Stand: 09.05.2020 17:25 Uhr

Knochenreste erzählen die Geschichte Haithabus

Unter dem Dach einer der gelben Stallgebäude auf der Gottorfer Schlossinsel ist das Reich der Archäozoologie. Seit 1966 werten hier das Institut für Haustierkunde der Christian-Albrechts-Universität (heute das Zoologische Institut) und die Archäologen des Landesmuseums zusammen Knochenfunde aus. Aus den Abfallgruben, etwa der Wikinger, lässt sich viel mehr ablesen als vom Speiseplan in Haithabu. Wir sind zu Dr. Ulrich Schmölcke unters Dach gestiegen und haben uns erklären lassen, wie Archäozoologen arbeiten.

Ein paar Platten liegen auf Böcken, darauf Kisten mit Knochen. Rot gelochte, stehende Blechplatten, an denen komplette Skelette von Rindern, Schweinen, Schafe, Knochen für Knochen, befestigt sind. Das ist das Reich von Ulrich Schmölcke und seinen Kollegen. Der 48-jährige Biologe leitet die Archäozoologie. Was er macht, ist seiner Ansicht nach schnell erklärt. Stoßen die Archäologen beim Graben auf Knochen, sammeln sie die ein und bringen sie auf den Dachboden. Selbst aus kleinsten Resten lässt sich dann im Vergleich mit den Skeletten auf den Tafeln bestimmen, ob das Stück zu einem Schwein, Rind oder Schaf gehört. Die Vergleichsknochen stammen aus dem Heute. Kein Problem für die Arbeit, sagt Schmölcke. In 100.000 Jahren hat sich der Knochenbau von Tieren nicht verändert. So werden Schweineknochen aus Haithabu durch den Vergleich mit heutigen Hausschweinen erkannt.

Knochen erzählen vom Leben

Das erste, was die Archäologen von den Kollegen unterm Dach bekommen, ist eine Artenliste. Bei einer Grabung beispielsweise werden Knochen von Schafen, Schweinen, Rindern, aber auch von Rehen und einem Otter gefunden. Damit ist klar: Es gab Haustiere und es wurde gejagt. Wichtig ist nun der Zustand der Funde. Sind die Knochen ganz, gehören die Funde in eine Zeit mit reichlichem Fleischangebot. Sind sie dagegen in kleine Stücke zerschlagen, weist das darauf hin, dass die Knochen noch mal ausgekocht wurden, um auch das Letzte an Nährwert aus ihnen herauszuholen. Damit ist klar, der Tisch war nicht reich gedeckt, es mussten alle Ressourcen genutzt werden. Über die Essgewohnheiten können die Archäologen so Einblick in das Leben zur Zeit der Wikinger in der Steinzeit oder im Mittelalter bekommen.

Tiere formen Landschaftsbilder

Die Skelette der Tiere haben sich seit der Steinzeit nicht geändert. Auch natürliche Verhaltensmuster der Tiere sind dieselben. Ein Otterpaar braucht etwa 20 Kilometer intakten Wasserlauf, Schweine essen Eicheln. Finden die Archäologen also in Haithabu Knochen von Schweinen und Ottern, wissen sie, es gab Wasserläufe und Eichenwald. Wenn Schweine und Rinder in den Wald getrieben werden, lichtet sich der Wald - es entsteht ein parkähnlicher Hudewald. Über die Knochenfunde kann so ziemlich genau eine historische Landschaft rekonstruiert werden. Es entstehen dadurch Bilder, die über Zeitverläufe zeigen, wie sich das natürliche Umfeld der Menschen bei uns entwickelt und verändert hat.

Dr. Ulrich Schmölcke, Chef der Archäozoologen, lächelt in die Kamera. © NDR Foto: Werner Junge

AUDIO: Schleswig-Holstein Schnack: Dr. Ulrich Schmölcke (11 Min)

Haustiere waren kleiner

Unter dem Dachboden in Gottorf steht das imposante weiße Skelett eines Angelitter Sattelschweins. Daneben, klein und dunkel - also historisch - ein Schweineskelett aus dem Mittelalter. Es ist kein Ferkel, sondern auch ausgewachsen, wie sich am Gebiss erkennen lässt. Ulrich Schmölcke hat die beiden nicht zufällig nebeneinander gestellt. Das heutige und das Mittelalterschwein weisen darauf hin, dass Haustiere bei uns bis in die Neuzeit auffällig kleiner waren als heute. Der Grund dafür sei einfach, erklärt der Archäozoologe. In Haithabu lebten Schwein und Rind im Wortsinn als "Haustiere" mit den Menschen unter einem Dach. Da wurden allein aus Gründen der Sicherheit dann bewusst kleinere Tiere gehalten. Die Rinder im Römischen Reich waren zur selben Zeit so groß wie unsere Zuchtrinder heute. Anders als im Norden hielten die Römer ihre Nutztieren schon in separaten Stallgebäuden.

Neue Aufgaben und neue Techniken

Bis 2008 arbeiteten die Archäozoologen auf Gottorf vor allem für alles, was in Schleswig-Holstein gefunden und gesichert wurde. Das änderte sich, als das Zentrum für Baltische und Skandinavische Archäologie (ZBSA) entstand. Heute werden Projekte und Funde aus dem gesamten Nord- und Ostseeraum auch in Schleswig bearbeitet. Dank neuer Techniken sind die Gottorfer nun auch in der Lage, in die Knochen zu schauen. So kann inzwischen durch die Analyse sogenannter "stabiler Isotope" in der Knochensubstanz ziemlich genau ermittelt werden, wie der Speiseplan von Mensch und Tieren ausgesehen hat. Ein Ergebnis: In der Steinzeit haben sich die Menschen erstaunlich vielseitig und ausgewogen mit Pflanzen, Fisch und Fleisch ernährt.

Die Pullover der Wikinger

Die Frage, ob die Wikinger Pullover oder Filzhüte hatten, hat die Archäozoologen in den vergangenen Jahren im Rahmen eines großen europäischen Projektes beschäftigt. Bekannt war: Wikinger hatten Schafe. Unbekannt, ob die auch schon Wolle hatten. Schafe mit Wollvlies stammen aus dem Mittelmeerraum. Im Norden sah das Fell lange eher aus wie das eines Rauhhaardackels. Wie und wann sind die Wollschafe im Norden angekommen, war die Frage. Die Antwort steckt in der DNA von Schafknochen. Die Forscher können heute ermitteln, ob in Funden das Woll-Gen enthalten ist. Ulrich Schmölcke kann deshalb inzwischen versichern: Die Wikinger hatten Wolle und damit sicher Filz und vielleicht auch Pullover.

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Dieses Thema im Programm:

NDR 1 Welle Nord | Von Binnenland und Waterkant | 12.05.2020 | 21:05 Uhr

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