Stand: 27.03.2018 12:03 Uhr

Jacinda Ardern: "Mit klarer Vision positiv nach vorne schauen"

Jacinda Ardern ist Neuseelands politischer Shootingstar. Erst zwei Monate vor der Wahl wurde die 37-Jährige 2017 zur Spitzenkandidatin der sozialdemokratisch geprägten Labour Party in Neuseeland und führte sie aus dem Umfragetief in die Regierung. Im Sommer erwartet die derzeit weltweit jüngste Premierministerin der Welt ganz "nebenbei" ihr erstes Kind. Jacinda Ardern wird damit nach der pakistanischen Premierministerin Benazir Bhutto erst die zweite Regierungschefin sein, die während ihrer Amtszeit ein Kind bekommt. Im Interview mit ARD-Korrespondentin Sandra Ratzow spricht sie über Politik und Persönliches.

Jacinda Ardern

"Mit klarer Vision positiv nach vorne schauen"

Ob Naturschutz, der Kampf gegen Kinderarmut oder erschwingliche Wohnungen: Neuseelands Premierministerin Jacinda Ardern bringt frischen Wind auf's politische Tableau.

5 bei 1 Bewertungen

Mit von 5 Sternen

bewerten

Vielen Dank.

schließen

Sie haben bereits abgestimmt.

schließen

Sandra Ratzow: Zunächst möchte ich Ihnen gratulieren. Seit Monaten machen Sie Schlagzeilen: Sie sind einerseits die weltweit jüngste amtierende Regierungschefin, und Sie haben angekündigt, dass Sie ein Baby erwarten.

Jacinda Ardern: Ja, ich bin mir sehr bewusst, dass eine Frau in einer politischen Führungsrolle immer noch etwas Ungewöhnliches ist, noch dazu in meinem Alter.

Ratzow: Sie haben schnell versucht, die Menschen zu beruhigen und ihnen zu versichern, dass Sie beides stemmen können - ein Kind zu bekommen, während Sie Premierministerin sind. Verspürten Sie Druck, dies zu tun?

Ardern: Wissen Sie, mir war bewusst, wie früh in meiner Amtszeit ich schwanger wurde. Unsere Regierung steht seit gerade 100 Tagen, und mir war sehr klar, dass einige Menschen denken würden, wir seien vielleicht noch nicht etabliert genug. Natürlich nicht alle, viele begrüßten die Neuigkeit und sahen keinerlei Nachteile. Aber ich wusste, dass es eine Gruppe von Menschen geben würde, die die Bestätigung wollten, dass ich meine Aufgabe und meine Verantwortung trotzdem sehr erst nehme werde.

Ratzow: Aber was sagt es über unsere Welt aus, dass Frauen im Jahr 2018 immer noch beteuern müssen, sie könnten ihre Führungsposition und die Rolle als Mutter miteinander vereinbaren?

Ardern: Es bedeutet wohl, dass noch einiges an Arbeit vor uns liegt.

Ratzow: Sie haben quasi im Laufe von zwei Monaten die Wahl gedreht. Wie haben Sie das gemacht?

Bild vergrößern
Als Vorsitzende der neuseeländischen Labour Partei hat Jacinda Ardern viele Wähler für die Partei zurückgewinnen können.

Ardern: Ich denke, es war uns während des Wahlkampfes ziemlich klar, dass die Menschen etwas Neues wollten. Es war zu spüren, dass der Stolz auf das, was uns als Neuseeländer ausmacht, während der neun Jahre unter der Vorgängerregierung erloschen war. Und wir versuchten, diese Stimmung für uns zu nutzen. Natürlich ist jedes Land einzigartig, und ich kann nicht behaupten, dass dieses Rezept überall funktioniert. Aber als ich antrat, verschaffte uns dies einen frischen Start, wie es oft der Fall ist, wenn es einen Führungswechsel gibt. Und ich entschied, dass wir, anstatt uns nur darauf zu konzentrieren, was alles falsch gelaufen sei, positiv nach vorne schauen müssen, mit einer wirklich klaren Vision, wie wir die Dinge ändern und wir es schaffen können, wieder Stolz auf all das zu sein, was uns wichtig ist - und das umfasst ganz Grundlegendes: Wohnungen, die Umwelt, das Wohlergehen unserer Kinder. Und das sprach die Menschen an und ist hoffentlich das, was uns im Endeffekt tatsächlich zum Wahlerfolg verholfen hat.

Ratzow: Haben Sie einen Rat für die Sozialdemokraten in Deutschland?

Ardern: Nun, es kommt darauf an, eine Möglichkeit zu finden, die Vision der im Kern progressiven und optimistischen Sozialdemokratie zu vermitteln: dass unsere Zukunft besser sein kann.

