Super Duper Plastic Man

Die vergessene Funk-Legende Ike White

In der Nacht von Dienstag auf Mittwoch, 30. September 2020, 00:00 bis 01:20 Uhr

1974 erschien die Schallplatte "Changin` Times", ein außergewöhnliches Album, das unter außergewöhnlichen Umständen aufgenommen worden war: Es war die erste Plattenaufnahme in einem amerikanischen Zuchthaus. Der Künstler war Ike White, ein musikalisches Supertalent, der mit 19 Jahren wegen Mordes zu lebenslanger Haft verurteilt wurde.

Album Cover Plattencover "Changin' Times". © NDR/Erica Starling Productions
1974 erschien das Album "Changin' Times", aufgenommen in einem US-Gefängnis.

Der Film zeigt mit bislang unveröffentlichtem Archivmaterial Ike Whites Lebensweg vom Gefängnis in die Freiheit und erzählt, wie er sich immer wieder neu erfand, zuletzt als Party-Musiker David Maestro.

Die unglaubliche Geschichte des Ike White

Ike White, ein hochtalentierter und vor Jahren umjubelter Ausnahmemusiker, lebte unter anderem Namen jahrzehntelang unerkannt in San Diego, Kalifornien. Seine dunkle Vergangenheit sollte für immer vergessen sein und seine unglaubliche Geschichte nie erzählt werden.

Ike White bei der Plattenaufnahme im Gefängnis. © NDR/Erica Starling Productions
Ausnahmekünstler Ike White bei der Plattenaufnahme im Gefängnis.

Aber es sollte anders kommen: Regisseur Dan Vernon hörte die längst verschollene Platte zufällig und war sofort fasziniert. Mit seiner Produzentin Vivienne Perry machte er sich auf die Suche nach dem Ausnahmekünstler und fand ihn. Er nannte sich David Maestro. "Es war, als hätte er auf uns gewartet", erzählt Dan Vernon. Nach einer Woche Dreharbeiten und ausführlichen Interviews übergab er den Filmemachern sein umfangreiches Archiv mit dem Versprechen auf weitere Drehs.

Hochkomplexe Persönlichkeit

Doch stattdessen brachte er sich um. Seine Witwe Lana Gutmann bat die Filmemacher, weiterzuarbeiten an dem Film über Ike White und sein Leben. Was sie entdeckten war unglaublich: Ike hatte sein ganzes Leben sorgsam archiviert. Es fanden sich Exfrauen und Kinder und immer wieder die Musik.

Die Musik war eine treibende Kraft im Leben von Ike White, andere Kräfte waren die Gefängnisvergangenheit auszuradieren, Liebe zu finden, den erlebten Rassismus vergessen zu machen. Ike White war ein unglaublich talentierter Musiker, eine hochkomplexe Persönlichkeit und letztlich ein gebrochener Mann.

Musikalisches Wunderkind

Ike White vor dem Mikrophon. © NDR/Erica Starling Productions
Ike White spielte in der Gefängnisband von San Quentin, wo ihn der Produzent von Jimi Hendrix entdeckte.

Geboren in Chicago wuchs er in einer armen afroamerikanischen Familie auf. Beide Eltern waren Musiker, Ike ein musikalisches Wunderkind. Als er 16 war, verstarb sein Vater und Ike wurde völlig aus der Bahn geworfen. Wütend und arbeitslos schloss er sich einer Gang an. 27 Überfälle gingen auf ihr Konto, beim letzten erschoss er versehentlich einen Ladenbesitzer. Mit 19 saß er nun lebenslänglich im berüchtigten Gefängnis von San Quentin. Er machte weiterhin Musik und spielte in der San Quentin Prison Band, wo ihn Jerry Goldstein, der Produzent von Jimi Hendrix und Sly & the Family Stone, entdeckte. So kam es zu der legendären Plattenaufnahme im Gefängnis.

Ike White verlor seine Karriere aus den Augen

Bei der Plattenaufnahmen im Gefängnis. © NDR/Erica Starling Productions
Seiner Karriere zum Funk-Superstar stand nur eines im Wege: Ike White selbst.

Ike schrieb alle Songs und spielte die meisten Instrumente, die anderen Musiker kamen von Santana und Sly & the Family Stone. Stevie Wonder bewunderte Ikes Musik und setzte sich für ihn ein. Der Superstar besorgte ihm einen Anwalt, Ike kam nach 14 Jahren Haft auf Bewährung frei. Seiner Karriere zum Funk-Superstar stand nur eines im Wege: er selbst. Er lenkte sich ab mit Frauen, Partys feiern und verlor seine Karriere aus den Augen, verschwand schließlich in die Anonymität der Suburbs. Bis ihn die Filmemacher dort fanden.

Redaktion
Barbara Biemann
Produktionsleiter/in
Daniel Buresch
Autor/in
Dan Vernon