Stand: 12.05.2019 20:00 Uhr

Zur Sache: Kann die Kirche noch im Dorf bleiben?

von Michael Frömter

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Die beiden großen Kirchen verlieren in den kommenden 40 Jahren etwa die Hälfte der Mitglieder - so lautet eine Prognose von Wissenschaftlern.

Stimmt die Prognose des Forschungszentrums Generationenverträge (FZG) der Universität Freiburg, wird die Zahl der Mitglieder in der Nordkirche in den kommenden 40 Jahren auf 855.000 schrumpfen - von bisher mehr als zwei Millionen. Mit dann noch 42 Prozent der heutigen Mitgliederzahl steht die Nordkirche noch schlechter da, als die Kirchen in Deutschland insgesamt. Zum Vergleich: Im Bundesdurchschnitt sinkt die Zahl der  Kirchenmitglieder bis 2060 laut Prognose auf 51 Prozent des heutigen Niveaus. Bei der Katholischen Kirche sieht die Welt nicht viel besser aus. So rechnen die Wissenschaftler damit, dass sich die Zahl der Mitglieder im Erzbistum Hamburg, zu dem auch Schleswig-Holstein gehört, ebenfalls bis 2060 fast halbieren wird.

Weniger Steuern zwingen Kirchen zu hartem Sparkurs

Mit der Zahl ihrer Mitglieder geht den Kirchen auch ein Großteil der Steuereinnahmen verloren. Zwar werden die Kirchensteuern-Einnahmen der Nordkirche in den kommenden 40 Jahren nach Berechnung der Freiburger Wissenschaftler noch etwas steigen, auf etwa 443 Millionen Euro, doch die Steigerung ist nur nominal, ist nur auf dem Papier zu merken. Bereinigt man sie um die durchschnittliche Inflationsrate, wird das Geld weniger als die Hälfte der heutigen Kaufkraft haben. Weniger Kirchensteuern werden nicht ohne Folgen bleiben: weniger Pastoren, weniger Gemeinden, weniger soziales Engagement.

Jesus Christus als Bronzestatue. © fotolia Foto: zwiebackesser

Da ist eine Kirche - und keiner geht hin?

NDR 1 Welle Nord - Zur Sache -

Die Prognose für die Nordkirche ist alles andere als rosig: Laut einer Studie soll die Mitgliederzahl bis 2060 auf 42 Prozent sinken. Die ganze Zur Sache Sendung zum Nachhören.

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Schon bis 2030 wird die Zahl der Pastoren in der Nordkirche von derzeit 1.700 auf voraussichtlich 1.100 gesenkt, nicht nur wegen der Kosten, sondern auch mangels Nachwuchs. Und dann sind da noch die übrigen rund 20.000 Mitarbeiter der Nordkirche und die 62.500 Mitarbeiter in der Diakonie, deren Gehälter teilweise von der Kirchensteuer abhängen. Wie viele Stellen davon gestrichen werden müssen, lässt sich derzeit nach Kirchenangaben nicht einschätzen. Unklar ist auch noch, wie viele der 1.880 Kirchen und Predigtstellen in der Nordkirche geschlossen werden können. Die Verantwortung dafür liegt bei den Gemeinden und auch bei der Denkmalpflege, denn einige Kirchen sind als Kulturdenkmäler geschützt.

Weniger Kirche - weniger soziale Einrichtungen!?

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Auch kirchliche Kitas erhalten oft Zuschüsse aus Kirchensteuern.

Wenn die Kirchen zu harten Einsparungen greifen müssen, wird das nicht ohne Folgen für die Gesellschaft bleiben, denn: Seit den 70er-Jahren hat sich der Staat Schritt für Schritt von sozialen Aufgaben getrennt. Ob Kitas, Pflegeeinrichtungen, ambulante Pflegedienste, Obdachlosenhilfe, Seelsorge - in all diesen Bereichen sind Kirchen und kirchliche Einrichtungen (Diakonie und Caritas) inzwischen aktiv - und ein Teil der Arbeit wird durch die Kirchensteuern finanziert. Sollten die Kirchen zum Sparen gezwungen sein - und danach sieht es derzeit aus - hätte das auch Folgen für unser Sozialwesen.

Die Kirche: Ort des Glaubens oder Sozialverband?

Die Ursachen für den Rückgang der Kirchenmitglieder sind vielfältig. Sahen Experten bislang den demographischen Wandel  - also Überalterung und Bevölkerungsrückgang - als Hauptgrund, werden sie durch die jüngste Freiburger Studie eines Besseren belehrt. Laut Untersuchung ist lediglich etwa ein Drittel für die prognostizierten Entwicklung auf den demographischen Faktor zurück zu führen. Vielmehr spielen tatsächliche Austritte oder ein verändertes Tauf- und Aufnahmeverhalten eine größere Rolle. Die Gründe dafür sind unklar. Sicherlich spielen gesellschaftliche Entwicklung, Egoismus, Materialismus und die veränderte Arbeitswelt eine große Rolle, sich nicht mehr in der oder für die Kirche zu engagieren. Und auch die Skandale innerhalb der Kirchen taten und tun ein übriges.

Dass diejenigen, die wiederum bewusst in der Kirche bleiben, das allein aus Glaubensgründen tun, ist auch eher eine Vermutung. So zahlen viele Menschen vor allem deshalb freiwillig weiter Kirchensteuer, weil sie die soziale Komponente der Kirchen unterstützen wollen. Der Glaube ist dabei oftmals nachrangig, wie Umfragen ergeben haben. Noch hält sich die Rolle der Kirchen die Waage zwischen Glaubenseinrichtung und Sozialverband. Wie das in Zukunft aussieht, hängt letztlich von den Entscheidungen innerhalb der Kirchen ab.

Ihre Themenvorschläge für die Sendung

Haben Sie eine Idee für "Zur Sache"? Über welche Themen sollten wir diskutieren? Senden Sie uns gerne Ihre Themen aus Schleswig-Holstein an zursache@wellenord.de.

Neue Ideen für das Gemeindeleben

In vielen Orten brauchen die Kirchen offenbar neuen Schwung. Predigten wirken aufgrund ihrer meist pastoralen Sprache verstaubt, Lesungen aus der Bibel rhetorisch bisweilen wie Traueransprachen. Der Gottesdienstbesucher ist zum Zuhören verdammt, Fragen und Anmerkungen dürfen nicht gemacht werden. Doch wie kann Kirche auch im Gottesdienst lebendiger werden, mehr Menschen für sich interessieren? Oder ist die Kirche längst ein alter Hut?

Das Thema in "Zur Sache" am Sonntag, 12. Mai 2019: Gäste im Studio bei Moderatorin Ulrike Drevenstedt waren Erich Faehling aus Preetz, Propst des Kirchenkreises Plön-Segeberg, der Sülfelder Pastor Steffen Paar und Dr. Manuel Franzmann, er ist Religionssoziologe am Pädagogischen Institut der Christian Albrechts Universität in Kiel.

Dieses Thema im Programm:

NDR 1 Welle Nord | Zur Sache | 12.05.2019 | 18:05 Uhr

57:51

Da ist eine Kirche - und keiner geht hin?

Die Prognose für die Nordkirche ist alles andere als rosig: Laut einer Studie soll die Mitgliederzahl bis 2060 auf 42 Prozent sinken. Die ganze Zur Sache Sendung zum Nachhören. Audio (57:51 min)

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