Ratzow: Sie sagten letztes Jahr in einem Interview, dass Sie Angst hätten, Fehler zu machen. Viele Politiker würden das als politischen Selbstmord betrachten. Warum sind Sie dieses Risiko eingegangen?

Ardern: Ich glaube, ich bin schon immer sehr offen mit menschlichen Schwächen in der Politik umgegangen. Politiker meinen oftmals, sich als unfehlbar darstellen zu müssen, was dazu führt, dass die Menschen sich nicht mehr mit einem identifizieren, und das ist ein Problem. Anstatt einfach zuzugeben, dass man einen Fehler gemacht hat, versuchen wir irgendwie, das wegzuerklären und uns herauszuwinden. Aber ich glaube, dass wir - auf jeden Fall in Neuseeland - ziemlich nachsichtige Menschen sind. Wir wollen einfach Ehrlichkeit. Wir wollen Glaubwürdigkeit. Wir wollen, dass Menschen sie selbst sind. In gewisser Weise frage ich mich, wie viel Zufall im Spiel war, dass ich jetzt hier sitze, denn ich hatte nie das Ziel, eines Tages Premierministerin zu werden. Deshalb verspürte ich auch nie diesen Druck, mich entsprechend profilieren zu müssen. Ich war immer nur ich selbst. Und darum ging ich offen damit um, dass man sich in einem solchen Job tatsächlich Sorgen darüber macht, die richtigen Entscheidungen zu fällen. Ich glaube, dass ginge jedem so. Und ich war nur diejenige, die darüber gesprochen hat.

Ratzow: Viele Politiker nutzen heutzutage natürlich soziale Medien, aber von Ihnen habe ich geradezu private, intime, Videos gesehen, die Sie öffentlich teilen.

Bild vergrößern
Jacinda Ardern öffnet für Videos in den sozialen Netzwerken häufig ihr Zuhause. Bilder mit ihrem Lebensgefährten Clarke Gayford sind jedoch selten.

Ardern: Sie meinen, dass ich sie zu Hause aufnehme? Ja, das tue ich. Das ist zum einen schlicht praktisch. Wenn ich Zeit an einem ruhigen Ort finde, um einfach darüber zu sprechen, was an jenem Tag geschehen ist oder etwa über ein wichtiges Gesetz, dann ist das oft spät nachts. Weshalb ich das oft zu Hause tue. Die [Videos] sind recht ehrlich und direkt, weil ich wirklich einfach mein Telefon vor mich halte und rede. Ich habe allerdings meine Grenzen. Bilder meines Partners teile ich sehr selten in den sozialen Medien. Wir haben uns entschieden, keine Fotoreihen zusammen zu machen. Ich versuche, Grenzen um bestimmte Bereiche meines Privatlebens zu ziehen, aber über Politik versuche ich allgemein sehr offen zu sprechen.

Ratzow: In den USA begann die mittlerweile weltweite "me too"-Bewegung. Können Sie die Frauen verstehen, die jetzt gegen sexuelle Belästigung protestieren? Waren Sie selbst schon in Situationen, wo Sie dachten, dass jemand zu weit gegangen ist?

Ardern: Ja, ich denke, es ist schwierig, eine Frau zu finden, die nicht selbst schon solche Erfahrungen gemacht hat. Gerade zu Beginn meiner beruflichen Laufbahn, ich war natürlich noch jünger, wusste ich nicht immer, wie ich mich in unklaren Situationen richtig verhalten sollte - in Situationen, denen ich gar nicht hätte ausgesetzt sein sollen. Was ich wirklich besorgniserregend finde, ist, wie häufig dies heutzutage noch geschieht. Denn man hofft doch, dass es Fortschritte gibt und wir uns dahin entwickeln, dass Frauen endlich den Respekt erfahren, den sie einfordern; man hofft, dass wir diese Ziele heute langsam erreichen - und die "me too"-Bewegung zeigt, dass dies nicht der Fall ist. Die Verbreitung [solcher Fälle] ist in jenen Branchen [besonders groß], wo es ein Machtungleichgewicht [zwischen den Geschlechtern] gibt. Wissen Sie, ich habe auch beobachtet, dass überall dort, wo es im politischen Milieu dieses Ungleichgewicht gibt, Gesprächsdynamiken anders verlaufen und Frauen entsprechenden Situationen ausgesetzt sind. Und insofern ist es ein erster Schritt, sich dafür einzusetzen, aber er darf nicht der einzige bleiben.

Ratzow: Was ist das größte Ziel, das Sie für Neuseeland erreichen möchten?

Bild vergrößern
Neben dem Umweltschutz macht sich Jacinda Ardern besonders gegen Kinderarmut stark.

