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Zur Sache: Medikamenten-Versuche an Kliniken in SH

Stand: 26.04.2021 07:33 Uhr

Mindestens 3.000 Menschen in Schleswig-Holstein wurden als "Versuchskaninchen" für Medikamente missbraucht. In der Sendung Zur Sache haben wir unter anderem darüber gesprochen, wer dafür verantwortlich war.

Medikamenten-Versuche an schleswig-holsteinischen Kliniken - und das über Jahrzehnte hinweg. Mindestens 3.000 Menschen waren betroffen, die nicht wussten, dass mit ihnen experimentiert wird. Geschehen ist das an den Landeskrankenhäusern in Schleswig und Neustadt, an der Psychiatrischen und Nervenklinik der Universität Kiel und in den Ricklinger Anstalten. Das haben umfangreiche Untersuchungen von Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern ergeben. Demnach wurden in den Jahren 1949 bis 1975 in Schleswig-Holstein behinderte oder psychisch kranke Menschen systematisch mit Arzneimitteln behandelt und ruhiggestellt, die weder getestet noch zugelassen waren.

Wer war verantwortlich für die Arzneimittel-Tests?

Profitiert davon haben Pharmakonzerne, Ärzte und die Träger dieser Kliniken, zum Beispiel das Land und die Kirche. Beide haben sich zu ihren Fehlern bekannt. Aber die Betroffenen leiden noch heute unter den Folgen. Zur Rechenschaft gezogen werden kann niemand mehr, denn die Taten sind längst verjährt. Mehr als vier Jahre haben wir von NDR Schleswig-Holstein zu dem Thema recherchiert.

Betroffener Günter Wulf: "Die haben unser Leben kaputtgemacht"

In der Sendung Zur Sache am 25. April sprach unter anderem der Betroffene Günter Wulf über seine Erfahrungen damals. In seiner Kindheit wurden Medikamtentenversuche an ihm durchgeführt. Die bisherigen Geldzuwendungen bezeichnete er als "billiges Abspeisen": "Was wir bekommen haben, dass ist eigentlich ein Witz gemessen an dem, was wir da durchmachen mussten. Denn Sie müssen es mal so sehen: Die haben unser ganzes Leben kaputtgemacht. Die haben unsere Kindheit zerstört, die haben unsere Jugend zerstört, und da wollen sie uns mit ein paar Tausend Euro abspeisen. Ich finde das eine Unverschämtheit."

Forschungen und Studien sollen weitergehen

Auch Studiogast Günther Jesumann, unabhängiger Beauftragter für die Betroffenen im Land, war der Meinung, eine kleine Rente für die noch immer leidenden Menschen wäre eine vernünftige Lösung. Er bat auch darum, dass sich weiterhin alle zu Wort melden sollen, die ähnliches erlebt haben. Prof. Cornelius Borck vom Institut für Medizingeschichte und Wissenschaftsforschung an der Universität zu Lübeck kündigte an, dass die Forschungen zu den Medikamentenversuchen weitergehen werden.

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Dieses Thema im Programm:

NDR 1 Welle Nord | Zur Sache | 25.04.2021 | 18:05 Uhr

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