Neubrandenburg kämpft gegen das Veröden der Innenstadt

Stand: 05.11.2020 09:21 Uhr

Neubrandenburg stemmt sich gegen das allmähliche Veröden der Innenstädte in Zeiten des Online-Handels. Erst im Oktober hatte die Galeria-Kaufhof-Filiale in der Vier-Tore-Stadt für immer geschlossen.

von Thomas Köhler

Mit 50.000 Insolvenzen rechnet der deutsche Einzelhandelsverband in Folge der Corona-Krise. Hingegen könnte der Online-Händler Amazon in diesem Jahr mit einem guten Weihnachtsgeschäft erstmals die Schallmauer von mehr als 100 Milliarden Dollar Umsatz knacken. Einzelhändler und Städte in Mecklenburg-Vorpommern wollen aber gegen das Sterben der Ladenlokale ankämpfen - so auch Neubrandenburg, wo im Oktober erst eine Galeria-Kaufhof-Filiale geschlossen wurde.

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Kaufhof schließt: "Ein trauriger Tag"

"Tagestouristen sind ein nicht zu unterschätzendes Potenzial", gewinnt Neubrandenburgs Oberbürgermeister Silvio Witt (parteilos) der Corona-Pandemie eine wichtige Erkenntnis ab. "Wir haben in diesem Sommer so viele Caravan-Touristen in der Stadt gehabt wie nie zuvor", sagt er. Dem steht entgegen, dass am 17. Oktober das einzige Warenhaus der Stadt, der Kaufhof, geschlossen wurde. Nicht nur von Kunden wurde dies als "sehr trauriger Tag in der Stadtgeschíchte" wahrgenommen.

Das empfand auch Hochschullehrer Roman Oppermann so: "Ich habe dort Bratpfannen gekauft, Hosen, T-Shirts. Ich bin eigentlich ein Warenhaus-Fan." Als Vertreter der SPD im Präsidium der Stadtvertretung erwartet er, dass spätestens in einem Jahr wieder Leben in das leer gezogene Haus einzieht, das den Marktplatz mit dem Boulevard verbindet. Und der Oberbürgermeister macht ihm Hoffnung, dass das gelingen könnte: "Der Vermieter (ein Hamburger Unternehmer; Anm. d.Red.) steht in regen Verhandlungen. Die Zeichen sehen sehr positiv aus."

Die wohl einzige Kaufhof-Filiale ohne eigene Rolltreppe 

Für viele Neubrandenburger kommt die Schließung des Kaufhofes nicht so überraschend, dass sie aus allen Wolken fielen. Denn in den vergangenen Jahren war kaum noch in das Haus investiert worden. Es dürfte die einzige Filiale von Galeria Karstadt Kaufhof in Deutschland gewesen sein, die keine Rolltreppe besaß. Die drei Geschosse waren nur über die 1960 gebauten Treppenaufgänge und Fahrstühle jüngeren Datums erreichbar.

Zu wenig Geld im Portmonee

Die Schließung kam nur schneller als befürchtet. Während der Corona-Krise im Frühjahr meldete die Warenhauskette Insolvenz an und schloss mehr als 50 ihrer Häuser in Deutschland, am 17. Oktober die in Neubrandenburg. In einer Stellungnahme des Konzerns war von fehlender Kaufkraft in der Region um Neubrandenburg die Rede. Mit gut 20.000 Euro pro Person (20.093 Euro/Prognose 2020 der Gesellschaft für Konsumforschung) und Jahr liegt diese in Mecklenburg-Vorpommern so tief wie in keinem anderen Bundesland (zum Vergleich: in Bayern sind es rund 26.000 Euro).

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Corona als I-Tüpfelchen

Und in Städten wie Anklam (18.822), Wolgast (18.243), Pasewalk (18.350) und Demmin (19.027), die alle zum rund 400.000 Einwohner zählenden Versorgungsgebiet des Neubrandenburger Einzelhandels zählen, liegen diese Werte noch einmal weit unter dem Landesdurchschnitt. "Corona war letztendlich nur noch der Punkt auf das I für den Schlussstrich des Kaufhauses", bilanziert deshalb auch City-Manager Michael Schröder, der plötzlich mit so vielen Medienanfragen konfrontiert wurde wie nie zuvor.

Europa blickt nach Neubrandenburg

Nicht nur ZDF und DLF berichteten, auch die französische "Le Monde" schickte einen Reporter aus Paris. Wie rettet Neubrandenburg seine Innenstadt, war das zentrale Thema der Berichterstattung. Dass Neubrandenburg dabei sehr viel besser wegkommt als viele andere Städte, das wundert den Oberbürgermeister nicht. Hatte er selbst erst kürzlich im Deutschen Städte- und Gemeindetag, zu dessen Vorstand er gehört, die Vorzüge des Handels in der Vier-Tore-Stadt angepriesen. Dieser stehe vor allem auf drei Säulen: Dass die meisten Immobilien die stadteigene Wohnungsgesellschaft Neuwoges besitzt, dass die einzelnen Händler sich zu einer Werbegemeinschaft zusammen geschlossen und der Prämisse, dass Innenstädte zu attraktiven Erlebnisräumen werden müssen.

"Daran müssen wir arbeiten"

"Daran müssen wir arbeiten", sagt Schröder. Es gebe viel Kultur in der Innenstadt: Konzertkirche, Schauspielhaus, Haus der Kultur und Bildung, Kunstsammlung, Regionalmuseum, Wiekhäuser. Was ihm aber Bauchschmerzen bereite, sei die Gastronomie. Es gebe eigentlich reichlich, aber sehr zerstückelt und teilweise auch altbacken: "Außengastronomie wird immer wichtiger. Und da reicht es nicht: ein Tisch, vier Stühle und darüber ein Schirm. Da müssen wir uns was Neues einfallen lassen:" Schröder glaubt den Experten-Prognosen, dass die Menschen in Zukunft nicht primär in ein Gasthaus einkehren, weil dort das Stück Fleisch besonders gut schmeckt, sondern dass sie dorthin gehen werden, wo sie etwas Besonderes erleben können.

OB Witt: Keine Denkverbote  

Und das treffe unisono auf Einheimische und Touristen zu. Deshalb plädiert auch Schröder für mehr und bessere Tourismus-Angebote. Die Stadtvertreter diskutieren derzeit über einen neuen Campingplatz am Tollensesee. Und Oberbürgermeister Witt schließt nicht aus, dass eines Tages auch wieder ein Hotel am See stehen wird. "Man sollte sich keine Denkverbote auferlegen." Der Abriss des Kurhotels Augustabad 2006 war ein ähnlich trauriger Tag der Stadtgeschichte wie die Schließung des Kaufhofs. Beide Häuser waren Unikate.

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