Stand: 06.04.2020 07:14 Uhr

Zur Sache: Altenheime im Corona-Modus

Der Pflegenotstand ist seit Jahren groß, in Zeiten der Corona-Pandemie spitzt sich die Lage weiter zu. Infiziert sich ein Mensch in einem Alten- oder Pflegeheim mit dem Virus, kann das katastrophale Folgen haben - für den Betroffenen, die übrigen Mitbewohner und auch für  das Pflegepersonal. Die Ausbreitung des Virus innerhalb einer Pflegeeinrichtung ist kaum zu verhindern. Die Quarantäne-Möglichkeiten sind begrenzt, für eine Isolation reichen die räumlichen und personellen Ressourcen nicht aus, Schutzausrüstungen für die Mitarbeiter sind seit Wochen Mangelware. An eine Eins-zu-eins-Betreuung, die im Notfall sinnvoll wäre, ist überhaupt nicht zu denken.

Pflegeeinrichtungen haben ein Dilemma

Die Pflegeeinrichtungen in Schleswig-Holstein stehen mit dem Rücken quasi an der Wand, hilf- und ratlos. Noch sind sie verpflichtet, Menschen aufzunehmen, vor allem solche, die pflegebedürftig aus einem Krankenhaus verlegt werden, um die Betten in den Kliniken frei zu machen. Doch selbst wenn Menschen "coronafrei" in ein Heim kommen, ist das keine Garantie, dass das Virus vor der Tür bleibt. Allein beim Personal herrscht weiter ein Kommen und Gehen. Hinzu kommen Lieferanten und Dienstleister wie Reinigungspersonal oder der Wäschedienst - und trotz des Mindestabstands-Gebots von 1,5 Metern bleibt das Risiko einer Ansteckung.

Neuer Erlass des Ministeriums birgt Probleme

Ein neuer Erlass aus dem Gesundheitsministerium stellt die Einrichtungen vor zusätzliche Probleme. Kommt ein Mensch vom Krankenhaus in ein Alten- oder Pflegeheim, muss er zunächst zwei Wochen in Quarantäne. Krankenhäuser hätten jetzt zum Teil das Problem, dass die Pflegeinrichtungen den neuen Erlass nicht umsetzen könnten, sagte der Ärztliche Direktor im städtischen Krankenhaus Kiel, Sebastian Ullrich, in der Sendung Zur Sache auf NDR 1 Welle Nord am Sonntagabend. Annette Langner vom DRK sah das ähnlich. Ihrer Meinung nach könnten eher größere Einrichtungen dem Erlass nachkommen. Kleineren Pflegeheimen fehlten hingegen häufig das speziell geschulte Personal, freie Räume und Schutzausrüstung wie Atemmasken und Handdesinfektionsmittel.

Die Landesregierung hat Besuche in Pflegeeinrichtungen und Krankenhäusern verboten. Ausgenommen vom Betretungsverbot sind nur das Pflege- und medizinische Personal sowie die Menschen, die für die Aufrechterhaltung des Betriebes zwingend erforderlich sind. Lieferanten müssen ihre Waren an einen festen Punkt an die Einrichtung übergeben. Für Angehörige bleiben die Türen geschlossen.

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Erfolg von Verboten völlig offen

Ob das Betretungsverbot letztlich die gewünschte Wirkung hat, ist derzeit kaum absehbar. So gibt es weiterhin zahlreiche denkbare - und noch nicht bekannte Möglichkeiten - wie sich das Virus dennoch bei Bewohnern von Heimen verbreiten kann. Und auch das Personal ist nicht unbedingt besser geschützt: Zwar reduziert sich die Zahl der Kontaktpersonen im Dienst, doch außerhalb der Einrichtungen treffen Pflegerinnen und Pfleger auf ihr privates Umfeld, wo immer noch ein Infektionsrisiko lauert. Umso problematischer ist es, dass das Heimpersonal nicht ausreichend mit Schutzausrüstungen versorgt ist.

Betretungsverbot bedrückt Heimbewohner und Angehörige

Die Angehörigen nicht zu sehen, sie nicht in den Arm nehmen zu können, ist eine ungeheure seelische Belastung für alle Beteiligten. Hilflos steht so mancher Angehörige vor einer Pflegeeinrichtung, um Mutter oder Vater von Weitem zuzuwinken. Dabei fließen auch Tränen - und das wird sich wohl vorerst nicht ändern, solange ältere Menschen und Patienten mit Vorerkrankungen besonders durch Covid-19 gefährdet sind. 

Dieses Thema im Programm:

NDR 1 Welle Nord | Zur Sache | 05.03.2020 | 18:05 Uhr

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