Stand: 22.09.2022 10:40 Uhr

Kolumne: Hör mal 'n beten to "Vadders lütt Gedicht"

"Hör mal 'n beten to"-Autor Ralf Spreckels. © NDR Foto: Lornz Lorenzen
"Hör mal 'n beten to"-Autor Ralf Spreckels.

Ralf Spreckels erinnert sich an ein Ringelnatz-Gedicht, das sein Vater ihm, als er Kind war, immer wieder vorgelesen hat.

"Hör mal 'n beten to"-Autor Ralf Spreckels steht lächelnd an der Kieler Förde. © NDR Foto: Lornz Lorenzen
AUDIO: Vadders lütt Gedicht (2 Min)

"Vadders lütt Gedicht"

Vun Ringelnatz gifft dat en Gedicht, dat mien Vadder mi maal vörleest hett. Un dat ik al as Jung wunnerbor fünn. Un eerst an't Enn vun den lütt Riemel is mi opgohn, worüm Vadder, de ölben Johr op See wesst is, sien Söhn sowat vörlesen dä. Geiht üm dat Lengen na Reisen, Feernweh. Dat Verlangen harr ik ok. Heff ik hüüt noch. Bloots domools kunn ik dat noch nich ümsetten. Keen Geld, to jung. Weer sotoseggen in mien Dörp fastwussen.

In dat Gedicht ward ene arme Plant beschreven, en Suerblatt, op hochdüütsch "ein Sauerampfer", de op'n Bahndamm twischen de Swellen wasst, dor nich wegkann un ümmer bloots de Töög kamen un gohn süht. Un kene Schangs hett, mit so'ne Iesenbohn maal mittoföhrn. Fastwussen even!

Dat arme Kruut

Dütt wehmödig Gedicht hett mi mien Leven lang nich loslaten. Heff mi ümmer vörstellt, woans dat arme Kruut vun den Fohrtwind hochreten ward un stramm steiht, wenn en Toog vörbisust. Larm in de Ohren, Qualm un Stoff in de Ogen. Un villicht an de Minschen denkt, de in de Wagens op kommodige Sesel sitt, fein ut' Fenster kieken köönt un dat beter hebbt as so'n Suurblatt, dat faste Wöddeln hett un nich reisen kann. 

Jo, in de Gedanken vun dat arme Kruut dor op'n Bohndamm kunn ik mi so schöön rinversetten. Hett mi Leed doon. Den gröttsten Indruck hebbt de letzten Wöör vun den Riemel op mi maakt. Ik segg se maal mit miene Wöör op Platt: Dat Suuerblatt arm un kleen, süht ümmer bloots een Iesenbohn, hett nie een Damper sehn.

Jo, dor wüss ik, worüm Vadder mi dat vörleest hett.

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Die plattdeutsche Morgenplauderei "Hör mal 'n beten to" gehört seit mehr als 60 Jahren zum Alltag in Norddeutschland. Hier werden die Wunderlichkeiten des Alltags betrachtet. So klingt es, wenn wir Norddeutschen uns selbst auf die Schippe nehmen - liebevoll bis spöttisch, selten mit dem Finger in schmerzenden Wunden, aber immer an Stellen, an denen wir kitzelig sind. Im Radio: werktags um 10.40 Uhr auf NDR 1 Welle Nord, um 10.40 Uhr auf NDR 90,3 und um 11.50 Uhr auf NDR 1 Niedersachsen.

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Junge Frau flüstert einem Mann etwas ins Ohr. © Fotolia.com Foto: olly

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Dieses Thema im Programm:

NDR 1 Welle Nord | Hör mal 'n beten to | 22.09.2022 | 10:40 Uhr

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