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Die letzten NS-Täter: Ohne Strafe, ohne Reue?

Montag, 09. September 2019, 22:00 bis 22:45 Uhr

Karl M. ist 96 Jahre alt. Er wurde 1949 in Frankreich in Abwesenheit als Kriegsverbrecher zum Tode verurteilt. Doch da lebte er längst wieder in seiner Heimatgemeinde Nordstemmen in Niedersachsen. Bis heute unbehelligt. © NDR

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Karl M. ist 96 Jahre alt. Er wurde 1949 in Frankreich in Abwesenheit als Kriegsverbrecher zum Tode verurteilt, weil er während des Krieges als SS-Mann an der Ermordung von Zivilisten beteiligt war. Doch da lebte er längst wieder in seiner Heimatgemeinde Nordstemmen in Niedersachsen.

Aus seiner Gesinnung macht er keinen Hehl. In einem Interview mit dem NDR Ende vergangenen Jahres antwortete er auf die Frage, "ob er sich so einen wie Hitler heute wieder wünsche" mit den Worten: "Warum nicht? Der hat doch durchgegriffen!" Auch die Ermordung von Millionen Juden bezweifelt er: "So viel Juden hat es damals gar nicht gegeben bei uns. Das hat man schon widerlegt, habe ich letztens irgendwo gelesen."

Wie sieht angemessener Umgang mit NS-Tätern aus?

Weitere Informationen

Interview mit NS-Verbrecher: "Ich bereue nichts"

Karl M. war als SS-Offizier an der Ermordung von 86 Franzosen beteiligt. Er wurde dort verurteilt, entzog sich jedoch der Strafe. Reue kennt der Mann aus dem Kreis Hildesheim nicht. (Panorama vom 29.11.2018) mehr

Spätestens seit diesem Interview diskutieren die etwa 5.000 Einwohnerinnen und Einwohner der Gemeinde Nordstemmen, wie man sich gegenüber dem Mitbürger Karl M. verhalten soll. Eine Debatte, die auch viele andere bewegt: Was ist der angemessene Umgang mit all jenen NS-Tätern, die noch leben? Soll gegen sie noch ermittelt werden oder sollte nicht irgendwann Schluss sein?

Diese Dokumentation geht diesen Fragen nach und befragt dazu Historiker, Staatsanwälte und Verantwortliche der Gedenkstätten, die an die vielen Opfer des Naziterrors erinnern. Und sie beobachtet eine Schulklasse aus Nordstemmen bei ihrem Besuch in Auschwitz.

86 unschuldige Zivilisten von SS-Leuten ermordet

Die Autoren besuchen auch Villeneuve d’Ascq, eine Gemeinde in Nordfrankreich mit 3.300 Einwohnerinnen und Einwohnern. Hier geschah das Kriegsverbrechen, an dem Karl M. 1944 beteiligt war. Alle fünf Jahre erinnern sie hier mit Fackelzügen und Gedenkveranstaltungen an jene 86 unschuldige Zivilisten, die damals von SS-Leuten ermordet wurden. Als Racheaktion für einen Anschlag auf einen mit 400 SS-Angehörigen besetzten Zug, bei dem allerdings niemand verletzt wurde und an dem keiner der erschossenen Menschen beteiligt war.

Dieses Kriegsverbrechen hat die Gemeinde nie vergessen. Sie ist fassungslos, dass einer der Täter, nämlich Karl M., trotz des in Frankreich verhängten Todesurteils nie behelligt wurde.

Gemeinde distanziert sich von Aussagen ihres Mitbürgers

Links

"Was haben die NS-Verbrechen mit unserem heutigen Leben zu tun?“

Rede des Leiters der niedersächsischen Gedenkstätten zum Gedenktag für die Opfer des Nationalsozialismus, 27.01.2019 (PDF) extern

Die Gemeinde Nordstemmen hat sich mittlerweile per Ratsbeschluss von den Aussagen ihres Mitbürgers distanziert und den Nachkommen der Opfer ihr Mitgefühl übermittelt. In den Jahren davor war M. ein geachteter und gern gesehener Gast bei mehreren Veranstaltungen. Der Heimatverein hatte ihn auch für seine Verdienste "in der Geschichtswerkstatt und in der plattdeutschen Runde" geehrt.

Karl M. ist seit Langem, wie auch andere noch lebende NS-Täter, immer mal wieder dabei, wenn sich Rechtsradikale zu Heimatabenden treffen. Stolz erzählt er im NDR Interview, wie er dort auch um Autogramme gebeten wird. Mittlerweile hat aber die Staatsanwaltschaft Hildesheim aufgrund des Panorama-Interviews Anklage gegen den früheren SS-Mann erhoben, wegen Volksverhetzung und Verunglimpfung des Andenkens Verstorbener.

Über die Täter muss gesprochen werden

Jeder dritte Deutsche wünscht sich einen "Schlussstrich" unter die Nazi-Vergangenheit. Das zeigt eine aktuelle Studie. Nur jeder Fünfte der Befragten glaubt zudem, dass es unter seinen Vorfahren Täter im Zweiten Weltkrieg gab. Doch um zu verstehen, warum es zur NS-Diktatur und dem Holocaust kommen konnte, muss man sowohl über die Täter sprechen als auch mit denen, die noch leben.

Jens-Christian Wagner, Leiter der Stiftung niedersächsische Gedenkstätten, ist davon überzeugt, dass zum Beispiel der Blick in Gedenkstätten nicht nur auf die Opfer gerichtet sein dürfe: "Natürlich die Opfer stehen im Mittelpunkt des Gedenkens, das ist klar. Im Sinne des würdigenden Gedenkens an Menschen, denen die Nazis die Würde genommen haben. Wenn wir uns aber umfassend mit den Hintergründen der Tat auseinandersetzen wollen und nachfragen, warum diese Menschen zu Opfern geworden sind, dann müssen wir viel stärker nach den Tätern Mittätern und Zuschauern fragen und nach der Wirkungsweise der NS-Gesellschaft, die eine radikal rassistisch organisierte Gesellschaft gewesen ist." Also muss es auch um die Täter gehen: wie um Karl M., der bis heute den Nationalsozialismus verharmlost.

Historischer Hintergrund

Die NS-Zeit: Krieg und Terror

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Autor/in
Robert Bongen
Fabienne Hurst
Produktionsleiter/in
Michael Schinschke
Redaktion
Kuno Haberbusch
Redaktionsleiter/in
Kathrin Becker
Autor/in
Julian Feldmann