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Mein Nachbar ist Nazi - Was tun?

Montag, 01. März 2021, 22:00 bis 22:45 Uhr

Wie umgehen mit den Rechten gleich nebenan? Ausgrenzen, tolerieren oder einbinden? 45 Min-Reporter Hans Jakob Rausch sucht nach Antworten in norddeutschen Dörfern, wie etwa im mecklenburgischen Groß Krams. Hier wohnt Wolfgang Gresens. Der pensionierte Schäfer sagt: "Die politische Einstellung meiner Dorfnachbarn stellt für mich kein Problem dar." So wie er denken viele der 185 Einwohnerinnen und Einwohner. Dabei sind die beiden Nachbarn, von denen Gresens spricht, Neonazis.

Bürgerinitiative gegen rechts wird eher kritisch beäugt

Ragnar Böhm und Sebastian Richter haben beide eine einschlägige Vergangenheit: Böhm betrieb früher ein Bekleidungsgeschäft für Nazimarken, Richter war Bundesvorsitzender der NPD-Jugend. Sie ließen sich als "Unabhängige" in die Gemeindevertretung wählen, einer ist in der Feuerwehr aktiv, und geben sich als heimattreue Kümmerer. Eine Bürgerinitiative im Dorf wehrt sich, wird von der "schweigenden Mehrheit" jedoch eher kritisch beäugt.

Ländlicher Raum: Anfällig für Unterwanderung

Kein Einzelfall, sagt Daniel Trepsdorf vom mobilen Beratungsteam gegen rechts des Regionalzentrums Westmecklenburg mit Sitz in Ludwigslust. Der ländliche Raum sei besonders anfällig für Unterwanderung: "Hier ist es schwieriger dagegen anzugehen, weil die soziale Nähe groß ist." Fruchtbarer Boden für sogenannte "völkische Siedler" wie Neonazi Sebastian Richter. Der Rechtsextremist hat die neue Strategie auf Facebook selbst beschrieben: "Graswurzelarbeit ist wichtiger als Parlamentssitze."

Fallbeispiel Fußballverein

Sascha Helfenstein und seine Fußballmannschaft vom TuS Appen wollen nicht mit Nazis spielen. Doch ihren Neuzugang, einen NPD-Politiker, werden sie so schnell nicht los. Denn der zieht vor Gericht. © NDR
Sascha Helfenstein und seine Fußballmannschaft vom TuS Appen werden ihren Neuzugang, einen NPD-Politiker, nicht so schnell los. Denn der zieht vor Gericht.

Die Verantwortlichen des Fußballkreisligisten TuS Appen haben sich für Ausgrenzung entschieden, als sie erfuhren, dass ihr Neuzugang NPD-Vorsitzender in Hamburg ist. Vereinschef Diekert ist besorgt: "Stellen Sie sich vor, der wird hier Trainer und beeinflusst unsere Kinder!" Ein mühsamer, jahrelanger Gerichtsprozess begann. Zweimal musste die Satzung des Vereins geändert werden, erst dann bekam der TuS Appen Recht und Lennart Schwarzbach wurde ausgeschlossen. Zumindest vorerst. Jetzt will Schwarzbach vor das Bundesverfassungsgericht ziehen.

Die Feuerwehr - ein attraktives Ziel für Rechtsextreme?

Seine Warnung vor einer Unterwanderung brachte ihn in Lebensgefahr: Hartmut Ziebs, ehemaliger Präsident des Deutschen Feuerwehrverbandes: "Die teilweise rechtsnationalen Tendenzen bei der AfD sind eine Gefahr für die Demokratie. Es wäre dramatisch, wenn die Feuerwehr da reinrutscht." Was darauf folgte, waren ein öffentlich ausgetragener Machtkampf in der Feuerwehr, persönliche Angriffe, Drohmails gegen Hartmut Ziebs und seine Familie und zuletzt ein toter Fuchs vor seiner Haustür. Am Ende trat er zurück. Aber er bleibt dabei, die Feuerwehr sei ein attraktives Ziel für Rechtsextreme.

Seine Befürchtungen haben sich schnell bewahrheitet: Björn Höcke hielt beim Jahrestreffen des Landesfeuerwehrverbandes in Thüringen eine Rede. Und in der Feuerwehr Bremen flog im November 2020 eine rechtsextreme Chatgruppe auf.

Die Doku von Hans Jakob Rausch beleuchtet die Unterwanderungsstrategien der extremen Rechten und die schwierige Balance zwischen Toleranz und dem Engagement gegen rechts.

Redaktionsleiter/in
Kathrin Becker
Redaktion
Jochen Graebert
Autor/in
Hans Jakob Rausch
Produktionsleiter/in
Tim Carlberg

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