Stand: 21.10.2017 10:00 Uhr

#metoo: Frauen prangern sexuelle Belästigung an

von Simone Horst
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Unter dem Hashtag #metoo beschreiben Frauen ihre Erfahrungen mit sexueller Belästigung.

"Fünf Männer und ich, zwischen Rolltreppen und U-Bahnsteig. Einer greift mir im Vorübergehen an den Hintern. Sie lachen. Ich schweige." Das schreibt Hannah aus Kiel auf ihrem Facebook-Profil. Die 28-Jährige ist eine von Hunderttausenden Frauen weltweit, die in den letzten Tagen unter dem Hashtag #metoo von ihren Erfahrungen mit sexuellen Übergriffen berichteten.

Die US-Schauspielerin Alyssa Milano hatte nach Bekanntwerden der Belästigungvorwürfe gegen den Hollywood-Produzenten Harvey Weinstein zu dieser Aktion auf Twitter aufgerufen: "Wenn ihr einmal sexuell belästigt oder angegriffen wurdet, schreibt 'me too' (deutsch: 'ich auch') unter diesen Tweet", appellierte die 44-Jährige an Betroffene. "Vielleicht können wir so den Menschen das Ausmaß des Problems klar machen", schrieb sie weiter.

Vielen Männern ist es nicht bewusst

Milanos Beitrag wurde zehntausendfach geteilt und kommentiert. Die meisten Kommentare stammen von Frauen, die von ihren Erlebnissen mit sexueller Belästigung berichten. In anderen sozialen Netzwerken wie Instagram und Facebook mehren sich ebenfalls die Einträge unter dem Hashtag #metoo. "Ich glaube vielen Männern ist gar nicht bewusst, wie oft das passiert", berichtet Hannah im Gespräch mit NDR.de. Mit ihrem #metoo-Post will sie vor allem ihre männlichen Facebook-Freunde darauf aufmerksam machen, dass solche Erfahrungen zum Alltag gehören. In ihrem Facebook-Eintrag schreibt die Studentin: "Busfahrten, auf denen mich die Hand des Nebensitzers nie ganz offensichtlich berührt, sondern immer nur ganz zufällig. Diese Hand, die nie still hält und von 'unabsichtlicher Bewegung' zu 'unabsichtlicher Bewegung' immer näher rückt." Sie denkt, dass dort oft auch Grenzen ausgetestet werden: "Jeder Frau ist so etwas schon einmal passiert." Zumindest bei ihren Facebook-Freunden scheint ihre Geschichte Gehör zu finden. Ein Freund kommentiert: "Als Mann verschlägt es mir die Sprache."

Skandal: Sexueller Missbrauch in Hollywood

Alyssa Milanos Tweet, der den Hashtag #metoo startete, ist eine Reaktion auf die Vorwürfe gegen den Hollywood-Produzenten Harvey Weinstein. Mehrere Schauspielerinnen, darunter Stars wie Angelina Jolie und Gwyneth Paltrow, hatten in den letzten Tagen berichtet, dass Weinstein sie zu Beginn ihrer Karriere sexuell belästigt hatte. Mehr Informationen dazu finden sie bei tagesschau.de.

"Der ist halt ein lockerer Typ"

Viele Frauen berichten unter dem Hashtag von Übergriffen auf der Straße, in Bussen oder Bahnen. Doch auch im privaten oder beruflichen Umfeld sind Frauen nicht vor sexuellen Angriffen geschützt. Katha aus Hamburg erzählt NDR.de von ihren Erlebnissen, die sich alle am Arbeitsplatz abspielen. Auf Twitter beschreibt sie unter ihrem Account "KathasStrophe" einen Vorfall, bei dem sie sich bei ihrem Arbeitgeber über ihren Teamleiter beschwerte. Als Antwort hörte sie damals nur: "Der ist halt ein lockerer Typ."