Ardern: Ich glaube, die zwei Bereiche, für die wir in Neuseeland am meisten machen müssen, betreffen einerseits unsere Umwelt, insbesondere den Klimawandel. Dies ist ein Thema, das nicht Opfer von Parteipolitik sein darf, denn wenn wir es dem politischen Auf-und-Ab aussetzen, werden wir nicht den nötigen Fortschritt machen. Und das gleiche gilt für Kinderarmut in Neuseeland. Diese Themen sollten nicht Objekt von Parteipolitik sein, so dass unsere Lösungsansätze eine Zukunft haben. So dass, wenn mein Name eines Tages im Parlament verlesen wird, vielleicht die Hälfte der Anwesenden meinen Namen nicht kennt, aber wenigstens einige unserer Gesetzesinitiativen.

Ratzow: Sie haben die Umwelt erwähnt. Laut einer Studie sind die Hälfte aller neuseeländischen Flüsse so verschmutzt, dass Kinder darin nicht schwimmen können. Hat Neuseeland hier versagt?

Ardern: Derzeit gelten 29 Prozent unserer Flüsse und Seen als zum Schwimmen ungeeignet. Und das ist meiner Meinung nach etwas, das nicht zu dem Neuseeland passt, das wir sein wollen. Das sind wir nicht. Wissen Sie, Teil unserer Identität in Neuseeland ist, dass wir von wunderschöner Natur umgeben sind, die sauber und grün ist und für deren Schutz wir verantwortlich sind. [Die derzeitige Situation] hat sich im Laufe etlicher Jahre entwickelt, aber wir haben damit Wahlkampf gemacht, die Wasserqualität innerhalb einer Generation verbessern zu wollen. Wir haben bereits gesagt, dass wir die Standards ändern müssen. Wir müssen die Nitratlevel senken und Sedimentierung reduzieren - dies sind wesentliche Aspekte dessen, was wir tun müssen. Und das bedeutet, dass wir die Art und Weise, wie wir Landwirtschaft betreiben, ändern müssen.

Ratzow: Sie haben die Wohnungs-Krise erwähnt. Eine Gegenmaßnahme ist der Vorschlag, die Zuwanderung zu begrenzen. Welche Botschaft wollen Sie damit vermitteln? Einwanderer, bleibt zu Hause?

Ardern: Nein, auf keinen Fall. Unsere Partei hat damit Wahlkampf gemacht, die Zahl der Flüchtlinge, die Neuseeland aufnimmt, verdoppeln zu wollen. Ich bin Neuseeländerin in der dritten Generation. Unser Land wurde von Menschen erbaut, die sich dazu entschlossen hatten, unter großen Entbehrungen Neuseeland zu ihrer Heimat zu machen. Allerdings müssen wir jetzt sicherstellen, dass wir Einwanderern nach Neuseeland auch ein wirklich gutes Zuhause bieten können. Und das schaffen wir zurzeit nicht unbedingt. In Auckland, das bislang einen Großteil der Zuwanderung aufgenommen hat, sind Wohnungen unerschwinglich, und die Infrastruktur ist durch den Bevölkerungszuwachs überlastet. Und teils haben wir gar keine freien Stellen für Menschen mit jenen Fachkompetenzen, von denen wir sagen, dass wir sie brauchen. Wir wollen also klüger vorgehen: die Leute dazu ermutigen, in unterschiedliche Regionen zu ziehen, dafür sorgen, dass Menschen mit bestimmten Fachkompetenzen passende Arbeitsplätze finden und dass wir ihnen einen wirklich guten Start in Neuseeland bieten, wenn sie sich dazu entscheiden, hierher zu ziehen.

Ratzow: Was ist ihr Lieblingsort in Neuseeland?

Ardern: Ich liebe die Küsten, egal wo. Wenn Sie herumreisen, werden Sie sehen, dass jede Gegend in Neuseeland seine ganz eigene besondere Schönheit hat. Wenn man in der Otago-Gegend ist und diese schönen Ebenen, Berge und Seen sieht - das ist überwältigend. Aber dann geht man auf die Coromandel-Halbinsel und sieht wunderschöne Küstenlandschaften. Wahrscheinlich liebe ich es am meisten, am Meer zu sein, egal wo am Meer: ob an der wilden Westküste oder den schönen Klippen im Osten, dort fühle ich mich besonders wohl.

Ratzow: Frau Premierministerin, vielen Dank und viel Glück für Ihre wachsende Familie.

Ardern: Vielen Dank, und genießen Sie Ihre Zeit hier.

Dieses Thema im Programm:

Das Erste | Weltspiegel | 25.03.2018 | 19:20 Uhr