Rund um den Michel

Hamburgs Szene-Dreieck

Sonntag, 06. Oktober 2019, 18:00 bis 18:45 Uhr
Montag, 07. Oktober 2019, 01:05 bis 01:50 Uhr

Hamburg hat gleich drei angesagte Quartiere und dort, wo St. Pauli, die Schanze und das Karo-Viertel ihre besten Seiten zusammenbringen, liegt das Szene-Dreieck: der Neue Pferdemarkt. Rund um den Michel springt mitten hinein und eine ganze Nacht lang von Club zu Club, tanzt Tango, probiert die patentierte Currywurst in Schorschs Imbiss und entdeckt die Firma Sachs und Sohn, die schon seit 185 Jahren am Platz ist und früher Kutschen für den dänischen König gebaut hat. Außerdem lassen wir uns von einem Street-Art-Künstler zeigen, dass sich rund um das Szene-Dreieck das größte Freiluft-Museum für Graffiti befindet und wir wandeln auf den Spuren der Beatles, die hier am Platz in der Musikalien-Handlung Rotthoff ihre Gitarren auf Abzahlung gekauft haben.

Auf den Spuren der Beatles

Von Außen sieht ihr Laden eher unscheinbar aus, aber drinnen verbergen sich wahre Schätze. Claus-Dieter Rotthoff und sein Sohn Maik verkaufen hochwertige und seltene Gitarren. Das Musikgeschäft Rotthoff gibt es am Neuen Pferdemarkt seit fast 100 Jahren. "Wir waren damals der einzige Laden in Hamburg, der amerikanische Gitarren hatte", sagt der heute 70-jährige Claus-Dieter Rotthoff. Sein Vater Otto belieferte in den sechziger Jahren den Starclub oder das Top Ten an der Reeperbahn mit Soundtechnik. Und so war es irgendwie klar, dass die Rotthoffs auch mit den aufstrebenden Bands zu tun hatten. Die Beatles waren damals noch Nobodys und hatten kaum Geld. John Lennon und Co. mussten bei den Rotthoffs auf Abzahlung kaufen. In ihrem Laden gingen die Jungs aus Liverpool ein und aus. Es sind Geschichten aus einem alteingesessenen Musikladen, der noch heute Kunden aus aller Welt hat und sich gegen die Online-Konkurrenz behauptet. Stammgast im Laden auf St. Pauli ist auch Musikerin Stefanie Hempel. Sie bietet Beatles-Touren an und spielt dabei Beatles-Songs auf ihrer Ukulele. So auch vor dem Hotel Pacific, wo die Beatles damals übernachteten. Claus-Dieter Rotthoff jedenfalls wird die Pilzköpfe nie vergessen.

Tattoo-Dreieck

Der Pferdemarkt ist ein echtes Szene-Dreieck. Durch die Lage zwischen Kiez, Schanze und Karo-Viertel tummeln sich hier besonders viele junge und hippe Menschen. Und bei denen steht die Körperkunst hoch im Kurs: Tätowierungen und Piercings sind hier nicht die Ausnahme, sondern die Regel. Entsprechend hoch ist auch die Dichte an Tattoo-Studios rund um den Pferdemarkt. Wir besuchen einige der Nadel-Künstler wie "Wild Cat", "Bubblegum Art Tattoo" und "Von Pferden und Fischen."

Bollywood am Neuen Pferdemarkt

Wenn man in der Gegend um den Neuen Pferdemarkt auf eine deutsche Frau im Sari trifft, kann man sich so gut wie sicher sein, dass man es mit Katrhin Guthmann zu tun hat. Sie trägt schon seit 20 Jahren keine "normale Kleidung" mehr und hat mehr als 300 farbenfrohe Saris in ihrem Kleiderschrank. Zusammen mit ihrem indischen Ehemann betreibt sie das "Maharaja", ein ayurvedisches Restaurant, in dem sie auch regelmäßig "Bollywood Nights" veranstaltet - mit Tänzerinnen, die schon in echten Bollywood-Filmen mitgespielt haben.

Streetart-Hochburg Neuer Pferdemarkt

Im Schmelztiegel von St. Pauli, Schanzenviertel und Karolinenviertel ist es bunt. Und das nicht nur in Bezug auf die Menschen, die dort leben, feiern und arbeiten. Sondern auch in Bezug auf die Häuser in der Gegend rund um den Neuen Pferdemarkt selbst: Kaum ein Haus, das nicht in irgendeiner Form umgestaltet wurde: Sei es durch gesprühte Tags, Schablonen-Kunst oder sogar dreidimensionale Kunst-Objekte. Und kaum ein Straßenzug, in dem nicht zumindest ein großformatiges Graffiti an einer Häuserwand prangt. Der größte Teil der Street-Art hier ist illegal entstanden, einiges aber auch legal. Wir haben einen der Street-Art-Künstler getroffen, der momentan selbst einen Hinterhof im Viertel verschönert - und uns von ihm durch das sich ständig veränderte Street-Art-Open-Air-Museum Neuer Pferdemarkt und Umgebung führen lassen.

Von der Kutsche zum Auto: Sachs und Sohn

Seit 185 Jahren sind Pferdestärken das Geschäft der Firma Sachs und Sohn: 1834 gegründet, baute Wagnermeister Bernhard Sachs zunächst einfache Kutschenmodelle. Doch die gute Qualität sprach sich herum und zwar bis in die höchsten Hamburger Kreise: Hagenbeck, Sieveking, Haller, Oppenheim und Darboven zählten zu den Stammkunden. Mit fortschreitender Motorisierung wandelte sich auch das Unternehmen: Reparaturen und Unfallinstandsetzungen wurden zum neuen Standbein der Firma. Beim Wandel durch die Jahrhunderte blieb eins aber stetig gleich, denn auch noch heute sitzt Sachs und Sohn noch immer am Neuen Pferdemarkt.

