Gesa Retzlaff steht auf einer Bühne und spricht in ein Mikrofon. © NDR Foto: Lornz Lorenzen

Zu Lage der niederdeutschen Bühnen in Schleswig-Holstein

Stand: 05.01.2021 18:00 Uhr

Das niederdeutsche Theater ist eine der wichtigsten Säulen der niederdeutschen Kultur. Doch wie geht es nun weiter? NDR Redakteur Lornz Lorenzen hat mit der Bühnenbundvorsitzenden Gesa Retzlaff gesprochen.

von Lornz Lorenzen

Der NDR hat in den vergangenen Wochen und Monaten immer wieder darüber berichtet, wie sehr auch die niederdeutschen Bühnen im Land von der Wucht des Coronavirus getroffen worden sind. Aber zuvor noch einmal einen Schritt zurück, um überhaupt einen Eindruck davon zu bekommen, welche Bedeutung das niederdeutsche Theater bei uns im Norden eigentlich hat.

Gesa Retzlaff steht an einem Stehtisch, auf dem ein Blatt Papier und ein Strauß mit roten Blumen liegt. © Gesa Retzlaff Foto: Gesa Retzlaff
Die Vorsitzende des niederdeutschen Bühnenbundes SH (NDBB SH), Gesa Retzlaff.

Nicht von ungefähr wurde es bereits vor sechs Jahren von der deutschen UNESCO-Kommission in das bundesweite Verzeichnis des immateriellen Kulturerbes aufgenommen. So existieren im Norden nach Angaben der UNESCO-Kommission mehr als 4.000 Spielgruppen verschiedener Größe. In Schleswig-Holstein haben sich 16 der größeren Bühnen, darunter zum Beispiel Flensburg, Kiel, Lübeck und Neumünster, zum niederdeutschen Bühnenbund SH (NDBB SH) zusammen geschlossen.

Jetzt hat die Vorsitzende des NDBB SH, Gesa Retzlaff, ein Meinungsbild erstellt und zieht Bilanz.

"Ik will unse Situatschoon mal mit en Bild beschrieven: Wi sünd in de Nedderdüütsche Bühnenbund en grote Familie över ganz SH verdeelt, de mit en bunte Fuhrpark ünnerwegens is plattdüütsche Theater ünner de Lüüd to bringen. In de letzten Johren hebben wi dormit in’n Snitt umbi 100.000 Tokiekers faatkregen. Vunjohr kamen wi nich mal op 20 Dusend un de weren meist all al in de Januar un Februar bi uns."

20.000 statt 100.000 Theaterbesucher

Normalerweise herrscht gerade in der Adventszeit Hochbetrieb an den niederdeutschen Bühnen im Land und hunderte von Ehrenamtlichen hätten normalerweise an der Kasse sitzen, Karten abreißen, auf der Bühne stehen oder mit jungen Nachwuchsschauspielerinnen und Schauspieler plattdeutsche Texte üben sollen. Gesa Retzlaff vergleicht die Bühnen mit einem Fuhrpark größerer und kleinerer Fahrzeuge:

"In unse Runn sünd welke Bühnen mit Sprinters ünnerwegens, annern mit 20-Tunners. Dat wirkt sik op de Betriebskosten un bi en Vullbremsung, as in de März, natürlich op de Bremsweg un de Ladung ut. Mehrere Bühnen harrn Anfang März al Produkschonen komplett utpackt, stunnen direkt oder bald vör Premieren, de se denn sotoseggen vun de Ladefläche schaten sünd. De meisten Stücken dorvun sünd nu eerstmal wedder inlagert, solang, bet de Rahmenbedingungen dat Ruthalen wedder lohnen."

Unsichere Aussichten

Inzwischen wurden an den Mitgliedsbühne Spielpläne umgeschrieben und geschoben, Stücke mit weniger Schauspielern eingeplant, Stücke mit großem Ensemble auf die Spielzeit 2021/22 gesetzt. Man kann sich leicht vorstellen, das dieses ständige "Anfahren" und "Bremsen" die beteiligten Akteurinnen und Akteure zermürbt, zumal mehrere Bühnen 2020 eigentlich freudige Jubiläen zu feiern gehabt hätten.

Gesa Retzlaff: "To drucken waagt totiets keen Bühn recht wat, toveel Papeer is al för de Tunn produzeert worrn. Besunners weh daan hett un deit unse Bühnen in Lübeck, Flensborg un Kiel, dat se jemehr 100-johrige Jubiläen nich so fiern kunnen oder könen, as wat se sik dat vörnahmen harrn. Aver ok hier gellt, as in manch private Familie ok: Opschaven, nich Ophaven! Itzehoe harr dat Glück, dat se ehr Fierlichkeiten op Ende Oktober leggt harrn un dat kunn denn to jemehr Freud -in’n wohrsten Sinn vun’t Woort - över de Bühne gahn."

Ein Mann filmt zwei Schauspieler auf einer Bühne.  Foto: Lina Bande
Videokamera statt Premiere: Während Corona ist auch bei der Niederdeutschen Bühne in Kiel viel Kreativität gefragt.
Kreativ in der Krise

Wie in anderen Bereichen der Kultur, ist auch an den Niederdeutschen Bühnen in Schleswig-Holstein eine große Kreativität feststellbar, wenn es darum geht mit der Krise umzugehen.

Gesa Retzlaff: "Bühnen sünd in’t Internet aktiv mit Vörlesen, mit lütte Filme un de Preetzer hebben vunjohr sogor jemehr Wiehnachtsmärchen statts op de Bühn vör de Filmkamera hatt, dat sik dat jedereen in’t Nett ankieken kann. Dor warrt nadacht över Podcasts, Hörspele, Anbotten an de frische Luft in de Summertiet, wi beholen de Theaterdaag in Molfsee op unse Plaan un dor warrt wiss noch dat een oder anner mehr Niege angahn!"

Die Vorsitzende des Niederdeutschen Bühnenbundes, selbst auch Schauspielerin an der NDB Flensburg, gibt sich am Ende kämpferisch. Sie dankt den vielen hundert Helfenden des Bühnenbundes und betont, wie sehr ihr das Publikum fehlt.

„Dat Opschuven in Happens un denn doch nich to Slags kamen kost wesentlich mehr Knööf, as en Speelbedriev bet to’n Anslag. De entscheden Ünnerscheed maakt, wat torüchkummt: de Reakschoon vun unse Publikum! Velen Dank an düsse Steed an all Lüüd un ok Institutschonen, de jemehr Bühnen in düsse Tiet stütten. Blievt Se dorbi! Unse grote Wünschen för 2021 is, dat wi uns weddersehen un dat wedder wat geiht för jem un uns."

Wollen wir hoffen, das bald wieder etwas geht. Schleswig-Holsteins niederdeutsche Bühnen werden dann bestimmt mit zu den ersten gehören, die "abliefern".

Dieses Thema im Programm:

NDR 1 Welle Nord | Moin! Schleswig-Holstein – Von Binnenland und Waterkant | 04.01.2021 | 20:20 Uhr

Leute im Gespräch (Montage) © Fotolia.com Foto: Kevin Woodrow, drubig-photo

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