmals Obdachlose zu einem Essen eingeladen. Kellnern sollen die Abgeordneten. "Bei dem gemeinsamen Abend wollen wir Abgeordnete mit den betroffenen Menschen sprechen", erklärt Schlie, "und so die Situation der Wohnungslosen aus erster Hand kennenlernen." Das sei ganz wichtig, weil dieser Abend keine einmalige Aktion, sondern der Auftakt eines längerfristig geplanten Engagements sein solle, so der Landtagspräsident.

Diskutieren Sie mit uns

Wie kann Obdachlosen geholfen werden und wie können sie sich selbst helfen? Diese Frage stand im Mittelpunkt unserer Zur Sache Sendung am Sonntag, den 3. Februar 2019. Zu Gast bei Moderatorin Rebekka Merholz waren unter anderem Doris Kratz-Hinrichsen von der Wohnungslosenhilfe der Diakonie und der Geschäftsführer des Vereins HEMPELS, Lukas Lehmann. Zudem kamen Betroffene zu Wort.

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Dieses Thema im Programm:

NDR 1 Welle Nord | Zur Sache | 03.02.2019 | 18:05 Uhr

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