Besagter Vorgesetzter hatte die heute 38-Jährige monatelang bedrängt. "Alles fing mit einer E-mail an, in der er schrieb: 'Herzlichen Glückwunsch zum besten Outfit des Tages'", erinnert sich Katha. "Dabei hatte ich gar nichts Aufreizendes an. Einen mittellangen Rock und einen Pullover, der bis oben geschlossen war." Es ging damit weiter, dass der Teamleiter sie zum Essen ausführen wollte und jedes Mal in der kleinen Büroküche auftauchte, wenn Katha sich dort aufhielt. "Man musste sich da immer aneinander vorbeidrängen, weil es so eng war. Ich habe mir dann nichts mehr in der Küche geholt." Bei einem Meeting landete seine Hand auf ihrem Knie und vor einer Gehaltsverhandlung mit der Geschäftsführung gab er ihr den Hinweis, sie solle einfach ihre "Titten rausholen". "Darauf angesprochen tat er natürlich alles mit einem Lachen ab. Es wäre ja nur ein Scherz", erzählt Katha.

Nach einiger Zeit beschwerte sich die Agenturmitarbeiterin bei ihrem Arbeitgeber und erhielt die Antwort, die sie auch in ihrem Tweet erwähnt: "Der ist halt ein lockerer Typ." "Das ist so extrem bei mir hängen geblieben, denn obwohl ich mich getraut habe etwas zu sagen, wurde ich nicht ernst genommen."

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Und dies war nicht Kathas erste Begegnung mit sexueller Belästigung am Arbeitsplatz. Ähnliches passierte ihr bei ihrer ersten Stelle in einer Werbeagentur. Sie war damals Anfang 20. "Auf der Weihnachtsfeier wartete ich auf einen Kollegen, um mit ihm ins Hotel zurückzufahren", erinnert sie sich. "Mein sehr angetrunkener Chef kam und lehnte sich über mich an die Wand." Dann habe er in drastischen Worten geschildert, wie früher auf diesen Feiern die Menschen noch Sex hatten und es im Aufzug trieben. Katha wollte nur noch weg. Sie nahm einen Bus zurück ins Hotel. Im Bus bemerkte sie erst, dass ihr der Chef gefolgt war. Im Hotel fuhren sie gemeinsam Aufzug. "Er hat dann alle Knöpfe gedrückt und meinte: 'Da haben wir ja jetzt etwas Zeit'." Katha drückte den Knopf, der die Tür wieder öffnete und rannte in ihr Hotelzimmer. "Er hat dann noch vor der Tür gestanden und mich angebrüllt, dass ich mich nicht so anstellen solle."

Heute würde sie mit solchen Situationen anders umgehen. "Letztens war ich mit meiner sechsjährigen Tochter unterwegs und eine Gruppe Männer warf uns Küsse hinterher. Ich habe sie dann angeschrien und meiner Tochter erklärt, dass dieses Verhalten nicht in Ordnung ist. Aber mit Anfang 20 konnte ich damit noch nicht so umgehen."

#metoo kann auf das Problem aufmerksam machen

Katha beteiligt sich an der #metoo-Aktion, um vor allem jungen Frauen Mut zu machen. "Es ist nicht normal, dass man so eine Antwort bekommt wie ich damals. Weil die Geschäftsleitung mich nicht ernst genommen hat, habe ich lange den Fehler bei mir gesucht. Ich habe sogar wegen eines Chefs, der mich auch immer wieder auf mein Aussehen ansprach, lange keine Röcke und Kleider mehr zur Arbeit getragen."

Mit ihrem Tweet will Katha jungen Frauen zeigen, dass sie nicht alleine sind mit ihren Erlebnissen und sich so etwas nicht gefallen lassen müssen. "Das Gute an dem #metoo Hashtag ist, dass diese Geschichten zeigen, dass es jeden treffen kann. Er zeigt, wie alltäglich solche Situationen sind. Vielleicht kann er wirklich etwas bewegen, weil sich jeder damit identifizieren kann."

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NDR Info | 19.10.2017 | 16:50 Uhr

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