Interview zur Rindermarkthalle

Nur ein paar Meter vom Neuen Pferdemarkt entfernt liegt die Rindermarkthalle. Hier trifft Julia-Niharika Sen den Historiker Ole Müggenburg und erfährt im Interview, warum die Rindermarkthalle vor 150 Jahren an dieser Stelle errichtet wurde, wie es damals dort zuging und was sich heut ein der Halle abspielt. Die beherbergt nämlich im Erdgeschoss unterschiedliche Gastronomiebetriebe, Marktstände und Supermärkte und im Obergeschoss unter anderem eine Moschee, eine Street-Art-Schule und viele kleinere Stadtteil-Initiativen. Eine davon ist die Organisation „Go Banyo“, die Geld für einen Duschbus für Wohnungslose sammelt. Über dieses Projekt spricht Julia-Niharika Sen im zweiten Teil des Interviews mit Initiator Dominik Bloh.

Bei Schorsch

"So mein Herzilein, deine schöne Brünette". Es geht herzlich zu am Tresen im Imbiss bei Schorsch. Die Currywurstsoße hier soll weltweit einzigartig sein. Und die Größe des Ladens wahrscheinlich auch. Vier Meter lang und knapp zwei Meter breit. Am Neuen Pferdemarkt auf St. Pauli schwingt ein reines Frauenteam das Zepter. Schaschlik und Currywurst werden täglich von einem regionalen Fleischer angeliefert, aber das scharfe rote "Drum herum" ist noch liebevolle Handarbeit vor Ort. Für die Zubereitung der Currywurstsoße ist Maria verantwortlich. Die Rezeptur ist streng geheim, und Maria würde sie nie verraten. Die scharfe Soße ist im Szeneviertel Kult. Der frühere Imbiss-Inhaber Schorsch, der verstorben ist, meldete sogar ein Patent für sie an. Hinter dem Tresen arbeitet Vesna. "Hier gibt es ehrliche Hausmannskost und nur drei Gerichte: Schaschlik, Wurst und Kartoffelsalat", sagt sie. Der Kartoffelsalat ist ebenfalls ein Markenzeichen des Imbisses, den es seit 1961 gibt. Die 78-jährige Christel schnibbelt dafür täglich frische Kartoffeln in der Küche und bereitet ihn im Alleingang zu. Die Frauen verstehen sich untereinander auf engstem Raum. "Wir sind wie eine Familie", sagt Maria. Die Frauen halten die Tradition des Hauses jedenfalls aufrecht.

Ein Abend am Neuen Pferdemarkt

Wenn am Neuen Pferdemarkt die Sonne untergeht, erwacht er erst so richtig zum Leben. Besonders am Wochenende strömen dann Tausende über den Platz vom Schanzenviertel Richtung Reeperbahn oder umgekehrt. Rund um den Platz selbst hat sich dabei eine eigenständige Szene-Kultur entwickelt: Bunt, alternativ und voller Lebensfreude verwandelt sie den Neuen Pferdemarkt in einen ganz eigenen Ausgeh-Spot, der vollkommen unterschiedlichen Menschen ermöglicht, sich auszuleben und kreativ zu werden: Etwa der Club "Grüner Jäger", in dem auch Nachwuchsmusiker die Möglichkeit bekommen, sich und ihre Musik einem Live-Publikum zu präsentieren und der in Hamburg als einer DER Szene-Hotspots anerkannt ist. Oder die "K-OZ-Galerie", in der vom Graffiti-Künstler bis hin zum Aquarellmaler viele ihre Kunst ausstellen dürfen, die in kommerziellen Galerien gar nicht zum Zuge kämen oder dort auch gar nicht ausstellen wollen. Und, in der Ausstellungen vielmehr Party sind, als abgehobenes Kunst-Event. Und mittendrin das Tango-Studio "Universo Tango", in dem Menschen aus ganz unterschiedlichen Kulturen nach Einbruch der Dunkelheit im Tango-Takt verschmelzen als wäre man inmitten der argentinischen Hauptstadt Buenos Aires. Wir sind einen Abend lang in diesen Kosmos eingetaucht.

Design aus dem Hinterhof

Das Eckhaus am Schulterblatt 1 ist wohl das berühmteste eingerüstete Haus der Welt. Touristen und Passanten posieren vor der Fassade, machen Handy-Fotos und Selfies. Seit den Krawallen während des G20-Gipfels kennt fast jeder dieses Gebäude. Doch was sich dahinter verbirgt, wissen die wenigsten. "Paperlux" - diesen Namen kennt man nicht unbedingt in Hamburg, aber sehr wohl in London und Paris. Denn die Papier-Designer beliefern die großen Luxusmarken: Alexander McQueen, Montblanc und Hermès.

Jazz im Knust

Das Knust ist ein Musikklub in Hamburg mit langer Tradition. Er ist bekannt für seine Live-Auftritte von Größen aus den Bereichen Pop, Rock und Soul. Entstanden ist der Club aber aus einem Live-Club der 60er Jahre, in dem vor allem Jazz gespielt wurde - dem legendären Jazzhouse, in dem Udo Lindenberg entdeckt worden sein soll und Inga Rumpf mit ihrer Band regelmäßig auf der Bühne stand. Seit einiger Zeit haben die Betreiber den Jazz wieder für sich entdeckt und man findet die Musikrichtung vermehrt im Programm. Unter dem Titel "Jazzhouse" findet im Oktober sogar ein Festival im Knust statt.

Redaktionsleiter/in
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Redaktion
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