Sendedatum: 06.03.2018 21:15 Uhr

"Viele warten heute noch auf den Brigadier"

Was ist los im Osten, fragt sich unsere Reporterin Birgit Wärnke aufgrund der starken Wahlergebnisse der AfD. Selbst in der DDR aufgewachsen, macht sie sich auf eine Spurensuche in ihre alte Heimat. Auf ihrer Reise trifft sie sich mit ihrer ehemaligen Deutschlehrerin Sabine Stoof, 65 Jahre alt. Ein Gespräch über Ost und West, die Schwierigkeiten der Wende, den Erfolg der AfD und was das Wahlergebnis mit der DDR Vergangenheit zu tun hat.

In Hamburg würde sich niemand darüber definieren, "westdeutsch zu sein". Hier in Brandenburg habe ich die Erfahrungen gemacht, dass man sehr oft sagt, "ich bin Ossi".

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Die ehemalige Deutschlehrerin Sabine Stoof hat ihre Haltung gegenüber der DDR nach der Wende ändern müssen.

Sabine Stoof: Ja, das ist richtig. In meiner Generation ist es noch tief verwurzelt, ob Du Ossi oder Wessi bist. Das hat was mit der Wende zu tun. Ich glaube, die Ostdeutschen haben gelitten - auch, wenn viele die Wende als Befreiung empfunden haben. Ich wusste am Anfang auch nicht, ob ich mich freuen oder ärgern sollte. Ich habe mich gefragt, was bleibt von meiner Identität noch übrig. Viele hatten Angst, dass man ihre Identität nehmen will. Wir mussten uns nämlich verändern. Wir haben ein neues System übergestülpt bekommen, in dem wir uns zurechtfinden mussten. Wir waren total verunsichert. 

Aber warst Du denn damals auch der Meinung, dass die DDR das bessere System war?

Stoof: Ja, da war ich überzeugt. Ich hab das nicht hinterfragt, darüber bin ich manchmal auch erstaunt. Ich stand zum Beispiel in Berlin an der Mauer und hab so gedacht, da drüben ist die Freiheit, aber damit hab ich nichts verbunden. Und ich glaube, es ging vielen Ostdeutschen so, die sich einfach in der DDR eingerichtet hatten.

Wie hat denn dieser Switch funktioniert: Du warst eine parteitreue Lehrerin in der DDR, dann kam die Wende und dann warst Du auf einmal Lehrerin in Gesamtdeutschland, wie hat denn das funktionieren können?

Stoof: Dieses Abnabeln von diesem System, das hat ein paar Jahre gedauert. Als ich mit euch zusammengearbeitet habe, da hab ich euch - meine Schüler - auch benutzt, um selbst mit diesem Problem klar zu kommen: Habe ich Schuld übernommen? Und ja, ich habe definitv Schuld übernommen, indem ich in diesem System nicht begriffen habe, was dieses System bedeutet hat. Das ist meine Schuld, dass ich Mitläufer war, dass ich nicht hinterfragt habe.

Wie fühlt sich die Erkenntnis an, 40 Jahre lang einer falschen Idee hinter gelaufen zu sein?

Stoof: Ganz schlimm. Das ist eigentlich das Schlimmste. Ich meine, ich will nicht sagen, ich hatte eine schlechte Kindheit oder eine schlechte Jugend. Ich konnte mich in diesem System verwirklichen, soweit ich es einschätzen konnte. Aber mir ist natürlich heute bewusst, dass ich vielleicht, wenn ich in der Bundesrepublik Deutschland groß geworden wäre, ganz andere Möglichkeiten gehabt hätte, und dass ich wahrscheinlich einen ganz anderen Weg gegangen wäre. Ich bin dumm, weil ich nur in dieser DDR gelebt habe wie unter einer Glasglocke. Also diese Witze von der Käseglocke, und wir wissen nicht, was drum herum los ist - das war definitiv so.

Ich hab das Gefühl, dass es in Ostdeutschland eine große Unzufriedenheit gibt.

Stoof: Ich denke mir, das ist so eine Art Enttäuschung. Enttäuschung über die Politik, über sich selbst, mit seiner eigenen Geschichte nicht klarkommen, nach scheinbar einfachen Lösungen suchen. Das, was die DDR immer gemacht hat: Es gibt eine Parole - und wir laufen alle hinterher. Das größte Problem ist, dass die Menschen immer noch diese Balance zwischen Individuum - also sich selber kümmern, selber aktiv werden, selber was tun - und einer Gemeinschaft - es wird sich schon gekümmert - nicht haben. Die warten heute noch drauf, dass der Brigadier kommt und sagt: Na komm, wir gehen mal ins Kino oder wir gucken uns mal ein Konzert an. Also: Sich selber nicht kümmern, sondern darauf warten, dass der Staat sich kümmert. Und wenn der Staat nicht hilft, dann helfen sie sich selber, indem sie das einzige tun, mit dem sie den Staat und die Merkel richtig ärgern können, indem sie die AfD wählen.

Also Ost-West ist noch längst nicht aus den Köpfen?

Stoof: Ich mag es selbst nicht mehr, in solchen Kategorien zu denken. Aber es gibt viele Leute, die den Osten nicht verstehen und genauso viele Leute gibt es, die den Westen nicht verstehen. Der Punkt, wo sich Ost und West auf Augenhöhe füreinander interessieren - dieser Punkt ist meiner Meinung nach noch nicht erreicht. Solange das so ist, wird sich das auch nicht so schnell verwachsen. Die jüngeren Leute übernehmen die Einstellungen von den älteren Leuten und deswegen brauchen wir eine Aufarbeitung der Vergangenheit.

Das Interview führte Birgit Wärnke.

Dieses Thema im Programm:

Panorama - die Reporter | 06.03.2018 | 21:15 Uhr