45 Min - Der Maßregelvollzug: Weggesperrt und vergessen?

Montag, 22. November 2021, 22:00 bis 22:45 Uhr

Der Maßregelvollzug im niedersächsischen Moringen ist für seine dicke Dornenhecke bekannt. An vielen Stellen ersetzt sie die hohen Mauern und Zäune, die sonst beim Maßregelvollzug üblich sind. © NDR
Mauern mit Stacheldraht umgeben viele Einrichtungen des Maßregelvollzugs.

Wie sieht es hinter den Mauern von Einrichtungen aus, in denen psychisch kranke Straftäterinnen und Straftäter untergebracht sind? Den NDR Journalistinnen Kira Gantner und Simone Horst ist es in einer zweijährigen Recherche gelungen, sowohl mit Insassen als auch mit Klinikleiter*innen, Angehörigen und Anwält*innen zu sprechen. Entstanden ist ein vielschichtiges Porträt des Systems Maßregelvollzug, das große ethische Fragen aufwirft.

Unterbringung ohne Entlassungsdatum

Florian ist seit elf Jahren im Maßregelvollzug untergebracht. Der 28-Jährige schickt den Autor*innen über Monate Audiobotschaften. Ein Tagebuch über sein Leben hinter Mauern und Stacheldraht. Wer Florians angenehme Stimme hört, kann sich kaum vorstellen, dass er als Teenager ein schweres Gewaltverbrechen begangen hat. Aufgrund einer psychischen Erkrankung wurde er damals für schuldunfähig erklärt und im Maßregelvollzug untergebracht - auf unbestimmte Zeit. Im Gegensatz zur normalen Haft gibt es kein Entlassungsdatum.

Wann jemand als nicht gefährlich gilt und wieder entlassen werden kann, bewerten im Wesentlichen die behandelnden Ärztinnen und Ärzte. Florian sagt, dass er zunächst keine Angst vor dem Maßregelvollzug hatte, weil er davon ausging, schnell wieder entlassen zu werden, wenn er eine Therapie mache und sich an die Auflagen halte. Heute sind Florian und auch seine Mutter verzweifelt. Sie fühlen sich der Macht der Klinik hilflos ausgeliefert. Ein Gefühl, das sie mit anderen Insassen und Angehörigen teilen.

"So stellt man sich die Hölle vor"

Sabine Rückert, stellvertretende Chefredakteurin "DIE ZEIT" und langjährige Gerichtsreporterin im Interview. © NDR
Sabine Rückert, stellvertretende Chefredakteurin "DIE ZEIT" und langjährige Gerichtsreporterin im Interview.

Sabine Rückert, stellvertretende Chefredakteurin der Wochenzeitung "Die Zeit" und ehemalige Gerichtsreporterin, erklärt zu manchen forensisch-psychiatrischen Kliniken: "So stellt man sich die Hölle vor. Ich habe mich für meine Arbeit häufig mit externen Gutachtern unterhalten, die festgestellt haben, dass hier letztlich ein Willkürsystem herrscht. Dass manche Regeln, nach denen sich die Patienten richten müssen, jede Woche geändert werden." Das gelte allerdings nicht für alle Kliniken, sagt Rückert.

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Liberales Konzept: Hecken statt Mauern

Eine Einrichtung des Maßregelvollzugs in der niedersächsischen Ortschaft verfolgt ein liberales Konzept, bezieht zum Beispiel auch Tiere in die Therapie mit ein. Teile des Geländes sind mit einer dicken Hecke statt mit Mauern und Stacheldraht gesichert. Doch der Druck, der auf den Verantwortlichen lastet, sei groß, sagt Leiter Dirk Hesse. Die Gesellschaft habe Angst vor psychisch kranken Straftätern. "Es wird Unmögliches erwartet. Wenn man die Leute einsperrt, ist es nicht richtig. Aber wenn man sie rauslässt, ist es auch nicht richtig. Das heißt, wir Forensiker haben letztlich einen gesellschaftlich unerfüllbaren Auftrag, weil wir es immer falsch machen", sagt Hesse.

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